Narren fressen einen Narren – an Orden

Karneval ist des Rheinländers liebste Tradition. Sogar nach dem Krieg inmitten der Trümmer fanden sich die Menschen zusammen, um Karneval zu feiern. Mit 480 Vereinen ist Köln die Karnevalshochburg schlechthin; nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) bringt der Karneval der Stadt in jeder Session einen Umsatz von mehr als 460 Millionen Euro. Und was wäre die fünfte Jahreszeit ohne die vielen Accessoires? Auf Karnevalsorden spezialisiert hat sich die Orden Bley Prägaform GmbH in Bonn-Beuel. Ingo Bley betreibt den Familienbetrieb in der dritten Generation zusammen mit seinem Bruder, Michael Bley, und seinem Sohn, Sascha Bley. Zu den Zeiten des Großvaters stellte die Familie noch keine Karnevalsorden her, sondern fertigte Anstecknadeln. Doch dann wurde die Nachfrage nach Karnevalsorden so groß, dass sich Familie Bley ganz auf den Karneval spezialisierte.

Die Bedeutung des Karnevalsordens erklärt sich aus seiner Entstehung zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Damals wollten sich die Kölner gegen die verhasste preußische Obrigkeit auflehnen und mit den Karnevalsorden ihre Geringschätzung militärischen Benehmens und Pomps ausdrücken. Die Karnevalsorden stellten also eine Persiflage auf die Orden, Schärpen und Brustbänder der Preußen dar. Heute hingegen verleihen Karnevalsgesellschaften die Orden selbst als Auszeichnung für ein großes Engagement in der närrischen Zeit.

Im Rheinland werden die Orden auch oft an Privatpersonen verkauft, um die Session zu finanzieren. Grundsätzlich unterschieden sich diese Orden nicht von den als Auszeichnung verliehenen, sagt Sascha Bley, zumindest was das Motiv angeht. Bei den Orden, die für besondere Verdienste verliehen würden, sei aber die Veredlung aufwendiger; es würden zum Beispiel besondere Steine und edlere Bänder ausgesucht oder statt der Ordensbänder eine schmucke Kette gewählt.

So hat der Orden, der anfangs als Persiflage gedacht war, seine ursprüngliche Bedeutung ins Gegenteil verkehrt. „Bei uns wird alles in hochwertiger Handarbeit gefertigt“, sagt Ingo Bley. Jedes Produkt sei ein Unikat. Diese handwerkliche Qualität hebe Orden Bley ab von Konkurrenten, die maschinell gefertigte Ware anböten. Es würden zum Beispiel winzige Strasssteine einzeln auf die Orden geklebt und die kleinste Pupille einer Figur von Hand aufgemalt. „Die Qualität eines Ordens erkennt man daran, dass die Gesichter darauf leben.“ Zu den Kunden des Unternehmens gehören die Kölner Prinzen- und Ehrengarde, „die Löstige Paulaner“, „die Fidele Zunftbrüder“ sowie die Bonner und die Beueler Stadtsoldaten.

Das ganze Jahr über produziert das Unternehmen mit 15 Mitarbeitern ausschließlich für den Karneval. „Elf Monate arbeiten wir für den Karneval, und einen feiern wir selbst“, sagt Ingo Bley. Er selbst ist bei den Beueler und den Bonner Stadtsoldaten aktiv. Sein Bruder hält den Kontakt zu Köln. Schon nach dem Aschermittwoch beginnt die Produktion für die kommende Session; dann werden die neuen Entwürfe eingereicht. Von September an werden die nach Kundenwunsch angefertigten Entwürfe umgesetzt. Dazu hat ein Grafiker eine vektorisierte Schablone erstellt, die von einem Graveur in Werkzeugstahl übertragen wird, wie Ingo Bley erklärt. Anschließend beginnt das Veredelungsverfahren. Auf Bändern aus einer Zinklegierung werden die Außenformen der Rohlinge gestanzt und die Motive eingeprägt. Als Nächstes werden die Orden entgratet und gereinigt, und sie erhalten die gewünschte Farbe – Gold, Silber oder Bronze – durch galvanische Bäder, dem einzigen Arbeitsschritt, der extern getätigt wird. Zu guter Letzt werden die schimmernden Orden mit Strasssteinen beklebt, verziert und von Hand lackiert. Das Tüpfelchen auf dem i stellen die Bänder dar, bei denen der Kunde zwischen mehr als 150 verschiedenen Farben und Farbzusammenstellungen wählen kann.

Orden Bley hat auch den diesjährigen Sessionsorden des Bonner Prinzenpaares angefertigt, auf dem zwischen Kleeblättern, einer Krone und Strass ein kleiner Monitor zu sehen ist, der in einer Diashow lokale Sehenswürdigkeiten anzeigt. Ein anderer Orden spielt auf Knopfdruck Musik. „Grundsätzlich unterliegen die Karnevalsorden keinen Trends und Moden im landläufigen Sinn, eine wichtige Einflussgröße stellt das jeweilige Karnevalsmotto dar.“ So orientieren sich bei Orden Bley 80 Prozent der in diesem Jahr an die Kölner Karnevalsgesellschaften verkauften Orden an dem diesjährigen Motto „social jeck – kunterbunt vernetzt“. Eine Karnevalsgesellschaft orderte zum Beispiel ein Männchen mit Handy, auf einer Weltkugel sitzend. Die Auflagen, die die Karnevalsvereine bestellen, liegen zwischen 10 und 4000 Stück. An Privatkunden liefert Orden Bley nicht.

Im Verkauf kostet ein handgefertigter Orden zwischen 8 und 14 Euro. Rund 100000 Orden werden jährlich bestellt. 2014 lag der Umsatz bei knapp zwei Millionen Euro. 90 Prozent der Produktion ist dem Karnevalsgeschäft gewidmet – rund 60 Prozent sind Orden, 30 Prozent Pins und Anstecker und knappe 10 Prozent Modeschmuck. Auch ins Ausland liefert Orden Bley, zum Beispiel an einen Bundeswehrstandort in New Mexico.

Informationen zum Beitrag

Titel
Narren fressen einen Narren – an Orden
Autor
Isabelle Halang
Schule
Berufskolleg , Siegburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.02.2015, Nr. 30, S. 18
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2014/2015
Kategorie
Print

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