Der Dudelsack ist nicht abgeschottet

Der „ewige Ton“ macht den besonderen Reiz der Sackpfeife aus, er faszinierte die Menschen schon vor Jahrhunderten. Wer heutzutage das Dudelsackspielen lernen möchte und auch an der Geschichte und am Instrument selbst interessiert ist, der findet womöglich seinen Weg an die Dudelsack-Akademie in Hofheim am Taunus. Geleitet wird sie von Thomas Zöller, dem ersten studierten Dudelsackspieler Deutschlands.

Knapp 100 Schüler – Kinder, Jugendliche und Erwachsene – besuchen regelmäßig den Unterricht. Sie kommen ein- bis zweimal alle zwei Wochen. „Wir haben sowohl Leute, die komplette Anfänger sind, als auch professionelle Musiker“, sagt Zöller. Die meisten kommen zum Einzelunterricht. 60 Minuten kosten rund 35 Euro. Es finden auch mehrstündige oder ganztägige Workshops statt, in denen zum Beispiel bestimmte Haltungs- und Atemtechniken oder Varianten der europäischen Dudelsackmusik vermittelt werden. Die Kursgebühren liegen dann zwischen 20 und 90 Euro.

Das Dudelsackspielen wird nicht auf dem Dudelsack erlernt, sondern auf dem Practice-Chanter. Auf dieser Übungspfeife könne man Griffweisen und grundlegende Verzierungstechniken besser erlernen, weil man die Motorik der Finger in den Mittelpunkt stellen könne, erläutert Zöller. Druckverhalten, Loslösen von Atmung und Intonation kämen später auf dem Dudelsack von selbst. Einen Practice-Chanter stellt die Akademie zur Verfügung. Wer sich selbst einen solchen zulegt, muss dafür 40 bis 100 Euro bezahlen. Wesentlich kostspieliger ist mit mindestens 800 Euro ein Dudelsack.

Unterrichtet wird nicht nur schottische Musik, denn der Dudelsack wird nicht als rein schottisches Instrument angesehen. Er gehöre genauso zur deutschen Kultur, sagt Zöller. „Das Instrument war im Mittelalter bei uns schon verbreitet, als es in Schottland gerade erst so richtig losging.“ Ursprünglich stammt die Sackpfeife aber vermutlich aus Indien; dort wurde sie schon rund 2000 v. Chr. gespielt, rund 1000 v. Chr. dann in Griechenland. Wie zwei Urkunden aus dem Kloster St. Blasien im Schwarzwald belegen, war der Dudelsack schon im 8. und 9. Jahrhundert in Deutschland bekannt und wurde dann in ganz Europa an den mittelalterlichen Höfen gespielt. Ende des 17. Jahrhunderts verschwand das Instrument weitgehend wieder, nicht aber in den schottischen Highlands. Dort wurden das Instrument und die Musik weiter verfeinert. Doch auch in der Bretagne, in Zentralfrankreich, in Galizien und auf dem Balkan besteht eine lange, ungebrochene Dudelsacktradition.

Wenn die Schüler der Dudelsack-Akademie auftreten, können sie das mit oder ohne Kilt tun. „Wir versuchen ein Bewusstsein zu schaffen, was Klischee und was Kultur ist, wir beschäftigen uns eher mit der Kultur“, sagt Zöller. Einmal im Jahr bekommt die Akademie Besuch aus Schottland – von einem staatlich anerkannten Prüfer einer schottischen Universität. Die Prüfung wird von der Scottish Qualifications Authority anerkannt.

Zu Zöllers Team gehört auch Masaki Kato. Mit ihm schloss Zöller am Royal Conservatoire of Scotland in Glasgow den Studiengang zum „Bachelor of Scottish Music“ ab. Kato ist der erste Asiate mit diesem Abschluss, Zöller der erste Festlandeuropäer unter den Absolventen. Zu Beginn hat sich Zöller das Dudelsackspielen weitgehend selbst beigebracht. Doch er wollte mehr über das Instrument und seine Geschichte erfahren. Er nahm zunächst Privatunterricht in Schottland. Später bewarb er sich für den Studiengang in Glasgow, für den jedes Jahr nur drei Personen zugelassen werden. Nach dem Studium gründete er die Schule in Hofheim. Als Leiter der Akademie, Musiker und Autor sowie als künstlerischer Leiter des Interkeltischen Folkfestivals kann er gut von seinen Einkünften leben, wie er sagt. Außerdem hat er Unterrichtswerke verfasst.

Die 44 Jahre alte Eventmanagerin Bettina Kern besucht seit neun Jahren den Unterricht an der Akademie. „Ich habe einen anstrengenden Job, der nichts mit Musik zu tun hat. Insofern ist das Dudelsackspielen etwas, bei dem ich das Gefühl habe, dass andere Sinne angesprochen werden, also ein willkommener Ausgleich“, erzählt sie. Am Anfang sei es schwer gewesen, doch schon nach kurzer Zeit konnte Bettina Kern einfache Stücke spielen. Sie besitzt eine Smallpipe und eine Highlandpipe und spielt auch in einer kleinen Gruppe. Auf die Idee, Dudelsack zu spielen, kam Kern mit 21 Jahren im Urlaub in Florida, als sie zwei Männer auf Highlandpipes spielen hörte. „Ich bekam eine Gänsehaut, und da war es um mich geschehen.“

Die Bagpipe Association of Germany, die in Deutschland das Dudelsackspielen verbreiten möchte, bietet einmal im Jahr eine Summerschool auf Burg Breuberg an; an ihr nehmen rund 130 Spieler teil. Manche Mitglieder der Vereinigung haben bei Lehrern der in Glasgow ansässigen großen Dudelsackschulen The National Piping Centre und The College of Piping gelernt. „Die meisten dürften wohl über Kontakte zu einer Pipeband das Spielen lernen. Es gibt mittlerweile Bands in ganz Deutschland, so dass fast überall eine Band in erreichbarer Nähe liegt, und die geben zumeist auch Unterricht“, erklärt Stefan Rau von der Bagpipe Association. Regionale Zentren für den Dudelsack seien die großen Bands in Hamburg, Frankfurt, München und anderen größeren Städten. Irgendwann kämen viele im Selbststudium nicht mehr weiter und nähmen Unterricht. „Nach einem Jahr geht es dann vom Practice-Chanter zum großen Dudelsack“, sagt Rau. Erste Pipebands gab es in Deutschland in den siebziger Jahren. Stark verbreitet habe sich das Dudelsackspielen in den neunziger und zweitausender Jahren. Derzeit steige die Zahl der Interessenten eher moderat.

Informationen zum Beitrag

Titel
Der Dudelsack ist nicht abgeschottet
Autor
Luca Lo Voi
Schule
Lise-Meitner-Gymnasium , Grenzach-Wyhlen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.03.2015, Nr. 54, S. 18
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2014/2015
Kategorie
Print

Beruf und Chance