Wie man Kranken den Rest gibt

In grünen Maschinen werden mit Flammenbrennern lange Glasröhren zu Fläschchen geformt – das zeigt ein Blick in die Produktionshalle der Müller + Müller-Joh. GmbH + Co. KG. Hier entstehen „Primärpackmittel aus Röhrenglas“, wie man sie in der Pharmazie verwendet, um flüssige oder pulverisierte Medikamente abzufüllen. „Die Kunden kommen zu 90 Prozent aus der Pharmaindustrie, Beispiele sind Bayer, Ratiopharm und GSK“, sagt Alexander Löwens, der für den Einkauf zuständig ist. Die restlichen 10 Prozent stammen aus dem chemieanalytischen Bereich und beauftragen das mittelständische Familienunternehmen aus Holzminden zum Beispiel damit, Fläschchen für Wasserproben herzustellen.

Im pharmazeutischen Bereich ist Müller + Müller mit etwa 280 Millionen Vials im Jahr laut Löwens ein führender Anbieter in Deutschland; das Ausgangsmaterial Röhrenglas lässt man teilweise von den Mitbewerbern Schott, Gerresheimer und Neubor Glass anliefern. Schott und Gerresheimer produzieren die Fläschchen auch selbst. Der deutsche Marktanteil des Unternehmens liegt nach eigenen Schätzungen bei 10 bis 20 Prozent; in Deutschland betreibt man das zweitgrößte Produktionswerk für Vials.

Der Markterfolg beruhe vor allem darauf, „dass individuell auf Kundenwünsche eingegangen wird“, sagt Florian Müller-Stauch, der Sohn des Geschäftsführers Hubertus Müller-Stauch. So galt es, für Ratiopharm eine Nasensprayflasche zu entwickeln, die optimal entleert werden kann. Der Boden der Flasche ist kegelförmig gewölbt, damit sich die Flüssigkeit am Wandrand der Flasche sammelt und sie besser entleert werden kann. Außerdem sei man einer der wenigen Anbieter, der Flaschen silikonisiere, was ebenfalls eine bessere Resteentleerung ermögliche, aber auch eine Clusterbildung des Füllgutes an der Innenoberfläche verhindere. Das Formwerkzeug für die Maschinen wird im eigenen Werkzeugbau hergestellt. Müller + Müller produziert nur nach Aufträgen. Der Preis eines Vials liegt bei 3 bis 15 Cent. Mit etwa 130 Mitarbeitern wird nach eigenen Angaben ein Jahresumsatz von etwa 15 Millionen Euro erwirtschaftet.

In dem Formprozess durch die Flammenbrenner entstehen aus dem Röhrenglas etwa dreißig Fläschchen in der Minute. Diese werden dann in einen Ofen geleitet, der bei geringerer Temperatur die Fläschchen „entspannt“, das heißt mögliche Verdrehungen des Glasrohrs durch die vorherige Formung wieder rückgängig macht. Die Sortieranlage untersucht die fertigen Flaschen auf Fehler wie kleine Kratzer oder Lufteinschlüsse im Glas. Dann kontrolliert ein Mitarbeiter in einem Reinraum, ob die Flaschen gelungen sind, und verpackt die Vials. Durch das Aussortieren entstehen Glasabfälle. Diese werden für die Beschichtung von Dachziegeln verwendet.

Müller-Stauch berichtet, dass die Exportquote bei 50 Prozent liege. Der Hauptabsatzmarkt sei Europa. In Europa gehört das Unternehmen zu den größten fünf Primärpackmittel-Herstellern für die Pharmaindustrie. Für die Lieferung nach Übersee werden in Holzminden gelegentlich auch ein paar Container beladen und mit Luftkissen abgesichert, die dann per Schiff ihren Bestimmungsort erreichen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Wie man Kranken den Rest gibt
Autor
Laura Ostermann
Schule
Campe-Gymnasium , Holzminden
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.03.2015, Nr. 54, S. 18
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2014/2015
Kategorie
Print

Beruf und Chance