Das Leben lässt man sich schriftlich geben

Katrin Rohnstock hatte 1998 die Idee für eine ungewöhnliche und bis dahin in Deutschland unbekannte Dienstleistung: Biographien für jedermann zu verfassen. Bis heute schreibt die nun 53 Jahre alte Inhaberin von Rohnstock Biografien Lebens-, Familien- und Firmengeschichten – zum Erinnern und Verstehen. „Eine Lebensgeschichte ist wertvoll, und es ist wichtig, dass sie innerhalb der Familie, des Freundeskreises oder des Mitarbeiterkreises erhalten bleibt“, sagt sie. „Man kann ein Leben in zehn Minuten zusammenraffen oder in zwanzig Stunden erzählen; bei uns geht es ab 10000 Euro los, doch die durchschnittliche Biographie kostet mehr.“ Sechs Formate bietet Rohnstock an. Die Auflagenzahl kann eins (für Testamente) oder 5000 (zum Beispiel für Firmenjubiläen) betragen. Die Nutzer dieses Angebots teilen sich zu ungefähr gleichen Teilen in Familienunternehmen und Privatpersonen mit oft außergewöhnlichen oder dramatischen Lebensläufen auf.

Der Autor interviewt zunächst den Auftraggeber und erstellt ein Konzept. „Der Autobiographiker überlegt, wie er die vielen Elemente des Rohstoffes so zusammenbauen kann, dass eine tragfähige, in sich ausgewogene Lebens- oder Unternehmensgeschichte entsteht, in der sich der Erzähler wiederfindet und wohl fühlt“, erklärt Rohnstock. Danach werde der Stoff in Kapitel sortiert, zusätzliche Quellen wie Tagebücher, Briefe, Dokumente und Fotos hinzugezogen und das Ganze in den zeitlichen Kontext gesetzt. Dann stimme man sich mit dem Auftraggeber ab und layoute. Bei Unternehmensgeschichten befrage man auch Mitarbeiter. Es entstehe ein ganz individuelles Werk von in der Regel 200 bis 400 Seiten. Die Arbeit an einem Buch dauert ein bis zwei Jahre.

Manche Biographien werden sogar auf dem Buchmarkt veröffentlicht. Eine der wohl außergewöhnlichsten Biographien ist „Mein Leben im Schatten der Blutrache – Die Geschichte der Gülnaz Beyaz“, erschienen bei dtv und Bertelsmann in einer Auflage von 10000 Exemplaren. Es ist die Geschichte einer Jesidin, die aus Ostanatolien nach Deutschland kommt, eine Fahrschule eröffnet und sich von ihrem Mann scheiden lässt, weil er ihre Selbständigkeit nicht verkraftet. Damit bricht sie die Regeln der archaischen Gemeinschaft und muss um ihr Leben fürchten.

Auch ein 2011 veröffentlichtes Buch hebt Rohnstock hervor: die „Hennigsdorfer Stadtgeschichte(n)“, die aus Zeitzeugenberichten rekonstruiert wurden. Der Bürgermeister und die Stadtverwaltung von Hennigsdorf wollten, dass in dieser Chronik die Menschen, die die Stadt gestalten, im Mittelpunkt stehen, erzählt Rohnstock. Interessant ist auch eine Biographie mit dem Titel „Fünfzig Jahre im Auftrag des Kapitals“. Es ist die Geschichte des ostdeutschen Bankers Edgar Most, die 25000 Mal verkauft wurde und als Taschenbuch erschienen ist.

Rohnstock Biografien wuchs nach eigenen Angaben bis 2007 und ist seitdem stabil. Man beschäftigt zwölf Mitarbeiter und 15 Autoren, die etwa 15 Biographien im Jahr schreiben. Der Jahresumsatz beläuft sich auf rund 1,5 Millionen Euro. Konkurrenten sind eine Vielzahl von selbständigen Autoren und Unternehmen, die ähnliche Dienstleistungen anbieten, zum Beispiel das Biographiezentrum, in dem sich siebzig deutschsprachige Biographen zusammengeschlossen haben.

Potential für die Zukunft sieht Rohnstock im „Erzählsalon“. Mit der Wirtschaftsförderung Berlin Partner hat sie eine fünfteilige Reihe durchgeführt. „Das ist ein Veranstaltungsformat, das auf viele Bedürfnisse in unserer Gesellschaft reagiert. Indem sich Menschen ihre Geschichte erzählen, tauschen sie ihre Erfahrungen aus, lernen sich und ihre Potentiale kennen und knüpfen daran an“, erklärt Rohnstock. Es fördere das Verständnis zwischen unterschiedlichen Milieus und Altersgruppen. Finanziert wird es durch den Auftraggeber oder Kooperationspartner, die Kosten berechnen sich nach Aufwand. Die Soziologin Gabriela Christmann vom Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung bezeichnet den Erzählsalon als eine soziale Innovation.

Einen Erzählsalon hat Rohnstock auf der Geriatrischen Station des Vivantes Klinikums in Prenzlauer Berg ein Jahr lang durchgeführt. Auch für drei an Demenz erkrankte Menschen, deren Langzeitgedächtnis noch intakt war, hat Rohnstock Biographien verfasst. Das lebensgeschichtliche Erzählen erlebe sie als Entlastung, Freude und wohltuende Aufgabe für diese Menschen.

Für ihre eigene Biographie fühlt sich Rohnstock noch zu jung: „Das beste Alter für die Verschriftlichung der eigenen Geschichte ist achtzig. Deshalb habe ich die Geschichten meiner Eltern und ihrer Familien aufgeschrieben. Je näher man an das natürliche Sterbealter kommt, desto gelassener ist man dem Leben gegenüber.“

Informationen zum Beitrag

Titel
Das Leben lässt man sich schriftlich geben
Autor
Florian Ney
Schule
Katholische Schule Liebfrauen , Berlin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.03.2015, Nr. 67, S. 21
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2014/2015
Kategorie
Print

Beruf und Chance