Dreißig Minuten Treppenhüpfen und Stockhiebe fürs Zuspätkommen

Verspätungen wurden nicht geduldet und gnadenlos mit Liegestützen, Froschhüpfen oder gar Stockhieben bestraft. So hatte Marco Hauser sich, als er ein Junge war, seinen Traum nicht vorgestellt. Dennoch blickt der dunkelhaarige Schweizer mit den asiatischen Zügen mit Freude auf die lehrreiche Zeit in China zurück. Ohne zu wissen, auf was er sich genau einließ, bestieg er 2006 die Transsibirische Eisenbahn und begab sich auf eine Reise, die den im Zürcher Oberland wohnhaften Kampfsportler noch lange prägen sollte. Mitten im Herzen Chinas liegt die Provinz Henan - der Ursprungsort des weltberühmten Shaolin Kung-Fu. Mit 97 Millionen Einwohnern ist sie die bevölkerungsreichste Provinz Chinas. Hier absolvierte der 37-jährige Kampfsportlehrer des Wu-Shu-Center in Wetzikon bei Zürich unter seinem persönlichen Shifu, seinem Lehrer, dem Großmeister Shi De Cheng, im Shaolin-Tempel sechs Monate lang ein intensives Training. "In China besitzt der Trainer absolute Autorität und Handlungsfreiheit", erklärt der leidenschaftliche Sportler. Trotzdem lassen sich die chinesischen Kinder, die die Schule parallel zu den Erwachsenen besuchen, nicht unterkriegen. "Selbst wenn es Zwischenfälle gibt, nach dem Training vertragen sich Schüler und Lehrer wieder", berichtet der begeisterte Muay-Thai-Boxer mit italienischen Wurzeln. Eine Ausbildung in einer Kung-Fu-Schule werde in China besser eingestuft als ein Studium an der Universität. Das Training begann täglich um 5.30 Uhr. Geweckt wurde man von einer durchdringenden Sirene. Wenige Minuten später herrschte heilloses Chaos auf den Gängen. Hunderte von Schülern drängten zu den Trainingsflächen, ohne sich vorher gewaschen zu haben. Das Training erinnerte Hauser an seine Ausbildung im Schweizer Militär. Zu Trainingsbeginn stand man in Reih und Glied. Nach dem Warmmachen, das vor allem dazu dienen sollte, Kondition und Schnellkraft zu verbessern, fand ein kurzes Dehnen statt, gefolgt vom "Power-Training". Dieses beinhaltete zehn Minuten Frosch- und dreißig bis vierzig Minuten Treppenhüpfen. "Im Gegensatz zum Unterricht in der Schweiz wird die Dehnung nicht bis an die Schmerzensgrenze, sondern über diese hinaus trainiert", sagt Hauser mit einem schrägen Grinsen. Hauptübung ist der Spagat. Hierbei drücken zwei Schüler einem dritten, auf dem Rücken liegenden Kollegen die Beine auseinander. "Nach dieser Übung konnte ich fast zwei Tage nicht mehr richtig gehen, und trotzdem musste ich mit vollem Einsatz am Training teilnehmen." Um 9.30 Uhr folgte eine karge Frühstückspause - bestehend aus einer Schale Reis mit ein wenig Gemüse und Sojamilch. Dann begann das eigentliche Morgentraining. Für Gruppen, die eine ungenügende Leistung erbrachten, fand am Abend jeweils ein obligatorisches Zusatztraining statt. Der kühle, helle Trainingsraum im Zürcher Oberland ist bloß mit dem Nötigsten ausgestattet. An der Wand zwängen sich ein paar Gymnastikbälle, Schemel und Stangen in einem Gestell. Aus dem Kraftraum tönt das rhythmische Klicken und Summen der Maschinen. Marco Hauser lässt sich auf einem Stapel Yoga-Matten nieder. Er trägt ein schwarzes Trainingsgewand. Neben Kung-Fu und Tai-Chi bietet Hauser auch Qigong und Yi Jin Jing an. Schon als Junge war er von Kung Fu-Filmen fasziniert. Seine Mutter verbot ihm jedoch, einen Kampfsport zu erlernen. Sie fürchtete, er könnte sich auf eine Rauferei einlassen. Im Alter von 15 Jahren absolvierte der ausgebildete Zimmermann daher erst einmal Krafttraining, bevor er dann mit 20 sein Kampfsporttraining unter Master Chris Ritter (7. Dan) - seinem heutigen Lehrer und Trainer - aufnahm. Die Erinnerung an seine Asien-Reise bleibt lebendig. Das Training sei schon hart gewesen. Blutergüsse und Zerrungen waren auf die Dauer nicht zu vermeiden. "Bei mir hat der Körper nach einem Monat so stark rebelliert, dass ich nachts zuckte und diverse Krämpfe bekam", erinnert er sich. Auch die Begleitumstände waren alles andere als luxuriös. "Man muss sich vorstellen, man würde in einem Rohbau wohnen mit nur einer Holzpritsche zum Schlafen. Keine Toilette, nur ein Abflussloch, das auch als Duschabfluss dient. Es gab in der ganzen Schule kein warmes Wasser. Richtig hart wurde es, als die Temperaturen so gegen null Grad sanken und das Wasser kurz vor dem Gefrierpunkt war", schildert er die Situation im Shaolin-Tempel. Für die meisten Ausländer ist das Training definitiv zu hart. Hauser hielt als einer der wenigen durch, sein Ziel vor Augen: immer wieder bis an die persönlichen Grenzen gehen. Nach drei Monaten meldete ihn die Schule in Zhengzhou unter ihrem Namen zum Second World Traditional Championship an. Als er mit der Schweizer Nationalflagge und seinen Mitstreitern in das Stadion in Zhengzhou einläuft, ist er überwältigt: 80 000 jubelnde Zuschauer haben sich zur Eröffnungszeremonie eingefunden. "Es war ganz klar einer der bewegendsten Momente meines Lebens." Dass er eine Goldmedaille für die Kategorie Kung-Fu ohne Körperkontakt erringen würde, davon hätte er nicht zu träumen gewagt. "Die Zeit in China war für mich wie ein Kindheitstraum, der in Erfüllung ging", schwärmt der Fachberufsunteroffizier der Schweizer Luftwaffe. Besonders geprägt hat ihn die Einsicht, mit wie wenig im Leben man auskommen kann und dass man dennoch fähig ist, Leistung zu bringen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Dreißig Minuten Treppenhüpfen und Stockhiebe fürs Zuspätkommen
Autor
Michelle Gugger
Schule
Kantonsschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.05.2016, Nr. 118, S. 26
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2014/2015
Kategorie
Print

Beruf und Chance