Manche Fenster führen ein Schattendasein

Man stelle sich vor, es ist Sommer, die Sonne scheint unerbittlich, und alles, was man will, ist ein schattiges Plätzchen. Also lässt man alle Rollläden herunter, bekommt aber nichts vom guten Wetter mit. Doch was wäre, wenn man eine Verschattung im Fenster hätte, die einem „die Möglichkeit bietet, nach draußen zu schauen wie durch eine Sonnenbrille“, wie Manfred Dittmar, Vertriebsleiter der Econtrol-Glas GmbH & Co. KG aus Plauen, es ausdrückt?

Solche Fenster gibt es. Sie werden Smart Windows genannt und beruhen auf der Technik der Elektrochromie, einer Farbänderung durch elektrischen Strom. An elektrisch leitenden Scheiben, die chemische Verbindungen enthalten, wird eine Spannung angelegt, und die Farbe ändert sich durch Ionenwanderung, meistens in Blau- oder Grüntöne, die das Sonnenlicht abmildern und das Aufheizen des Raums weitgehend verhindern. „Wir sind das einzige größere Unternehmen in Europa, das diese Aufgabenstellung gelöst hat, dann gibt es noch zwei große Hersteller in Amerika“, sagt Dittmar. Dies sind die Sage Electrochromics Inc. aus Faribault in Minnesota und die View Dynamic Glass Inc. aus Milpitas in Kalifornien.

Die Econtrol-Gründer Hartmut Wittkopf und Dirk Jödicke waren 15 Jahre in verschiedenen Unternehmen in der Forschung tätig, unter anderem in der Flabeg GmbH & Co. KG. „Und als Flabeg sich entschieden hat, das Gebiet nicht weiter zu verfolgen, habe ich die Chance genutzt, daraus ein eigenes Unternehmen aufzubauen; das war 2006“, sagt Wittkopf. 2009 begann die Produktion. Im ersten Jahr betrug der Umsatz „nur ein paar 100000 Euro“, wie Dittmar berichtet. Er sei dann jedes Jahr stärker gewachsen und liege nun bei etwa drei Millionen Euro.

Die Herstellungskosten sind deutlich höher als bei normalen Scheiben. Man brauche elektrisch leitfähiges Glas, müsse die Wolframoxid-Funktionsschicht aufbringen und ein Polymer zwischen den Glasscheiben einfüllen. Dieses Polymer ist eine Eigenentwicklung und patentrechtlich geschützt. Durchschnittlich kostet eine elektrochrome Scheibe rund 1000 Euro je Quadratmeter und ist damit ungefähr doppelt so teuer wie eine Verglasung mit außenliegender Jalousie.

Der Einbau unterscheide sich kaum von dem einer normalen Scheibe. „Der Fenster- oder Fassadenbauer muss noch ein Kabel verlegen und eine Steuerung“, erklärt Dittmar. Die Dunkelheit der Scheiben kann man über einen Schalter, einen Tabletcomputer oder ein Smartphone steuern. Bis sie vollständig eingefärbt ist, dauert es einige Minuten. Nach Dittmars Angaben kann man mehr als 200 Kilowatt auf einen Quadratmeter Glas im Jahr sparen, da man weniger künstliches Licht und weniger Kühlleistung brauche. Im Jahr verkauft Econtrol 3000 bis 4000 Quadratmeter Glas. „Das ist noch relativ wenig, aber der Markt liegt ja noch vor uns“, kommentiert Dittmar. Das Ziel liege beim Zehnfachen in den nächsten drei bis vier Jahren. Auch Wittkopf ist zuversichtlich: Seit der Erfindung der Wärmeschutzverglasungen habe im Verglasungsbereich kein vergleichbarer Entwicklungssprung stattgefunden.

Bisher werden hauptsächlich Bürogebäude und öffentliche Gebäude mit den Scheiben ausgestattet, private Wohnhäuser noch kaum. Das liegt auch daran, dass sie meistens Rollläden haben. Die Scheiben haben fünf Dunkelheitsstufen; bei der letzten sei das Glas von außen nahezu schwarz, berichtet ein Kunde. Trotzdem sei die Dunkelheit innen kein Problem.

Econtrol exportiert fast ausschließlich nach Europa. Auch in den Vereinigten Staaten ist das Verständnis für energieoptimiertes Bauen gewachsen. Die amerikanische Sage Electrochromics begann schon 1998 mit der Produktion der schlauen Fenster. Das Geschäft nahm Fahrt auf, als die Vereinigten Staaten elektrochrome Fenster in den Plan für energieautarke Häuser aufnahmen. Das französische Unternehmen Saint-Gobain fand die Technik spannend und kaufte 2012 Sage Electrochromics mit seinen mehr als 350 Patenten für rund 150 Millionen Dollar. Seitdem ist man dabei, sich auf dem europäischen Markt zu etablieren. Der Preis für „Sage Glass“ liege im oberen Preissegment, vergleichbar mit einer doppelten Fassadenverglasung, sagt Sibylle Kamber, Leiterin der europäischen Marketingabteilung.

Die normalen Farbtöne sind Blau, Grün und Grau. Es geht aber auch anders. Für eine Züricher Shopping Mall wurde aus Denkmalschutzgründen eine bronzene Fassade hergestellt. Der erste Auftrag von Sage sei ein Krankenhaus in Kalifornien im Jahr 2003 gewesen, erzählt Derek Malmquist, Marketingleiter in den Vereinigten Staaten. Man habe inzwischen mehr als 700 Projekte fertiggestellt und Scheiben hergestellt, deren Größe zwischen 10 und 200 Quadratmetern variiere. 160 Mitarbeiter sind in dieser Sparte beschäftigt. Malmquist schätzt den Weltmarktanteil von Sage auf 40 bis 50 Prozent. Nach einer Studie des amerikanischen Marktforschungsunternehmens Pike Research betrug das Marktvolumen für Smart Glass 2012 84 Millionen Dollar und wird bis 2020 auf rund 700 Millionen Dollar steigen.

Wettbewerber in Amerika ist View Dynamic Glass. Das Unternehmen wurde 2006 gegründet. Es profitiert von seiner Nähe zum Silicon Valley. View arbeite dort mit vielen Unternehmen in den Bereichen Nachhaltigkeit und Konstruktion zusammen, erzählt Robyn Hannah, Leiterin der globalen Kommunikation. View konzentriert sich auf Nordamerika, in Europa ist man noch nicht präsent.

Weitere Unternehmen beschäftigen sich mit Smart Windows. „Gerade große Unternehmen wie Merck aus Darmstadt haben das Potential erkannt und entwickeln eine Schicht“, erzählt Dittmar. Bis zur Marktreife dauere es aber Jahre; die Entwicklungskosten seien hoch.

Informationen zum Beitrag

Titel
Manche Fenster führen ein Schattendasein
Autor
Clara Schick
Schule
Wentzinger-Gymnasium , Freiburg
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2015/2016
Kategorie
Print

Beruf und Chance