Erst schmilzt Glas, dann alle Welt dahin

Im Ersten Weltkrieg wurde die Kathedrale von Reims, in der die französischen Könige gekrönt worden waren, von den Deutschen zerstört. 100 Jahre danach erhielt das Nationalheiligtum der Franzosen neue Glasfenster, die der Düsseldorfer Künstler Imi Knoebel entworfen hat und die ein Geschenk Deutschlands sind. Die farbigen Glasteile hat die Glashütte Lamberts in Zusammenarbeit mit dem Glasatelier Derix in Taunusstein den Wünschen des Künstlers entsprechend hergestellt. Lamberts aus dem bayerischen Waldsassen produziert nach alten Methoden mundgeblasenes und handgegossenes Glas.

Die 1906 gegründete Glashütte Lamberts Waldsassen GmbH wird von Hans Reiner Meindl geleitet. Bei der Übernahme des Betriebs habe Meindl angekündigt, den Marktanteil auszubauen und das Unternehmen in die neue Zeit zu führen, erzählt Prokurist Robert Christ. „Zurzeit sollen neue Vertriebswege aufgebaut, neue Märkte erschlossen und neue Produkte entwickelt werden, selbstverständlich im Bereich der mundgeblasenen Flachgläser.“ Lamberts ist nach eigenen Angaben Weltmarktführer und zudem Deutschlands einziger Hersteller von mundgeblasenen Flachgläsern. Auf der Welt gibt es nur zwei Wettbewerber, einer in Frankreich und einer in Polen.

An allen Gläsern hätten die mundgeblasenen Flachgläser auf dem Weltmarkt einen Anteil von weniger als einem Prozent, sagt Christ. Das mundgeblasene Glas werde nur in der hochwertigen Architektur und in Kunstverglasungen eingesetzt. Das Glas hat eine hohe Brillanz. Wenn die Sonne durchscheint, sieht man ein Leuchten. „Diese Brillanz und Schönheit könnte mit Maschinenglas niemals erreicht werden.“

Lamberts beschäftigt 69 Mitarbeiter. Mehr als 70 Prozent des Umsatzes erwirtschaftet man im Ausland, vorwiegend in Amerika sowie in Japan und im übrigen asiatischen Raum. In Europa sind England, Frankreich, die Niederlande und Skandinavien die wichtigsten Abnehmerländer. Neben der Kathedrale in Reims hat man auch das Rockefeller Center in New York ausgestattet. Dort sieht man Lamberts-Glas als Raumteiler, kombiniert mit Swarovski-Kristallen.

Sind früher vorwiegend Kirchenfenster mit diesen Gläsern gestaltet worden, werden sie nun in vielen Bauten verwendet, nach zeitgenössischen Architektur- und Designentwürfen und zur Restaurierung von Baudenkmälern. Mehr als die Hälfte seiner Glastafeln stellt Lamberts nach Kundenwünschen her. Sie sind in rund 5000 Farben erhältlich.

Das Unternehmen produziert neben dem mundgeblasenen Flachglas, das als Restaurierungsglas bezeichnet wird, auch handgegossenes Dallglas. Dallgläser werden in Beton-, Stahl- oder Holzrahmen eingebaut. Darüber hinaus wird Tischkathedralglas produziert; das Glas wird auf speziellen Tischen gewalzt. Das Walzen von Glas ist das zweite traditionelle Verfahren zur Herstellung von Flachgläsern.

Das Echt-Antikglas ist wiederum ein mundgeblasenes Tafelglas, das eine ausgeprägte und dennoch dezente Oberflächenstruktur besitzt. Das Streaky-Glas sticht durch sein Farbspiel heraus. Das Danziger- und Crackled-Glas zeigt eine ausgeprägte Winden- und Schlierenstruktur. „Die prägnante Struktur des Glases wird erreicht, indem bei der Herstellung erschmolzene Glasscherben zugegeben werden“, erläutert der Prokurist.

Das Lamberts-Glas kommt auch als Isolierglas zum Einsatz. Besonders stolz ist das Unternehmen auf das erste mundgeblasene UV-Schutzglas der Welt, das es seit 2014 im Sortiment hat. Die Filterwirkung ist in das Glas integriert und wird nicht durch aufkaschierte Folien erreicht.

Im ersten Arbeitsschritt werden die Grundstoffe Quarzsand, Soda und Kalk gewogen und gemischt. Das Gemenge wird in Tonbottiche, die sogenannten Häfen, eingelegt, wo das flüssige Glas eingefärbt wird. Durch die Zugabe von Eisen, Kupfer, Nickel und anderen Metallverbindungen bis hin zu Silber und Gold erhält man eine große Farbpalette.

Dann wird die Mischung in Öfen bei 1200 bis 1400 Grad geschmolzen. Durch Drehen und gleichzeitiges Einblasen in Holzformen bekommt das Glas die richtige Form. Dann bläst der Glasmachermeister die Glaskugel bis zur endgültigen Größe auf. Dieser Ballon wird aufgeschnitten, geweitet, wieder erhitzt und zur Glastafel ausgebügelt. Wenn das Glas abgekühlt ist, kann man es schneiden.

Die Glasmanufaktur verfügt über sechs Werkstätten. Jede produziert täglich etwa 45 Quadratmeter Glas. „Der Quadratmeterpreis liegt zwischen 150 und 450 Euro“, sagt Christ. Das mundgeblasene Flachglas macht einen Anteil von 90 Prozent aus. Der Umsatz liegt bei 4 bis 4,5 Millionen Euro im Jahr. Für 2016 erwartet man einen Anstieg.

Informationen zum Beitrag

Titel
Erst schmilzt Glas, dann alle Welt dahin
Autor
Magdalena Marschall
Schule
Eichsfeld-Gymnasium , Duderstadt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.03.2016, Nr. 66, S. 23
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2015/2016
Kategorie
Print

Beruf und Chance