Wenn die Verflossene auftaucht

William Balser ist nicht nur der Regisseur von Heidi Klums erster Modenschau; er ist auch der Erfinder des Schönheitswettbewerbs „Miss Mermaid International“. Dazu versammelten sich im Herbst 2015 zehn Tage lang vierzehn junge Damen aus der ganzen Welt auf der ägyptischen Halbinsel Soma Bay, um mit Fischschwanz zu posieren. Es war der erste internationale Wettbewerb seiner Art; 2014 fand aber schon die ebenfalls von Balser ins Leben gerufene erste Miss-Mermaid-Germany-Wahl statt. Balser setzt auf die neue Trendsportart Mermaiding: Kinder, Frauen und inzwischen auch Männer ziehen sich hautenge Schwanzflossen über die Beine, um elegant durchs Wasser zu gleiten.

„Zuerst fühlte ich mich etwas albern“, gibt die 25 Jahre alte Mathematikstudentin Eleonora Frank aus dem hessischen Bad Endbach zu. Inzwischen sei es ein unbeschreibliches Gefühl, mit der Flosse zu schwimmen, sie wolle sie gar nicht mehr ablegen. 25 Meter so schnell wie möglich tauchen, Aussehen, Figur, Intellekt und kreative Gestaltung des Kostüms – das waren die Bewertungskategorien der Jury. Frank erfüllte sie am besten und ist die erste „Miss Mermaid International“. In Zusammenarbeit mit Kirsten Söller, Geschäftsführerin und Gründerin der Magictail GmbH aus Waldkirch, die Meerjungfrauflossen herstellt, veranstaltete Balser den Wettbewerb. „Dank des Unterwassershootings entstanden viele tolle Fotos“, sagt er.

Hersteller von Monoflossen gibt es einige. Diese Flossen vermitteln zwar das Schwimmgefühl einer Meerjungfrau, sind optisch aber sehr schlicht. Sie bestehen aus Kunststoff, in ihrer Mitte ist ein Fußteil für beide Füße angebracht worden. Für eine Misswahl wären sie ungeeignet. Schöne, kunstvoll gefertigte Fischschwänze sind hingegen oft teuer. Da kamen die von Magictail zur Verfügung gestellten Flossen aus Lycra und Polyamid, die mit schimmernden Schuppen bedruckt sind und über eingearbeitete Monoflossen verfügen, gerade recht. „Mit dem Magictail kann man noch immer mermaiden, jedoch liegt der Fokus nicht auf der Schnelligkeit, sondern auf der Optik“, erklärt Söller.

Die Flossen würden in Handarbeit in Deutschland produziert. „Unsere 17 Mitarbeiter arbeiten zwar nur etwa 4 bis 5 Stunden täglich, dafür aber mit voller Leistung, so dass wir durchschnittlich 1000 Flossen im Monat produzieren.“ Das 2009 gegründete Unternehmen verkauft nach Söllers Angaben in mehr als 150 Länder. Die Kunden kämen zu zwei Dritteln aus dem deutschsprachigen Raum. Ein knappes Viertel der Flossen werde in andere europäische Länder exportiert und gut zehn Prozent in den Rest der Welt.

Das Mermaiding entstand in den fünfziger Jahren im amerikanischen Bundesstaat Florida. Diverse Meerjungfrauenshows wurden veranstaltet. Im Jahr 2006 wurde das amerikanische Unternehmen Mertailor gegründet. Es stellte schon vor Magictail Flossen aus Silikon her; sie kosten bis zu rund 2700 Dollar.

„Mit Magictail gründeten wir das erste deutsche Unternehmen, das Fischschwänze zum Mermaiden herstellte“, sagt Söller. Bisher sei der Umsatz meistens gestiegen, nur im Herbst 2014 sei er geringfügig gesunken. Das 2013 gegründete Unternehmen sei Marktführer in Deutschland. Allerdings gebe es inzwischen Konkurrenz. Das deutsche Unterwassermodel Katrin Felton, das sich Mermaid Kat nennt, verkaufe inzwischen vergleichbare Fischschwänze, berichtet Söller.

Die ersten Flossen fertigte Söller noch ohne wirtschaftliche Hintergedanken; sie waren für ihre damals acht Jahre alte Tochter. Die vielen Bewunderer im örtlichen Schwimmbad hätten sie motiviert, daraus ein Unternehmen zu entwickeln. Ihr Mann, der Internetdesigner Wolf Juhnke, ist der zweite Geschäftsführer. Er erstellte die zweisprachige Internetseite, auf der sich Kunden ihr Unterwasseroutfit zusammenstellen können. Zusätzlich zu den Magictails sind Schuppenbikinis für durchschnittlich 30 Euro und Schuppenbadehosen für etwa 20 Euro erhältlich, außerdem Accessoires wie Meerjungfrauenketten für rund 5 Euro. Die Flossen kosten zwischen 140 und 160 Euro.

Das Mermaiding kann man auch in Schwimmkursen lernen, eine Stunde kostet 20 bis 25 Euro. Das ist etwas mehr, als ein normaler Schwimmkurs kostet. Trotzdem seien die Kurse in vielen Schwimmbädern bis ins nächste Jahr hinein ausgebucht, weiß Eleonora Frank. „Das Interesse ist tierisch, Geld ist für die meisten Eltern kein Problem“, sagt sie. In den meisten Schwimmbädern könne man aber auch selbständig trainieren, sagt Söller.

Doch warum wollen Kinder und junge Erwachsene überhaupt wie Meerjungfrauen schwimmen? „Man möchte auch einmal ein Märchenwesen sein“, sagt Söller. Früher habe man sich vor allem als Prinzessin oder Fee verkleidet. Doch durch Bücher und Serien wie „Arielle“ und „H2O – Plötzlich Meerjungfrau“ sei auch die Meerjungfrau populär geworden. Ihre Kunden seien nicht nur kleine Mädchen; die meisten seien zwischen acht und zwanzig Jahren alt, und etwa fünfProzent seien männlich. „Männer mit Fischschwanz – das sieht schon etwas schwul aus“, findet Balser. Söller gibt aber zu bedenken: „Wer ist denn noch nie mit zwei Beinen in ein Strumpfhosenbein gestiegen, um auch einmal Nixe zu sein?“

Informationen zum Beitrag

Titel
Wenn die Verflossene auftaucht
Autor
Nora Wendel
Schule
Landgraf-Ludwigs-Gymnasium , Gießen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.03.2016, Nr. 66, S. 23
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2015/2016
Kategorie
Print

Beruf und Chance