Das Alter an der Wurzel packen

Heidschnucken, Spargel, Kartoffeln und Getreide – das sind die üblichen Vorstellungen von der Lüneburger Heide als Wirtschaftsregion. Doch es gibt dort auch etwas Unerwartetes: echten Koreanischen Ginseng. Dem niedersächsischen Landwirt Heinrich Wischmann gelang 1982 in Bockhorn bei Walsrode, diese wundersame Heilpflanze, die normalerweise im Gebirge und in den Wäldern Nordkoreas und der Mandschurei wächst, als Erster in Europa anzubauen und zu vermarkten.

In Fernost war der Koreanische Ginseng Kaisern und Königen vorbehalten; die wegen ihrer umfassenden Wirkungen begehrten Ginsengwurzeln wurden in Gold aufgewogen. Heute kann jeder Besucher des von Wischmann gegründeten Unternehmens, der Florafarm, aus einem umfangreichen Sortiment an Ginsengprodukten wählen. Die Florafarm GmbH bezeichnet sich als den einzigen Ginsengproduzenten in Europa.

„Der Koreanische Ginseng ist am besten dokumentiert, alle Studien, die in Europa anerkannt sind, wurden mit Koreanischem Ginseng durchgeführt“, erklärt Geschäftsführerin Gesine Wischmann. Auf die Idee, Ginseng anzubauen, kam ihr Vater, als er nach einer Alternative für die herkömmliche Landwirtschaft suchte und durch Zufall auf einen Artikel über Koreanischen Ginseng stieß. Wegen des in Nordkorea herrschenden Exportverbots beschaffte er sich über einen chinesischen Mittelsmann die kostbaren Ginsengsamen in den Vereinigten Staaten.

In Asien wächst der Ginseng vor allem im Gebirge, da er keine Staunässe verträgt und dort das Wasser abläuft. Dieses Problem löste Heinrich Wischmann in der flachen Lüneburger Heide, indem er die Pflanzen in einer hügeligen Anlage anbaute. Der fruchtbare und lockere Sandboden der Lüneburger Heide sei für den Ginseng gut geeignet, sagt Gesine Wischmann. Dennoch ist der Anbau nicht einfach. „Es darf nicht zu nass sein, nur feucht. Krankheiten können auftreten, wir hatten schon Totalausfälle.“ Es habe auch schon Probleme mit Schnecken und Hasen gegeben.

Die Ginsengpflanze ist ein kleiner, mehrjähriger Strauch, der erst vom dritten Jahr an blüht. Die Wurzel sollte nicht vor Ablauf von sechs Jahren geerntet werden, da ihre Qualität mit den Jahren steigt. Florafarm baut Ginseng auf 9 Hektar an. Die Erntemenge variiert stark und liegt bei durchschnittlich 1,5 Tonnen je Hektar. Die Spitzenernte lag bisher bei 2,5 Tonnen. Die Ginsengwurzeln werden nach der Ernte nur gewaschen und getrocknet; dabei verlieren sie zwei Drittel des Gewichts. Das Extrakt wird dann von externen Dienstleistern zu Kapseln, Salben, Seifen und Cremes verarbeitet. Der Anteil der Arzneimittel beträgt etwa 80 Prozent, Kosmetik macht rund 20 Prozent aus. Es gibt auch Produkte für Tiere.

Zu den Verkaufsschlagern gehört die „Kurpackung Ginseng SL, 200 Kapseln“, die im Onlineshop für 144 Euro angeboten wird. Empfohlen wird, zwei bis vier Kapseln am Tag einzunehmen. Viele Kunden bestellten ein Ginsengabo für die Dauereinnahme. „Kapseln werden deutlich stärker nachgefragt als die Wurzeln. Und unsere Anti-Aging-Kosmetik läuft sehr gut“, sagt Wischmann. Das Anti-Aging-Set kostet 65 Euro.

„Ginseng kann prinzipiell von jedem und unabhängig vom Alter eingenommen werden“, heißt es von Florafarm. „Ein gesunder Körper reagiert scheinbar gar nicht auf Ginseng, bei einsetzenden Belastungen kann er diese jedoch viel besser bewältigen, als das ohne Ginseng der Fall wäre.“ Empfohlen wird er vor allem zur Vermeidung von „Volkskrankheiten“ wie Zucker-, Kreislauf- und Krebserkrankungen, „zum Schutz vor dem Alter“ und nach einer schweren Erkrankung.

Die Wirkung der Pflanze ist jedoch umstritten. Der Schulmediziner und Leiter des Instituts für Allgemeinmedizin an der Universität Düsseldorf, Stefan Wilm, glaubt eher an einen Placeboeffekt. Dennoch ermutige er Patienten, „den Ginseng weiter zu schlucken“, wenn sie ihm von seiner Heilkraft vorschwärmten.

Ginseng ist im Deutschen Arzneibuch als Heilpflanze aufgenommen; er sollte mindestens 1,5 Prozent Ginsenoside enthalten. In der chinesischen Heilkunde wird Ginseng seit 3000 Jahren eine umfassende Heilkraft zugeschrieben. Laut Petra Klose, Ärztin und Forschungskoordinatorin an der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin in Essen, lassen sich Vorteile beobachten, auch wenn bisher nur wenige aussagekräftige Studien vorlägen. „Ginseng wird in die Gruppe der Adaptogene eingeordnet. Adaptogene verbessern die Anpassungsfähigkeit des Organismus gegenüber Störungen“, erklärt sie. Im Ginseng seien knapp dreißig Ginsenoside bekannt, gemeinsam erzielten sie die dem Ginseng zugeschriebenen Wirkungen. Eine Vielzahl von biologisch-pharmazeutischen Eigenschaften werde beobachtet: „Botenstoffe des Gehirns werden vermehrt produziert, was unter anderem die Herz- und Nierenfunktion und die Gedächtnisleistung steigern kann. Das Gehirn wird durch Glukoseoxidation mit mehr Energie versorgt und arbeitet besser.“ Außerdem soll Ginseng die Immunzellen stimulieren. In Deutschland und in der EU sei Panax ginseng als Arzneimittel zur Behandlung von Erwachsenen bei Müdigkeit und Schwäche über einen Zeitraum von bis zu drei Monaten anerkannt. „Es gibt eine seriöse klinische Studie aus den Vereinigten Staaten, die zeigte, dass sich Ginseng bei krebsbedingter Erschöpfung positiv auswirkt.“

Nach Angaben von Gesine Wischmann sind viele Kunden 60 Jahre und älter. Es seien überwiegend Frauen. Die Zahl der etwas jüngeren Kunden ab 40 Jahre nehme aber zu. Die Jüngeren machten in der Regel eine Ginsengkur über 100 Tage, die Älteren nähmen eher dauerhaft Kapseln ein. Zu den Kunden zählt auch der Dirigent und Konzertpianist Justus Frantz. Der 2015 verstorbene Altbundeskanzler Helmut Schmidt habe rund vierzig Jahre Ginseng eingenommen und sei zehn Jahre lang Kunde von Florafarm gewesen.

Der Umsatz der Florafarm beträgt nach eigenen Angaben gut eine Million Euro. Dass es keine anderen Ginsenganbauer in Europa gebe, liege auch daran, dass Ginseng nicht das schnelle Geld bringe. „Es dauert sechs Jahre, bis er seine optimale Wirkung entfaltet. Und wenn ein Feld abgeerntet ist, kann dort 25 Jahre kein Ginseng mehr angebaut werden“, erklärt Wischmann. Die Pflanze entziehe dem Boden die wichtigsten Nährstoffe.

Auch der Berliner Sternekoch Tim Raue, bekannt für seine asiatisch inspirierte Küche, kauft Ginseng bei Florafarm – grammweise, da Ginseng mit 1000 Euro je Kilogramm fast so teuer wie Trüffel ist. Raues Gäste können wenige Gramm Ginseng in der Dim-Sum-Füllung aus Bambuspilz, Jakobsmuschel und Rindermark genießen oder im Ginseng-Bressehuhn mit hellem Gemüse.

Informationen zum Beitrag

Titel
Das Alter an der Wurzel packen
Autor
Lea Hemmersbach
Schule
Berufskolleg Siegburg , Siegburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.06.2016, Nr. 139, S. 20
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2015/2016
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Projektanmeldung

Sie möchten sich für ein medienpädagogisches Projekt der F.A.Z. anmelden? Gleich kostenlos registrieren und das Projektangebot der F.A.Z. nutzen. › Zur kostenlosen Registrierung