Wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen

Wenn man auf einer Wiese, zum Beispiel in Berlin, menschenähnliche Comictiere zusammensitzen sieht, dann kann man fast sicher sein: Nicht weit entfernt findet eine Furry-Convention statt. Furries sind Menschen, die sich als anthropomorphe Tiere verkleiden. Jeder Furry besitzt eine Fursona; das ist ein Tier oder ein tierähnliches Wesen, dem er sich am nächsten fühlt. Neben den üblichen tierischen Charakteren wie Wolf, Fuchs, Hase und Katze spielten Figuren aus „Zelda“ oder „Zoomania“ von Disney derzeit eine wichtige Rolle, erklärt Franziska Irmer, Pressesprecherin des Vereins Sachsen Furs in Leipzig. Bis zu 80 Prozent der Anhänger, schätzt sie, verkleideten sich jedoch nicht.

Das Phänomen der Furries sei hierzulande recht unbekannt, berichtet Irmer, die mit ihren Vereinskollegen Furry-Treffen organisiert. Neben Trekkies und Potterheads gebe es eben auch Furries. Bis heute sei die deutsche Szene viel kleiner als im Herkunftsland, den Vereinigten Staaten, wo Unternehmen mit mehreren Angestellten Fursuits herstellten und in die ganze Welt exportierten.

In den neunziger Jahren erlebte die Szene einen Aufschwung, gleichzeitig mit der Verbreitung des Internets. Es sei schwer zu schätzen, wie viele Furries es in Deutschland gebe, sagt Irmer. Sie habe gehört, dass 8000 Furries im größten deutschen Furry-Forum Furbase angemeldet seien. Das Forum werde aber auch von Schweizern und Österreichern genutzt. Fursuiterin Lisa Heinrichs – sie verkleidet sich als Furry – schätzt die Zahl der deutschen Furries auf mindestens 5000.

Wichtig für die Vergrößerung der Szene ist die Vernetzung; Portale verbinden die über das ganze Land verteilten Anhänger. Außerdem bringen Foren wie Furbase Gewerbetreibende und Kunden zusammen. Irmer bezeichnet es als Glücksfall, dass sie mit 17 Jahren von einem Mitschüler den Link zu einem Furry-Forum erhielt. „Ich bin seit mehr als zehn Jahren fast täglich in diesem Forum.“

Furries sind weder eine politische Strömung, noch haben sie ein spezielles gemeinsames Gedankengut. Sie sind begeistert davon, für einen kleinen Teil des Jahres in eine andere Welt einzutauchen und ihre Kindlichkeit auszuleben. Der begeisterte Fursuiter Jonas Schmidl, der im öffentlichen Dienst in Bayern angestellt ist, findet das ganz normal: „Manche spielen Fußball oder sammeln Briefmarken, andere sind eben Furries.“ Martin Sauer vom Furry-Verein Crosscombined mit Sitz in Solingen beschreibt das Anliegen der Furries so: „Es geht darum, einfach mal nicht Mensch zu sein.“

Die Anhänger dieser Subkultur treffen sich außerdem auf Conventions. Das sind mehrtägige Messen mit Seminaren und Shows. Weil das Reden in den warmen und eng anliegenden Fursuits schwierig sei, genössen die Furries ihr Dasein auf kleinen Rundgängen sowie in Tanzwettbewerben und Fursuitbau-Workshops, erzählt Sauer, der Conventions organisiert. Für die Furries sind die Veranstaltungen eine gute Gelegenheit, ihre Kunst zu zeigen und sich inspirieren zu lassen.

Eine der bekanntesten Conventions in Deutschland ist der Cologne Furdance, eine Discoparty mit rund 500 Teilnehmern. Gut 2000 Besucher zählt die Eurofurence, die jedes Jahr an einem anderen Ort in Europa stattfindet, in diesem Jahr im August in Berlin. Der Eintritt für vier Tage beträgt 95 Euro. Die Cologne Furdance unter der Trägerschaft des Vereins Crosscombined konzentriert sich auf die Party und den Kontakt zwischen den Furries. Ein Abend kostet rund 20 Euro Eintritt. Die Veranstaltung steht für jeden über 18 Jahren offen.

Die Furries haben einen großen Bedarf an Verkleidung. Lisa Heinrichs ist Fursuit-Bauerin und Inhaberin von Kegawa Creation in Krefeld. „Viel verdient man mit dem Suitbau nicht“, sagt sie. Vor allem die Versicherung verschlinge einen Teil des Gewinns. In Deutschland gebe es nur fünf bis sechs Anbieter. An Kundschaft mangele es ihr jedoch nicht. Nach ihrer Erfahrung lassen sich etwa 70 Prozent der Furries, die sich verkleiden, ihren Fursuit bei einem Anbieter bauen. Sie hat lange Wartelisten und fertigt bis zu elf Suits im Jahr; einer kostet rund 1500 Euro. Außerdem erledigt sie auch Aufträge für Teile eines Suits.

Jonas Schmidl hat einige Zeit gebraucht, um den passenden Suitbauer zu finden. Nun ist er Kunde von Heinrichs. Sie nehme eine Sonderstellung unter den Suitbauern ein, findet er. So stelle sie das Material, zum Beispiel für die Silikonteile, vollständig selbst her. Schmidl schätzt auch ihren besonderen Stil, „eine Mischung aus Real und Toon, also semireal“. Toon ist die Abkürzung von Cartoon, real bezeichnet hier die Bauweise nahe am echten Aussehen der Tiere. Die Preise, die Heinrichs verlange, seien fair, sagt Schmidl. Der Kopf eines Fursuits kostet bei Kegawa Creation 500 Euro, der Körper 700 Euro. Heinrichs sei zudem immer offen für Reparaturen.

Während der Herstellung stehen Hersteller und Kunde in engem Kontakt. Zuerst gebe der Kunde bei einem Furry-Künstler ein „Refsheet“ in Auftrag, berichtet Schmidl. Refsheets sind detaillierte Zeichnungen der Fursona. Schmidl war beeindruckt, dass er mit allen seinen, auch abwegigen Wünschen ein offenes Ohr bei Heinrichs fand. Bis heute erfreut er sich an seinem blau-weißen Wolfskostüm.

Informationen zum Beitrag

Titel
Wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen
Autor
Lara Jo Pitzer
Schule
Internat Schloss Hansenberg , Geisenheim
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.07.2016, Nr. 156, S. 25
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2015/2016
Kategorie
Print

Beruf und Chance