Wie man Verletzte über den Berg bringt

Wer auf der Piste einen Unfall hat und ins Krankenhaus gebracht werden muss, wird oft in einem Verletztensack transportiert. Dann kühlt der Körper nicht aus, und die Verletzung wird geschont. Man stelle sich nun vor, der Patient wird von einem Helikopter abgeholt. Weil er in einen Sack gehüllt ist, kann er direkt in den Hubschrauber geschoben werden, ohne umständlich umgelagert werden zu müssen. Auch wenn der Hubschrauber nur kurz landen kann, ist ein schneller Abtransport möglich. Dann kommt ein Hubschrauber-Bergesack zum Einsatz, der an die Hubschrauberwinde gehängt wird. Der Patient wird am Seil hängend ausgeflogen.

Die Tyromont Alpin Technik GmbH aus Innsbruck stellt Bergesäcke und Verletztensäcke her. Das Unternehmen beschäftigt nach Angaben des Geschäftsführers Markus Greil elf Mitarbeiter und setzt jährlich rund 1,5 Millionen Euro um, mehr als doppelt so viel wie vor vier Jahren. In den fünfziger Jahren begann das Unternehmen mit der Produktion von alpinen Rettungsgeräten wie dem Akja. Das ist eine Metallwanne auf Kufen, in der ein Patient aus schneebedecktem Gelände geborgen werden kann. Jährlich verkauft Tyromont 150 bis 200 dieser Rettungsschlitten; sie kosten zwischen 1500 und 2000 Euro. Bisher wurde der Akja gut zehntausendmal gebaut und ist damit das meistverkaufte Produkt des Unternehmens.

In den achtziger Jahren begann Tyromont mit der Entwicklung von Hubschrauber-Bergesäcken, damals ging auch der erste österreichische Rettungshubschrauber in Betrieb. Die jährliche Verkaufsmenge befindet sich nach Greil im mittleren dreistelligen Bereich, in den Anfangsjahren war sie zweistellig. Die Steigerung erklärt Greil mit den vermehrten Flugrettungseinsätzen. Insgesamt sei die Nachfrage nach alpinen Rettungsgeräten gestiegen. Das liege an einem höheren Sicherheitsbewusstsein, einer zunehmenden Professionalisierung der Rettungsorganisationen und mehr Freizeitsportlern in den Bergen.

In der Entwicklung der Hubschrauber-Bergesäcke arbeitet man eng mit den Kunden zusammen, so entstand das Modell „Bayern“ in Kooperation mit der Bergwacht Bayern. „Mehrere Bergrettungsorganisationen haben vor Jahren in einer gemeinsamen Arbeitsgruppe mit Tyromont Lösungen für die Rettung von Patienten aus alpinem Gelände entwickelt“, berichtet Uwe Männel von der Bergwacht Schwarzwald.

Die Bergesäcke würden von „sämtlichen in Europa führenden Flugrettungsorganisationen“ verwendet, sagt Greil. Sie bestehen aus PES-Nylon und werden von Hand zusammengenäht. Sie kosten 1200 bis 1800 Euro netto und haben eine Lebensdauer von zehn Jahren. Ein Sack wird mit zehn Aufhängeseilen an die Hubschrauberwinde gehängt, wobei die Seile jeweils eine Bruchlast von mehr als 5000 Kilonewton haben. Das Gewicht eines Elefanten reichte längst nicht aus, um diese Bruchlast zu erreichen.

Von den Verletztensäcken verkauft Tyromont jährlich etwa 200 Stück zu einem Preis zwischen 350 und 450 Euro. Der deutsche Markt ist nach Greils Angaben der wichtigste Exportmarkt. Man entwickelt auch Säcke für neue Anwendungsgebiete, zum Beispiel einen Bergesack zur Personenrettung von Offshorewindparks. So versucht Tyromont, seine zweistelligen Wachstumraten zu halten. 70Prozent seiner Produkte aus den drei Geschäftsfeldern Pistenrettung, Bergrettung und Flugrettung exportiert man in mehr als vierzig Länder. Man sei europäischer Marktführer für Hubschrauber-Bergesäcke und Rettungsschlitten, sagt Greil. Nur das Unternehmen Cascade Rescue sei „Platzhirsch“ für Rettungsschlitten auf dem amerikanischen Markt. Cascade Rescue gibt an, Rettungsschlitten für fast alle amerikanischen Skigebiete zu vertreiben und in 23 weiteren Ländern präsent zu sein.

Wie wichtig Hubschrauber-Bergesäcke auch im Falle schwerer Unglücke sind, zeigte sich beim schweren Zugunglück in Bad Aibling. Mehrere Opfer wurden mittels Winde und Sack geborgen, weil die Unfallstelle nur schwer zugänglich war.

Informationen zum Beitrag

Titel
Wie man Verletzte über den Berg bringt
Autor
Matteo Müller
Schule
Wentzinger-Gymnasium , Freiburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.07.2016, Nr. 156, S. 25
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2015/2016
Kategorie
Print

Beruf und Chance