Wie man Hals über Kopf die Kurve kratzt

Bügel runter. Es zischt. Dreieinhalb Sekunden später schießt man mit gut 200 Stundenkilometern in die Höhe. Das ist kein Raketenstart, sondern der Beginn einer Fahrt auf der „Kingda Ka“- Achterbahn im Freizeitpark Six Flags Great Adventure in den Vereinigten Staaten. Geplant hat sie das Ingenieurbüro Stengel GmbH aus München, das 14 Mitarbeiter beschäftigt. Nach eigenen Angaben ist man Weltmarktführer in der Planung von Achterbahnen. Und die Kingda Ka ist die höchste Achterbahn der Welt und die schnellste Nordamerikas. „Bei der Eröffnung vor fast elf Jahren wurde Kingda Ka als eine der furchteinflößendsten und berauschendsten Achterbahnen gesehen“, berichtet Kristin Siebeneicher von Six Flags Great Adventure.

Von allen 700 Achterbahnen, die Stengel in gut fünfzig Jahren geplant habe, sei die Kingda Ka die spektakulärste, sagt Andreas Wild, Geschäftsführer des Ingenieurbüros Stengel. 2017 komme freilich eine noch spektakulärere, verrät er. Die Angebotspalette des Unternehmens reicht von der Qualitätssicherung über die Berechnung der Holz- oder Stahlstrukturen bis hin zur Planung und Konstruktion von Achterbahnen. Wo hat eine Stütze zu stehen, und hält diese die Belastungen des fahrenden Zugs aus? Auf solche Fragen habe man die Antwort, sagt Wild. Beim Berechnen der Stützen sei die Einhaltung aller örtlichen Randbedingungen wie Wege, Straßen, Gebäude und Geländegrenzen wichtig, „denn es darf zum Beispiel keine Stütze in einem Restaurant stehen“. In der Regel arbeitet Stengel für Achterbahnhersteller, die für Freizeitparks bauen, zum Beispiel für die Mack Rides GmbH & Co. KG in Waldkirch.

Mack Rides stellt unter anderem Attraktionen für den Europa-Park in Rust her, Deutschlands größten Freizeitpark. Nach eigenen Angaben gehört man zu den drei führenden Achterbahnherstellern der Welt. Pressesprecher Maximilian Röser berichtet, die Achterbahnen würden von vier Ingenieuren entworfen. Auf Wunsch des Kunden werde das Büro Stengel hinzugezogen. Manche Parks legten viel Wert auf den „Stempel Stengel“. Auch könne das Ingenieurbüro Kräfte, die während der Fahrt auf den Passagier einwirken, genau berechnen. „Die auf den Passagier einwirkenden Beschleunigungen müssen verträglich sein.“ Nach Wilds Worten kann man mit Computerprogrammen die Fahrerlebnisse vorhersagen. Man erledige 15 bis 20 Projekte im Jahr.

Mindestens 5 bis 6 Millionen Euro koste eine kurze Achterbahn und eine ausgefeiltere 15 bis 20 Millionen Euro, sagt Röser. Die Dekoration sei mitunter am teuersten. Nach Wilds Angaben beginnt ein Auftrag bei 50000 Euro, er könne aber viel teurer werden. Man arbeite etwa vier Monate an einem Auftrag. Anderthalb bis zwei Jahre vergingen im Normalfall von der Ausschreibung bis zur Eröffnung einer Achterbahn, sagt Röser.

In den sechziger Jahren baute der Gründer des Ingenieurbüros, Michael Stengel, die erste Stahlachterbahn Deutschlands, die „Super Acht“ auf dem Münchner Oktoberfest. Er plante auch den ersten Achterbahnlooping der Welt. Hierfür wandte er 1975 das geometrische Prinzip der Klothoide an; auf ihm bauen bis heute alle Loopings auf. Dabei geht es darum, die Belastung beim Einfahren in den Looping zu senken. Weitere Meilensteine waren der erste „Inverted Roller Coaster“ und der „Olympia Looping“ auf dem Oktoberfest. 2001 überließ Stengel das Unternehmen Harald Wanner  und seinem Schwiegersohn Andreas Wild.

Laut Wild ist die Zahl der Achterbahningenieurbüros in Deutschland überschaubar. International gebe es vor allem Büros mit ein, zwei Mitarbeitern und Achterbahnhersteller mit eigenen Ingenieurabteilungen. „Etwas in Stengels Größe gibt es anderswo auf der Welt nicht“, sagt Wild und schätzt den Weltmarktanteil seines Unternehmens auf 40 Prozent.

Stengel hat viele Aufträge. Nach der Amtsübernahme 2001 habe man, mehrere hundert Achterbahnen später, den Umsatz verdoppelt. Er liege im einstelligen Millionenbereich. Die bisherigen Absatzmärkte sind Westeuropa und Amerika. Nun blickt man nach Osten. Die Vereinigten Arabischen Emirate investierten stark in den Tourismus und auch in Freizeitparks, sagt Röser. Und Chinas aufstrebende Mittelschicht lasse die Nachfrage nach Angeboten wie Freizeitparks wachsen.

Auch der deutsche Markt verändert sich. Das Einbetten der Bahn in ein Motiv habe stark zugenommen, berichtet Röser. „Sich nur passiv von der Technik den Magen umdrehen zu lassen, das wird in Zukunft abnehmen“, sagte Werner Stengel vor fünf Jahren dieser Zeitung. Nun zieht man Virtual-Reality-Brillen an. „Das Verschwimmen von realer und virtueller Welt wird an Bedeutung gewinnen“, sagt der Geschäftsführer des Verbands Deutscher Freizeitparks und Freizeitunternehmen, Ulrich Müller-Oltay. „So kann aus dem Alpenexpress an Halloween schnell eine Geisterbahn werden“, erklärt Röser.

Während einer Achterbahnfahrt bekomme das Gehirn die Information, dass sich der Körper in einer Ruheposition befinde, erklärt Psychologe Ingo Bögner. Doch die Augen sähen, dass man sich schnell bewege. Evolutionsbiologisch bedingt, bereite sich der Körper auf Flucht oder Kampf vor und schütte die Hormone Adrenalin, Endorphin (Glückshormon) und Cortisol aus. Und wenn man Angst vor Achterbahnen hat? Wild gibt zu bedenken, dass schon die Fahrt zum Park gefährlicher sei als die Achterbahnfahrt.

Informationen zum Beitrag

Titel
Wie man Hals über Kopf die Kurve kratzt
Autor
Giovani Francois Nantcha
Schule
Wentzinger-Gymnasium , Freiburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.08.2016, Nr. 180, S. 20
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2015/2016
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Projektanmeldung

Sie möchten sich für ein medienpädagogisches Projekt der F.A.Z. anmelden? Gleich kostenlos registrieren und das Projektangebot der F.A.Z. nutzen. › Zur kostenlosen Registrierung