Gehandicapte kriegen was zu hören

In der fränkischen Stadt Hersbruck residiert in einem umgebauten Bauernhaus ein „Hidden Champion“: die Hörluchs Gehörschutzsysteme GmbH & Co. KG von Thomas Meyer und Norbert Deinhard, die sich seit Schultagen kennen. Hörluchs hat das erste Hörsystem mit integrierter Lärmschutzfunktion hergestellt. Es ermöglicht, auch mit einer Hörminderung an einem Lärmarbeitsplatz zu arbeiten. Das Unternehmen hat 42 Mitarbeiter und kooperiert mit 2500 Hörgeräteakustikern. Angefangen hat alles 2004 mit einem Fachgeschäft, inzwischen sind es fünf in Nürnberg und Umgebung. „Derzeit sind wir das einzige Unternehmen in Deutschland, dessen kombiniertes System aus Gehörschutz und Hörgerät für Lärmarbeitsplätze vom Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA) zugelassen ist“, erklärt der zuständige Projektentwickler Dominic Schmidt. Es sei ein befriedigendes Gefühl, Menschen zu helfen, die sonst ihren Beruf nicht länger ausüben könnten, sagt Thomas Meyer, ein sportlicher Mann mit Dreitagebart.

„Eine Betriebsärztin brachte den Stein 2006 ins Rollen“, erzählt Meyer. „Sie berichtete mir von einem Mitarbeiter, der trotz seiner Hörminderung weiter an seinem Lärmarbeitsplatz arbeiten wollte, dies aber mit seinem herkömmlichen Hörgerät nicht durfte.“ Denn Arbeiten im Lärm belasten das Gehör. Menschen mit Hörminderung müssen schon bei 80 Dezibel (A) einen Gehörschutz tragen. „Unsere Aufgabe bestand darin, den Lärmpegel am Trommelfell auf unter 80 Dezibel zu reduzieren und zugleich das Hörvermögen für die notwendige Kommunikation und für Signalgeräusche in vollem Umfang zu erhalten.“ Herkömmliche Hörgeräte erkennten Sprache im Bereich von 60 bis 70 Dezibel. An einem Lärmarbeitsplatz werde aber lauter gesprochen.

„400000 Euro investiertes Kapital und unzählige Arbeitsstunden haben sich gelohnt“, sagt Meyer. Der Umsatz ist stetig gewachsen; 2014 lag er bei 3,5 Millionen und 2015 bei 5 Millionen Euro. Kern des neuen ICP-Hörsystems (Insulating Communication Plastic) ist eine auf die betrieblichen Verhältnisse und die individuelle Hörleistung anpassungsfähige Software. Das Programm steuert die Elektronik des Gerätes so, dass Lärm in bestimmten Frequenzbereichen und Geräuschpegel oberhalb der festgelegten Grenzwerte herausgefiltert werden. Anhand eines Audiogramms der Hörleistung und genauer Abdrücke des Gehörganges „fertigen wir individuell maßgeschneidert eine Dämmotoplastik“, erklärt Meyer, „eine Art Passstück, das für einen festen Sitz des Gehörschutzes im Ohr sorgt.“ Ein Hörschutzsystem kostet je nach Ausführung beidseitig zwischen 3000 und 6000 Euro. „Metall formen, pressen, stanzen, der Krach bei meiner täglichen Arbeit, gingen mir enorm auf die Ohren“, sagt Helmut Jahn, seit 25 Jahren Lagerarbeiter in einem metallverarbeitenden Betrieb in Röthenbach. „Ohne das ICP-Hörsystem wäre ich schon lange in Frührente.“

Man habe bisher keine echte Konkurrenz. Die Großen unter den Hörgeräteherstellern scheuten das aufwendige EU-Zulassungsverfahren und die eher geringen Verkaufszahlen. Meyer macht eine andere Rechnung auf. Das ICP-Hörsystem sei eine persönliche Schutzausrüstung, für die grundsätzlich der Arbeitgeber die Kosten zu tragen habe; das Hörgerät sei ein Medizinprodukt, das von den Krankenkassen bezuschusst werde. Auch die gesetzliche Unfallversicherung, die Rentenversicherung oder die Bundesagentur für Arbeit beteiligten sich unter bestimmten Voraussetzungen an den Kosten. „Einem zwanzig Jahre alten Hörbehinderten, der eine Schreinerlehre aufnehmen wollte, zahlte die Integrationsstelle der Arbeitsagentur das Hörschutzsystem“, erzählt Meyer. Bis heute wurden rund 1200 ICP-Hörsysteme verkauft, die meisten für eine beidohrige Versorgung.

Man wolle weiter wachsen, auch im Ausland, vor allem in Europa. „Wir möchten auch mit all denen noch stärker ins Geschäft kommen, die keine Hörminderung haben und die nur ab und zu einen Gehörschutz bei Lärmarbeit oder zum Beispiel beim Heimwerken benötigen“, sagt Meyer. 80 Prozent des Umsatzes macht Hörluchs mit dieser Art Gehörschutz. 2015 hat man rund 160000 solcher Gehörschutzotoplastiken verkauft.

Zuversichtlich ist man auch, weil es allein in Deutschland gut 5 Millionen Lärmarbeitsplätze gibt. Außerdem nehme der Anteil der Menschen, die im Laufe ihres Lebens ein Hörgerät benötigten, zu – dank der demographischen Entwicklung.

Informationen zum Beitrag

Titel
Gehandicapte kriegen was zu hören
Autor
Matthias Duve
Schule
Tannenbusch-Gymnasium , Bonn
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.09.2016, Nr. 216, S. 20
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2015/2016
Kategorie
Print

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