Manche Patienten müssen tausend Tode sterben

Wer will einen Erstsemester-Medizinstudenten zum Blutabnehmen an seinen Arm lassen, einen Krankenpfleger zu Beginn seiner Ausbildung einen Katheter legen lassen oder der Erste sein, bei dem ein Rettungssanitäter eine Herzdruckmassage durchführt? Vermutlich niemand – was nicht schlimm ist, denn für diese Trainingssituationen gibt es glücklicherweise Patientensimulatoren. An ihnen kann man Fehler machen. „Der Simulator nimmt Ihnen das ja nicht übel, Fehler sind sogar erwünscht“, sagt Gerald Krämer, Programmdirektor für Zentraleuropa von Lrdal Medical AS. Das Unternehmen stellt Patientensimulatoren her und ist nach Krämer „in vielen Bereichen, gerade was Reanimationsmodelle angeht, das führende Unternehmen weltweit“.

Der Norweger smund Lrdal gründete 1940 in Stavanger einen Grußkarten- und Kinderbuchverlag. Erst mit der Herstellung von Spielzeug und damit auch Spielzeugpuppen begann der Weg zum heutigen Markt. Der Zufall wollte es, dass der amerikanische Anästhesist Peter Safar auf der Suche nach einer lebensähnlichen Puppe, an der man die Wiederbelebung üben und lehren konnte, auf smund Lrdal traf. Doch was es damals auf dem Markt gegeben habe, sei nicht ausreichend zur Übung der lebensrettenden Herzdruckmassage gewesen, berichtet Krämer. „Das war so ein Kasten, auf dem man die Kompression durchgeführt hat; der sollte den Brustkorb darstellen, und dann gab es noch eine Art Kopfmodell dazu.“ Lrdal sei dann der erste Anbieter von Reanimationsmodellen im Ganzkörperbereich gewesen.

Seitdem ist das nicht börsennotierte Familienunternehmen, das von smund Lrdals Sohn Tore geführt wird, Produzent für Patientensimulatoren mit einem Absatz von etwa 5000 Simulatoren im Jahr, wie Krämer berichtet. Abnehmer sind Krankenhäuser, Rettungsdienste, Sanitätskurse, Hilfsorganisationen, Feuerwehren und die Polizei. Man verkauft Produkte des Therapiebereichs wie Defibrillatoren oder Beatmungsbeutel und Produkte des Trainingsbereichs. Hier gibt es einerseits den „Basic Life Support“ (BLS), ein Kopf-Rumpf-Modell, an dem einfaches Reanimationstraining wie Beatmung und Herzdruckmassagen auch von Laien geübt werden kann. Und dann stellt man Produkte für medizinische Profis her: Bei den „Task- und Skilltrainern“ geht es um das technische Training von einfachen Vorgängen wie Blutdruckmessen. Entsprechend stellen diese Simulatoren nur einen Teil des Körpers dar wie einen Arm, der die gewünschten Reaktionen zeigt, wenn man ihm die Blutdruckmanschette anlegt.

Aber auch wenn die Mediziner ihr Handwerk verstünden, müssten sie für bestimmte Situationen den Blick geschärft bekommen, sagt Krämer mit Blick auf die großen Simulatoren, die Lrdal produziert. Für diese wird der ganze Körper nachgebaut, der Körperfunktionen mittels einer integrierten Software simuliert. Auf diese Weise wird geübt, in Notfallsituationen adäquat zu handeln. So spielen Rettungssanitäter, Ärzte und Krankenpfleger Unfall- und OP-Situationen nach. Es handelt sich vor allem um ein soziales und psychisches Training. „In der Simulation geht es oft gar nicht nur um Medizin, sondern mehr um die Soft Skills. Die Puppe braucht man eigentlich nur, um den Kontext zu liefern“, erklärt Rainer Gaupp, Gründer von Edusim, einem Unternehmen aus Therwil in der Schweiz, das Fortbildungen unter anderem mit Patientensimulatoren von Lrdal durchführt. „Man triggert dann durch die Simulatoren einfach nur Stresssituationen.“

Während ein Blutdruckarm im Onlineshop für 1785 Euro zu haben ist, kostet Lrdals „Flaggschiff“, der SimMan 3G, fast 80000 Euro; von ihm verkauft man etwa 1300 im Jahr. Er kann Puls, Herzrhythmus, Sauerstoffsättigung, Kohlendioxidbeatmung und Blutdruck anzeigen. Temperaturkurven werden nur am Computer simuliert, „weil wir das nicht darstellen können, wir können den Simulator ja nicht erwärmen“, erklärt Krämer. Andere Funktionen wiederum können am Simulator direkt dargestellt werden, zum Beispiel kann durch LED-empfindliche Sensoren bewirkt werden, dass sich die Pupillen verändern, und durch Soundgeneratoren werden die Lungengeräusche imitiert.

In Stavanger befindet sich vor allem die Produktion der High-End-Simulatoren, die viel Handarbeit erfordern. In Gatesville, Texas, werden hauptsächlich Skill- und Tasktrainer für die Pflegeausbildung hergestellt. In Monterrey, Mexiko, werden vornehmlich bestimmte Komponenten großer Simulatoren vorgebaut, und in Suzhou, China, werden die BLS-Simulatoren produziert.

Ein anderes Geschäftsmodell hat das kanadische Unternehmen CAE Healthcare, nach eigenen Angaben ebenfalls eines der führenden Unternehmen der Branche. „Wir bauen High-Fidelity-Simulatoren ab 35000 Euro“, sagt Moritz Schmidl, Marketingmanager der CAE Healthcare GmbH in Mainz. Dass CAE Healthcares Marktanteil nicht so groß sei, liege daran, dass man keine Simulatoren für Erste-Hilfe-Kurse baue, sondern komplexere Geräte. Das Prestigeobjekt ist der HPS (Human Patient Simulator), der Gase verstoffwechseln kann. Von ihm verkaufe CAE etwa 10 Stück im Jahr, zu rund 200000 Euro.

Der HPS wurde von Meti aus Florida entwickelt; er wird dort nach wie vor hergestellt. 2011 kaufte CAE Meti und gründete den Bereich Healthcare. CAE Healthcare ist mit einem Umsatz 2015 von 94,3 Millionen Kanadischen Dollar (65,6 Millionen Euro) bisher noch die kleinste Sparte von CAE, das einen Umsatz von 2,24 Milliarden Kanadischen Dollar erzielt.

Sowohl Lrdal als auch CAE Healthcare versuchen ihre Simulatoren noch realitätsgetreuer zu gestalten. Beide forschen an der Entwicklung neuer Plastiksorten, die der Haut noch ähnlicher sind und sich möglichst wenig abnutzen. Bei der Herstellung dürfen keine chemischen Komponenten verbunden werden, die zu körperlichen Beeinträchtigungen bei den Übenden wie zum Beispiel Allergien führen.

Beide Unternehmen beklagen, dass in Europa und vor allem in Deutschland das Training an Simulatoren noch ungenügend sei. „In den Vereinigten Staaten werden Mediziner und Pflegekräfte zunächst in Skilllabs und Simulationszentren ausgebildet, bevor sie auf Station gehen. Das ist in Europa und insbesondere in Deutschland ein bisschen anders“, sagt Krämer. „Wir warten schon sehr lange darauf, dass im großen Stil Simulationszentren gebaut werden“, betont Schmidl. Oder wie in der Türkei, wo CAE Healthcare gerade den Bau eines Simulationszentrums plant.

Ärzte und Pfleger sind nicht verpflichtet, nach der Ausbildung regelmäßig Simulationen durchzuführen. „In Amerika wurden vor 15 Jahren Studien gemacht, wie viele Fehler in der Medizin passieren. Und es hieß, dass 100000 Patienten im Jahr wegen Fehlern versterben, die vermeidbar gewesen wären“, erklärt Gaupp von Edusim. „Wenn Ärzte verpflichtet wären, einmal im Jahr Trainings zu machen, dann würden Simulationszentren wie Pilze aus dem Boden schießen.“

Informationen zum Beitrag

Titel
Manche Patienten müssen tausend Tode sterben
Autor
Clara Schick
Schule
Wentzinger-Gymnasium , Freiburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.09.2016, Nr. 216, S. 20
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2015/2016
Kategorie
Print

Beruf und Chance