Die Weißheit kommt aus Bayern

Das Weiße Haus, den Buckingham Palace und die Oper in Sydney kennen viele; doch wer weiß schon, dass ihre Fassaden mit den Farben desselben bayerischen Unternehmens gestrichen wurden? Die Keimfarben GmbH aus Diedorf bei Augsburg listet in ihren Referenzen noch viele weitere Bauten – Regierungsgebäude, Schlösser und Kirchen – rund um den Globus auf. Das Unternehmen beschäftigt 450 Mitarbeiter und stellt Silikatfarben für den Innen- und Außenbereich her.

Die Erfindung der Silikatfarbe geht auf König Ludwig I. von Bayern zurück. Er wollte die Farbenpracht norditalienischer Kalkfresken nach Bayern holen, doch die Kalkfarben konnten dem rauhen deutschen Wetter nicht standhalten. Die Lösung fand Adolf Wilhelm Keim 1878, der spätere Gründer von Keimfarben. Die von ihm entwickelte erste Silikatfarbe hatte die gleiche Farbbrillanz wie Kalkfarbe, trotzte jedoch dem Wetter.

Farbe besteht aus einem Pigment, das den Farbton bestimmt, einem Füllstoff, der der Farbe ihre Konsistenz verleiht, und einem Bindemittel, das dafür sorgt, dass die Farbe an der Wand haftet. Silikatfarbe zeichnet sich durch das mineralische Bindemittel Kaliumsilikat aus, auch Pigmente und Füllstoffe sind mineralisch. Beim Trocknen geht das Kaliumsilikat, hergestellt aus Quarzsand und Pottasche, eine chemische Verbindung mit dem Untergrund ein. Dadurch hält Silikatfarbe deutlich länger als die Dispersionsfarbe, die auf organischen Bindemitteln basiert.

Die Wandmalereien am Rathaus in Schwyz stammen von 1891. Die Fassade wurde mit Szenen aus der Gründungsgeschichte bemalt. Verwendet wurden Produkte von Keimfarben. In der Regel halte eine Silikatfarbe mindestens 25 Jahre, erklärt Rüdiger Lugert, Geschäftsführer von Keimfarben, und fügt hinzu: „Das Wichtige an einer Fassadenfarbe ist, dass sie den Farbton behält und dass die Fassade sauber bleibt. Und da sind Silikatfarben gegenüber Dispersionsfarben deutlich im Vorteil.“ Denn Dispersionsfarben werden bei Hitze klebrig und laden sich durch Wind elektrostatisch auf, so dass Schmutz haften bleibt. Sie würden nach etwa zehn Jahren unansehnlich.

Ein Vorteil der Silikatfarbe ist zudem, dass ihre mineralischen Pigmente im Sonnenlicht nicht ausbleichen. Für Lothar Kiefer, Geschäftsführer des Malerbetriebs Albert Kiefer GmbH in Freiburg, bedeutet das: „Man kann mit recht kräftigen Farben arbeiten, sogar mit Orangetönen, was sonst im Fassadenbereich äußerst schwierig ist.“ Auch für Innenräume bevorzugt Kiefer Silikatfarben, weil sie alkalisch sind und so vor Schimmel und Algen schützen.

Die Forschung der Keimfarben GmbH zielt darauf ab, die Farben mit weiteren positiven Eigenschaften auszustatten. So soll die Dampfspeicherkapazität von Innenfarben verbessert werden. Auch gibt es Außenfarben, die dem Aufheizen der Fassade bei Sonneneinstrahlung entgegenwirken. Durch den Einsatz von Infrarotpigmenten könne die Temperatur einer mittelgrauen Fassade von 80 auf 60 Grad reduziert werden, erläutert Lugert. Doch auch ohne Sonderausstattung kommen Silikatfarben der Umwelt zugute: Lugert zufolge enthalten sie keine Giftstoffe; und ihre Langlebigkeit schone die Rohstoffvorräte. Trotz dieser Vorzüge haben Silikatfarben nach seinen Angaben in Deutschland einen Marktanteil von nur 12 Prozent.

Dispersionsfarben traten laut Lugert in den fünfziger Jahren ihren Siegeszug an. Zu dieser Zeit gab es nur zweikomponentige Silikatfarben. Ihre Anwendung erfordert wesentlich mehr Zeit und Wissen, wie Malermeister Kiefer erklärt. Die Farbe muss vor der Verwendung angerührt werden; auch das Auftragen ist aufwendiger. Zudem sind diese Farben auf mineralische Untergründe beschränkt. Inzwischen hat Keimfarben auch einkomponentige Silikatfarben entwickelt, die gebrauchsfertig zu kaufen sind. Ihre Anwendung ist so einfach wie die der Dispersionsfarbe. Zudem lassen sich die Produkte von Keimfarben außer auf Metallen mittlerweile auf alle relevanten Untergründe auftragen.

Dispersionsfarben sind aber günstiger. Für den Außenbereich kann man sie schon ab drei Euro je Liter kaufen, während die untere Preisgrenze der Silikatfarben bei etwa 10 Euro liegt. In den oberen Preisklassen sind die Preisunterschiede allerdings geringer. Langfristig gesehen seien Silikatfarben ohnehin billiger, betont Kiefer: Nach ihrer Verwendung entfielen mindestens eine Renovierung und die damit verbundenen Gerüstkosten.

Diese Vorteile überzeugen offensichtlich immer mehr Verbraucher, zumindest ist 2015 der Silikatfarbenmarkt in Deutschland um sechs Prozent gewachsen, wie Lugert berichtet. Für Kiefer sind Dispersionsfarben nicht mehr zeitgemäß. „Sie waren hauptsächlich in den achtziger Jahren Stand der Technik.“ Damals habe man geglaubt, eine gute Fassadenfarbe dürfe keinerlei Feuchtigkeit eindringen lassen. Heute wisse man, die verschlossene Oberfläche zerstöre den Putz, ganze Putzteile könnten von der Fassade abplatzen.

Keimfarben ist der größte Silikatfarbenhersteller: 2015 verkaufte man Lugert zufolge 26000 Tonnen Farbe und erzielte einen Umsatz zwischen 80 und 100 Millionen Euro. „Wir haben immer eine gute Entwicklung gehabt, aber in den vergangenen zehn Jahren hat sich das Geschäft sehr dynamisch entwickelt.“ Der Anteil am deutschen Silikatfarbenmarkt liege bei 50 Prozent. Im Inland, wo man rund die Hälfte des Umsatzes erwirtschaftet, gebe es fünf bis sechs relevante Wettbewerber. Außerhalb Europas sind Silikatfarben hingegen weniger verbreitet. „In den meisten Märkten außerhalb Europas ist der Silikatfarbenumsatz zu 100 Prozent unserer.“

Das Unternehmen hat noch mehr Vorzeigeprojekte. Nicht nur der amerikanische Präsident und die Queen residieren in Gebäuden, die seine Farben tragen, auch das Bundeskanzleramt in Berlin wurde mit ihnen gestrichen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Weißheit kommt aus Bayern
Autor
Charlotte Simonyi
Schule
Wentzinger-Gymnasium , Freiburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.10.2016, Nr. 233, S. 20
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2015/2016
Kategorie
Print

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