Sobald die Kinder da sind, geht’s bergab

Ress-Kutschen ist einer der wenigen deutschen Hersteller von Holzschlitten. Zu schaffen machen den Franken die Konkurrenz aus Osteuropa und der Online-Handel.

Seit vielen Generationen rutschen Kinder auf den Schlitten, die von der Ress-Kutschen GmbH gefertigt wurden, die winterlichen Hänge hinunter. Das unterfränkische Familienunternehmen aus Schwebheim begann am Ende des 19. Jahrhunderts mit der Produktion von Rodelschlitten aus Holz. „Die Firmengeschichte geht aber noch sehr viel weiter zurück“, erzählt der 63 Jahre alte Geschäftsführer Michael Ress. Die erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1696. Damals stellte ein Urahn von Ress Kutschen und Pferdewagen her. Heute spielen die Kutschen praktisch keine Rolle mehr. Auf dem Holzschlittenmarkt sei man hingegen eine feste Größe, sagt Ress.

Der Beruf des Wagners sei leider vom Aussterben bedroht, beklagt Ress. „Ich habe mich sehr dagegen gewehrt, dass der Beruf aus der Handwerkerrolle gestrichen wird.“ Doch er konnte es nicht verhindern. Ein Wagner verarbeitet Holz, zum Beispiel zu landwirtschaftlichen Geräten. „Alles, was krumm oder gebogen ist und dazu noch statische oder dynamische Belastungen ertragen muss, sind Arbeiten für den Wagner“, erklärt Carsten Jungk, der vor mehr als 35 Jahren seine Wagner-Ausbildung in der Firma Ress abschloss. Inzwischen ist er der einzige gelernte Wagner im Betrieb. „Außerdem haben wir noch einen ausgebildeten Sattler, der Rest der insgesamt acht Mitarbeiter wurde angelernt“, berichtet Ress. Die Zahl der Personen, die das Wagner-Handwerk heute noch in Deutschland ausüben, schätzt Ress auf rund zwanzig. Ein Grund sei der Aufschwung der osteuropäischen Konkurrenz, die vor allem mit Plastikschlitten auf den Markt dränge.

Ress betont die Vorteile des Holzschlittens: „Plastik hat seine Grenzen. Bei minus 10 Grad wird der Kunststoff spröde und ist nicht annähernd so standfest wie Holz.“ Ress produziert zwei Arten von Holzschlitten: zum einen den Rodelschlitten „Davoser Art“, einen Klassiker, der lange das Spitzenprodukt war, und zum anderen den Gebirgsrodel, dessen Kufen stark gebogen sind. Dessen Umsatzanteil sei gestiegen und liege nun bei 50 Prozent, berichtet Ress. Beide Modelle kosten je nach Größe zwischen 45 und 80 Euro.

Die Schlitten werden zu mehr als 80Prozent in der eigenen Werkstatt hergestellt, größtenteils mit selbstgebauten Maschinen. Der wichtigste Werkstoff, das Buchenholz, stammt aus regionalen Wäldern wie dem Steigerwald und dem Thüringer Wald. Der große Vorteil von Buchenholz liegt laut Ress zum einen in seiner Elastizität und zum anderen in seiner großen Stabilität. Das Eisen für die Kufen kommt aus dem Ruhrgebiet. Wichtig ist für das Unternehmen das Einholen von Zertifikaten vom TÜV und dem Forest Stewardship Council (FSC), einer Organisation, die sich für nachhaltige Forstwirtschaft einsetzt.

Die Verkaufszahlen sind stark von der Witterung abhängig. Waren es laut Ress im sehr milden Winter 2014/15 gerade einmal 6500 Schlitten, wurden im „Jahrhundertwinter“ 2010/11 rund 56000 Exemplare verkauft. Dieser Winter, hofft Ress, könnte wieder eine rentablere Geschäftsperiode werden: „Es kommen teilweise 68 Aufträge an einem Tag rein.“ Sein Traum vom perfekten Winter: „Minus 10 Grad, klarer Himmel und fester, harter Schnee. Dann können die Holzmodelle ihre Stärken gegenüber den Plastikprodukten ausspielen.“ Die Zeit der schneesicheren Winter sei allerdings vorbei: „Man braucht sich nichts vormachen – es gibt eine Klimaerwärmung.“

Auch die zunehmende Präsenz von Online-Versandhändlern wie Amazon macht dem Schlittenhersteller das Leben schwer. „Oft stehen Kunden bei mir im Laden, schauen sich die Produkte an und überprüfen dann auf ihren Smartphones, ob sie sie nicht irgendwo anders billiger bekommen können.“ Amazon bezog auch lange Zeit Holzschlitten von dem unterfränkischen Unternehmen. Ress beendete dann die Geschäftsbeziehungen, da Amazon „kein Partner ist, mit dem man gut arbeiten kann“.

Zu den größten Abnehmern gehören die Baumärkte, sie machen rund 80 Prozent des Kundenstamms aus. Wichtig sind auch Sportgeschäfte. Zu ihnen zählt Derwolf aus Bad Neustadt an der Saale. Für den Inhaber Bernhard Wolf ist neben der Qualität auch der Kontakt zu seinem Lieferanten wichtig. „Ich fahre oft persönlich zu Ress nach Schwebheim, um mir dort die Schlitten auszusuchen und auch um einen kurzen Plausch zu halten. Warum müssen Produkte erst eine Reise um den Globus machen, bevor man damit den Kreuzberg runterrutschen kann?“

Wegen des Wetters schwankt der Umsatz von Ress stark. In schlechten Jahren seien es nur 600000 Euro, in guten könnten es 2 Millionen Euro sein. In Deutschland teile man sich die Marktführerschaft mit dem Allgäuer Unternehmen Sirch Holzverarbeitung e. K. Es gebe noch kleinere Hersteller und kaum Neugründungen. Die größere Bedrohung seien die osteuropäischen Hersteller von Plastikschlitten. Man restauriert ab und zu auch Oldtimer. Die langfristige Zukunft des Unternehmens ist freilich ungewiss. Ress will in ein paar Jahren in den Ruhestand gehen und wird den Betrieb dann womöglich verkaufen. „Ich bezeichne mich als freischaffenden Künstler, weil es eine Kunst ist, in der Branche zu überleben“, sagt er.

Informationen zum Beitrag

Titel
Sobald die Kinder da sind, geht’s bergab
Autor
Julian Bandorf
Schule
Bayernkolleg Schweinfurt , Schweinfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.01.2018, Nr. 3, S. 20
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2017/2018
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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