Einmal im Jahr werfen sie alles über den Haufen

Das Markenbewusstsein der Karnevalsbesucher nimmt zu – wenn es um das Wurfmaterial geht

Wenn „d’r Zoch kütt“, warten Tausende Menschen an den Straßenrändern in Deutschlands Karnevalshochburgen auf bunt geschmückte Festwagen, beladen mit Süßigkeiten. Vor allem im Rheinland und dem Rhein-Main-Gebiet ertönt in der fünften Jahreszeit immer wieder der Schlachtruf „Kamelle, Kamelle“, ohne den es keine Leckereien regnet. Nach Angaben des Festkomitees Kölner Karneval stammt der Brauch noch aus der Zeit der Karnevalsreform von 1823. Zu dieser Zeit war es üblich, dass der Prinz, der „Held Karneval“, auf einem Triumphwagen thronte und seinen „treuen Untertanen“ Geschenke von Hand verteilte. Warum die süßen Leckereien „Kamellen“(vom spanischen Wort caramelo: Karamell) genannt wurden, ist nicht überliefert. Eine Theorie besagt, dass die Kölsche Kamelle ihren Ursprung in der Fastenzeit hat. Mit den hauptsächlich aus Zucker und Sahne bestehenden Bonbons konnte man vor dem vierzigtägigen Fasten noch einmal schlemmen.

„Es hat ein Umdenken in der Auswahl der Produkte stattgefunden. Die Kunden bestellen Markenware, die für Qualität steht“, sagt Dieter Schwadorf, Geschäftsführer der Schwadorf Handel und Logistik GmbH & Co. KG in Alfter bei Bonn. Die Nachfrage nach der normalen Handelsware Kamelle sei in seinem Großhandelsgeschäft auf ein bis zwei Tonnen rapide gesunken; der Begriff Kamelle müsse daher breiter gefasst werden. So wird Kamelle heutzutage laut Hermann Roos, Gruppenwart der „Große Dünnwalder Karnevals-Gesellschaft 1927 e.V.“ nur noch als Synonym für ein breites Spektrum an Wurfmaterial gehandelt. Es umfasse Waffeln, Schokoladen, Pralinen, Fruchtgummi, Chips, Popkorn und sogar Blumen, Bälle und Spielzeug.

Allein im Kölner Rosenmontagszug, dem mit rund 12000 Teilnehmern und einer Zuglänge von 7,5 Kilometern größten Karnevalszug Deutschlands, sollen laut dem Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie (BDSI) 2017 rund 300 Tonnen geworfen worden sein. Der Pressesprecher des Comitees Düsseldorfer Carneval, Hans-Peter Suchand, schätzt das Gewicht der 2017 in Düsseldorf geworfenen Süßigkeiten auf 150 bis 200 Tonnen. Auch in Düsseldorf gehe der Trend weg von Bonbons; gefragt sei Qualität.

Insbesondere die am Rosenmontagszug teilnehmenden großen Traditions-Karnevalsgesellschaften setzten auf Qualitätsware, am liebsten auf deutsche Markenprodukte, betont Joachim Zöller, Präsident und Erster Vorsitzender des Karnevalsvereins „Die Große KG von 1823“. Man kaufe nur bei Schwadorf. Das Unternehmen vertreibt vor allem deutsche Marken, zum Beispiel Haribo, Bahlsen, Storck, Halloren und Ritter Sport.

Das Budget für das Wurfmaterial wird nach Zöllers Aussage so finanziert: Die dreißig Karnevalisten auf dem Festwagen zahlen zwischen 500 und 1000 Euro und jeder in der Fußtruppe 100 bis 150 Euro. „Beim Einkaufen des Wurfmaterials muss auf Vorgaben des Kölner Karnevalskomitees geachtet werden“, erklärt Roos, der die Kamellen ebenfalls bei Schwadorf kauft. Es sind nur Süßwaren wie Kamellen, Kaugummis und Tafeln Schokolade unter 50 Gramm sowie Schachteln Pralinen à 125 Gramm erlaubt. Inzwischen wird nach Aussage von Michael Kramp, dem Pressesprecher des Festkomitees Kölner Karneval, immer mehr auf Produkte geachtet, die das Verletzungsrisiko bei unbeabsichtigten Treffern senken. „So werden etwa kleine weiche Kuchen (Yes-Torty) anstelle von kantigen Pralinenschachteln geworfen.“

Schwadorf hat in der laufenden Session bis Dezember 150 bis 170 Tonnen Süßwaren verkauft. Für 200 Schokowaffeln mit Clown-Motiv zahlt der Kunde rund 45 Euro, für 150 Stück Minischokoriegel 17 Euro. Viele Karnevalsvereine setzen auf Wurfmaterial mit Vereinsetikett. Schwadorf war in diesem Bereich nach eigenen Angaben Pionier. Die Etikettiermaschine ließ Schwadorf nach seinen Vorstellungen bauen. Mittlerweile laufen täglich 48000 Stück der Banderolen über das Fließband, die dann per Hand um die Artikel gewickelt werden. „Zu 95 Prozent geht mein etikettiertes Wurfmaterial nach Köln. Ich beliefere dort 70 Vereine, alle großen Gesellschaften“, sagt Schwadorf. Der Umsatz des Unternehmens liegt nach eigenen Angaben im mittleren siebenstelligen Bereich. Man beliefert ansonsten auch Tankstellen, Kioske und Schulen.

Konkurrent von Schwadorf ist die Tise Süßwaren GmbH, ein familiengeführtes Unternehmen, das seinen Sitz in Dormagen bei Köln hat. Tises Hauptkunden sind die Karnevalsgesellschaften im Ruhrgebiet und im Krefelder Raum. International ist Tise in den Niederlanden, Belgien und der Schweiz tätig; der Exportanteil beträgt 10 Prozent. Das Unternehmen ist einer der wenigen Importeure in Deutschland, die Süßwaren auf Halal-Basis herstellen lassen und vertreiben. Man bezeichnet sich als Marktführer im Bereich Wurfmaterial. Den Marktanteil schätzt Juniorchef Serkan Üre auf etwa 60 Prozent. Allein im Karneval verkauft Tise jährlich rund 2000 Tonnen Süßigkeiten. Der Umsatz lag 2017 nach eigenen Aussagen im hohen siebenstelligen Bereich und steige jedes Jahr um 10 bis 20 Prozent.

Marktführer sei man unter anderem wegen der „größten Artikelvielfalt im Bereich Wurfmaterial, günstigsten Preisen und der ständigen Ausweitung des Sortiments durch die Einführung neuer Produktserien wie Crazy Clown, Crazy Pirates, Kölle Alaaf und Frida das Einhorn“. Favoriten der Kunden sind laut Üre Speckseile, Puffreis, Schokoladentafeln und Fruchtgummi. Tise vertreibt Aktionsware, Restposten und Sonderposten bekannter Hersteller. Meistens sind es Importartikel, die unter anderem in der Türkei, Mazedonien, osteuropäischen Ländern und Belgien produziert wurden.

Einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurde Tise 2014 durch die Sendung „Wetten, dass...?“. Marketingleiter Sven Konetzki erinnert sich: „Ich war abends noch im Büro, weil vor Rosenmontag sehr viel zu tun ist. Da bekam ich einen Anruf: ,Schalt mal das ZDF ein!‘“ Die Wette lautete, die Stadt Düsseldorf würde es nicht schaffen, elf Prinzengardisten, die zusammen 1048 Kilogramm auf die Waage bringen, mit Kamellen aufzuwiegen. Konetzki entschied spontan, zwei Paletten Bonbons à 700 Kilogramm im Wert von 2000 Euro zum Burgplatz bringen zu lassen, und Moderator Markus Lanz verlor die Wette.

Doch ist der Karneval für die Süßwarenindustrie bedeutend? „Er macht nicht einmal ganz 1 Prozent am Umsatz aus“, sagt Torben Erbrath, Geschäftsführer des Süßwarenverbands. Ostern und Weihnachten seien viel wichtiger.

Informationen zum Beitrag

Titel
Einmal im Jahr werfen sie alles über den Haufen
Autor
Judith Ruppel
Schule
Berufskolleg Siegburg , Siegburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.02.2018, Nr. 27, S. 20
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2017/2018
Kategorie
Print

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