Biodiversität an Berliner Flughäfen

Biodiversität an Berliner Flughäfen

Ein rostiger, lange nicht mehr verwendeter Fahrradständer, große Mengen von Un-kräutern zwischen zerbröselnden Steinplatten, kahle, glattrenovierte Fassaden der wilhelminischen Gründerzeit – Mietskasernen und wohl einer der kleinsten Innenhöfe von Nord – Neukölln...

Hier also soll es entstehen, das "grüne Freiluft – Klassenzimmer", in dem Genera-tionen von Schülerinnen und Schülern fortan die ökologische Vielfalt der Pflanzen-arten in ihrem Lebensraum beobachten können.
"Wat' denn, nur Flora? Hier könnt ihr ooch die Fauna bestaunen: Ratten jibt's hier jede Menge, kommen von die Keller da drüben..." raunzt ein kräftig ausschauender Mann aus einem Fenster des dritten Stocks des Nachbarhauses.
"Da wächst nüscht... ohne Licht jeht hier jar nüscht" stellt fachlich versiert die Hausmeisterin der Karl – Marx – Str. 17 fest, die dabei leicht gegen den morschen Drahtzaun als Abgrenzung zu unserem Schulgelände drückt.

30 Jahre schon wird er nicht mehr genutzt, der ehemalige Fahrradabstellplatz des Albert – Schweitzer – Gymnasiums in Berlin – Neukölln. Wir biologisch und ökologisch interessierten Schülerinnen und Schüler wollen das ändern! Im Jahr 2014 werden im Rahmen des EU - Projekts "Soziale Stadt" in Zusammenarbeit mit dem "Quartiersmanagement Flughafenstraße" unsere Schulhöfe umgestaltet und da müsste doch für unseren "Hof der Biovielfalt" etwas Geld übrig bleiben.

Aber eigentlich wollten wir Anfang des Jahres im Rahmen des FAZ – Wettbewerbs "Jugend recherchiert – Biodiversität"  die große, weite Welt der Artenvielfalt kennenlernen und mitten in der UN – Dekade der Biodiversität (2011 – 2020) mal so richtig die globalen Zusammenhänge unserer vielfältigen Ökosysteme in den unterschiedlichsten Lebensräumen und Landschaften untersuchen...
Mario: "17 : 4! Was sagt Euch das?" "Ein Kartenspiel...?!" "17 : 4. Diese ungleich-mäßige Gewichtung findet man in Indien. 17% der heute etwa 7 Milliarden Menschen, durchschnittlich 37 000 Menschen auf einem Quadratkilometer, leben hier und müssen mit 4% der globalen Trinkwasserressourcen zufrieden sein. Reicht der Regen nach einem Monsun nicht aus, ist die Landwirtschaft, in der etwa 1/3 der indischen Bevölkerung arbeitet, gefährdet. Güter wie Nüsse, Raps, Sesam und Tee können so nicht mehr ausreichend bewässert werden, was eine schlechte Ernte zur Folge hat" (FAZ 19.1.13).

"Tja, aber was haltet ihr von dieser Zahl: 870 000 000?" bringt sich Marina ins Spiel. "... vielleicht die Einwohnerzahl Indiens um die Jahrhundertwende?!" "So viele Menschen hungern derzeit auf der Welt (FAZ 19.10.12)! Grund dafür könnte auch die Umnutzung brauchbarer natürlicher Vegetationen sein, die zudem Biotope für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten sind, die bei einem forcierten Anbau von Getreide z.B. für die Bio – Sprit – Gewinnung zerstört werden!"
"Das ist ja alles gut und schön oder auch nicht." wirft unser Lehrer ein. "Wir hatten uns doch darauf geeinigt, die Planung des neuen Flughafens ‚Berlin – Brandenburg Willy Brandt' auf die Ziele und Maßnahmen der "nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt" (Bundesamt für Naturschutz) abzuklopfen.

"Das Leitprinzip der Nachhaltigkeit scheint schon mal eingehalten zu werden: Reiße nur so viele Leitungen aus dem Mauerwerk wie Du auch wieder einbauen kannst..." bemerkt süffisant unser Okan.
"Na, da habe ich gerade die richtige Info!" schmettert Özgür dazwischen. "Im Tagesspiegel steht die neueste Schote zum BER: Eine Gartenbaufirma hat Hunderte vor drei Jahren gepflanzte Linden wieder abgesägt und durch neue ersetzt. Das waren nämlich ‚veredelte Linden', die erst in der Höhe ihre Krone entfalten, wie z.B. im Potsdamer Park Sanssoucis oder auf dem Berliner Boulevard ‚Unter den Linden'." "Ja, und warum lassen die sie nicht einfach stehen, wir wählen ja auch mal `nen falschen Pullover aus..." witzelt Esra.

"Die Flughafenplaner haben auf der Suche nach Ausgleichsflächen für die Ver-siegelung der Landschaft durch den großflächigen Flughafenbau die stadtnahen ausgedehnten Rieselfelder gefunden. Damit die Natur wieder hergestellt oder ein neuer Landschaftsraum gestaltet werden kann, müssen unveredelte, natürlich wachsende Linden, die in die Breite wachsen, verwendet werden. Tja, und auch der NABU ist für die ‚Holzaktion', da sich nur so ‚das angestrebte Biotop fachgerecht entwickeln könne'!"

Can kommt in den Klassenraum und lässt seine Recherche – Unterlagen geräusch-voll auf den Tisch fallen. "Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr...!"
"Kurt – Schuhmacher – Platz, Tegeler See, weitere Millionen – Investitionen..." liest unser Lehrer mit zittriger Stimme. "So ein Mist!" ruft Can. "Ich habe den Flughafen verwechselt und über Berlin – Tegel recherchiert!"
Ungläubig starren wir den Schüler an, Abitur im Jahr 2014...?
"Na ja, ist ja auch egal, schließlich haben wir ja vier Flughäfen innerhalb und außerhalb Berlins, die entweder offen oder geschlossen oder noch nicht fertig sind!" versucht unser Lehrer die Ehrenrettung.
"Auf dem Tempelhofer Feld war ich am Wochenende, tolle Sache so eine riesige freie Fläche ohne Flughafenkrach: Skaten und Grillen, Fußball spielen und Drachen steigen lassen, hoffentlich machen die Stadtplaner weiter so wie bisher, nämlich gaanz langsam..." freut sich Esma.

Can bekommt nun doch die Chance, seine Recherche über die Entwicklung der Artenvielfalt am Flughafen Tegel zu präsentieren, bei der er hauptsächlich Material der Internetseite NABU.de verwendet hat:

Wenn wir für den Flughafen Berlin – Tegel die biologische Vielfalt im Kontext des wirtschaftlichen Handelns betrachten wollen, sollten wir ein paar aktuelle Zahlen zur Nutzung voran stellen:

 im Jahre 2012 wurden >18 Mio. Fluggäste abgefertigt, das sind über 3000 Menschen pro Stunde
 über 160 000 Starts oder Landungen im Jahr
 der 47,5 m hohe Tower überragt die 5 Abfertigungsgebäude und die beiden 3 bzw. 2,5 km langen Start- und Landebahnen
 das Frachtgebäude mit über 11 000 m2 Grundfläche hat eine Kapazität von über 40 000 Tonnen Fracht pro Jahr

Nach der Eröffnung des Flughafens BER Willy – Brandt in Schönefeld soll der Flughafen Tegel für den zivilen Flugverkehr geschlossen werden; der Architekt des Tegeler FH, Meinhard von Gerkan, schlägt als zukünftige Nutzung ein "Zentrum für Klimaschutz, erneuerbare Energien und nachhaltiges Bauen" vor. Ein solcher Forschungs- und Industriepark kombiniert mit Wohnungsbauten ist ideal geeignet, die in den Jahren der Flughafennutzung zurückgegangene Biodiversität wieder zu erhöhen. Aktuell sind – trotz der intensiven Nutzung – rund 75 Feldlerchenreviere (Alauda arvensis) auf dem offenen, weiten Flughafengelände nebst Revieren für die seltene Grauammer und des Steinschmätzers sowie des Kiesbank – Grashüpfers (eine in Deutschland seltene Heuschreckenart) festgestellt worden.
Für eine Offenhaltung der Flächen, auf den nicht versiegelten Bereichen haben sich Heide- und Trockenrasengesellschaften entwickelt, sollte auch der Einsatz von Weidetieren geprüft werden.
Nach den Vorstellungen des NABU kann die Anlage eines Wegenetzes für Radfahrer und Wanderer entlang der Rollbahnen inklusive der Verschmälerung der Betonflächen eine Nachnutzung mit dem Schwerpunkt Erholung und naturver-trägliche Nutzung sehr förderlich sein. Eine großräumige Aufforstung ist nicht notwendig, neben Kostengründen ist hier auch die Klimafunktion der Freiflächen-schneisen für ein angenehmes Stadtklima hervorzuheben.
Die großzügige Erweiterung des angrenzenden Vogelschutzreservats Flughafensee und eine neue Ausweisung von weiteren Naturschutzgebieten ist unerlässlich.

Can hält inne und spontan klatschen einige von uns in ihre Hände. "Na ja, die NABU – Seite hast Du ja ziemlich gründlich studiert..." lässt sich David vernehmen. "Bei der wirtschaftlichen Nachnutzung sollten wir die Chancen einer Ansiedlung emissions-reduzierter Gewerbebetriebe, die vor allem regenerative Energien nutzen, ganz groß herausstellen!" fügt er etwas lauter hinzu.
"Es sollten auch unbedingt ‚Gründächer' installiert werden, damit ein Flächenverlust durch die Gebäudeerstellung ausgeglichen wird und auf diese Art und Weise weitere Lebensräume für die sich entwickelnde Biodiversität geschaffen werden!" ergänzt Ahmed.

"Ich habe einen großartigen Plan!" lässt sich Dilara vernehmen. "Diese ganzen theoretischen Abhandlungen und der Frust über die Entwicklungen an den  verschie-denen Flughafenstandorten bringt mich auf die Idee, dass wir das Preisgeld des FAZ – Wettbewerbes für ein eigenes Biodiversitätsprojekt verwenden und damit in unserem Kiez ein Stück biologische Vielfalt realisieren..."
Der Aufschrei der anderen Mitschülerinnen und Mitschüler ist noch nicht ganz verhallt – "Wir kommen bei der Jury ja doch gleich in den Papierkorb!" – da hat unser Lehrer die rettende Idee.
"Na ja, wenn es mit dem Preisgeld nichts wird, dann stellen wir bei unserer Schulkon-ferenz den Antrag, Gelder des Stadtteilmanagements für die Entwicklung eines Schulbiotops zu bekommen! Kommt doch mal mit..."
Nach einigem Trepp auf – Trepp ab durch unser Schulgebäude erreichen wir eine Tür, die mit ihrem angegriffenen Lack den Eindruck erweckt, als ob sie uns den Blick in eine andere, längst vergangene Zeit öffnen könnte. Der Hausmeister gesellt sich zu uns und nach dem Ausprobieren einiger leicht angerosteter Exemplare seines schwergewichtigen Schlüsselbundes öffnet sich knarrend die Flügeltür.
Aufgescheucht von dem plötzlichen Eingriff in die gewohnte Ruhe flattern drei Tauben durcheinander, ein modriger Geruch schlägt uns entgegen, trotzdem ver-sammeln wir uns nach kurzem Zögern in der Mitte des kleinen Hofs.
"Na, mein Fahrrad möchte ich da aber nicht abstellen!" ist Can skeptisch.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Biodiversität an Berliner Flughäfen
Autor
Team „Schweitzer Biotop“
Schule
Albert - Schweitzer - Schule, Berlin
Klasse
NW11 von 2012/2013
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Jugend recherchiert 2012
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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Jugend recherchiert ausgezeichnet!

Jugend recherchiert - Biodiversität ist als Projekt der UN-Dekade Biologische Vielfalt 2013 ausgezeichnet worden. Die UN-Dekade ist ein Programm der Vereinten Nationen zum nachdrücklichen, weltweiten Schutz von biologischer Vielfalt. › Mehr