Bienen statt Schienen – ein Bahnsinn(s)projekt

Inmitten des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen liegt die ehemalige Hansestadt Soest. Zahlreiche Touristen besuchen nicht nur die bekannte Allerheiligenkirmes oder den Weihnachtsmarkt, sondern auch die mittelalterliche Altstadt mit ihren zahlreichen Kirchen, Fachwerkhäusern und der Stadtumwallung, welche das Stadtbild unverwechselbar prägen. Aber ist das wirklich alles, was Soest zu bieten hat?

Vielen der verborgenen Naturschönheiten, die besonders die Soester Börde aufweist, wird kaum Beachtung geschenkt, da sie weniger populär sind. So zum Beispiel auch das Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs, welcher nach den Zerstörungen stillgelegt wurde, sozusagen ausrangiert für die Natur. Das fast vergessene Gelände ist nun von einer Vielzahl von Pflanzen und Tieren besiedelt, die das Gebiet zurückeroberten. Aufgrund des speziellen Untergrundes aus Schotter und Sand, der in den heißen Sommermonaten sehr schnell ein nahezu arides Mikroklima schafft, existiert hier ein extremer Trockenlebensraum, sodass Flora und Fauna zeitweise wüstenähnliches Bedingungen ausgesetzt sind. Die an diesen Extremstandort angepasste Tier- und Pflanzenwelt gilt es zu schützen.

Aufgrund der Bewerbung für die Landesgartenschau 2017 beabsichtigte die Stadtverwaltung jedoch, das Gelände zu überplanen und teilweise zu vermarkten. Dies würde die Vernichtung der Tier- und Pflanzenarten bedeuten. Durch Untersuchungen und Analysen soll nun gezeigt werden, welche Bedeutung das Gebiet des Güterbahnhofs als Biotop hat und erreicht werden, dass das Gelände zum Naturschutzgebiet erklärt wird.

Um nähere Untersuchungen ermöglichen zu können und somit die Sicherung des Geländes zu gewährleisten, entwickelten wir – die Schüler und Lehrer des Conrad-von Soest-Gymnasiums – unterstützt durch Experten der Ruhr-Universität in Bochum und der Arbeitsgemeinschaft Biologischer Umweltschutz im Kreis Soest (ABU) das Projekt "Bienen statt Schienen - ein Bahnsinn(s)projekt". Rund 42 Mädchen und Jungen, die alle umweltinteressiert und engagiert sind, erklärten sich freiwillig dazu bereit, das Vorhaben in Angriff zu nehmen und sich für die Umwelt und ihre Erhaltung einzusetzen.

Zunächst suchten wir nun nach thematischen Schwerpunkten, auf die wir bei unseren Recherchen besonders achten wollten. Im Zentrum der Arbeit standen die Bestandsaufnahme von Flora und Fauna und die Untersuchungen der abiotischen Faktoren (Temperatur, Wasser, Licht und Boden) auf dem Gelände. Somit teilten wir uns in unterschiedliche Kleingruppen auf, um ein möglichst exaktes Ergebnis zu erhalten.

Neben der Dokumentation der Fortschritte in visueller Form und der Recherche zur grundlegenden Geschichte des Geländes, sollten natürlich auch der Aufbau des Bodens und seine Funktion studiert werden. Ebenfalls befassten sich verschiedene Schüler mit den vorhandenen Pflanzen- und Tierarten, wobei besonders die Neueinwanderer, auch Neobionta genannt, beachtet werden sollten. Die letzte Kleingruppe bekam den Auftrag, ein 3D Modell aus verschiedenen Werkstoffen zu entwickeln, um die Situation vor Ort sowie unsere Ergebnisse besser veranschaulichen zu können. Anschließend soll eine Computeranimation entstehen, welche die Möglichkeit bietet, durch Anklicken eines Geländepunktes die Flora und Fauna des jeweiligen Standortes zu präsentieren. Auf diesem Wege wollen wir ein längerfristiges Bio-Monitoring des Geländes initiieren, um die langfristige Entwicklung des Geländes zu verfolgen und zu dokumentieren.

Mit Hilfe der im Projekt ermittelten Informationen sollen dann zum Ende dieses Schuljahres ein Lehrpfad und Schautafeln entstehen, die interessierten Bürgern und Bürgerinnen sowohl die Geschichte als auch die ökologische Bedeutung dieses größten Sekundärbiotops in der Stadt Soest vermitteln sollen. Dazu werden wir geführte Exkursionen auf dem Gelände anbieten, um interessierten SchülerInnen (Klassen) und BürgerInnen diesen einmaligen Lebensraum näher zu bringen. Erste Anfragen gibt es bereits. Ergänzend folgen dann ein Faltblatt, eine Broschüre und eine Drehscheibe zur Thematik "Ein brach liegendes Bahnhofsgelände – ein Lebensraum mit erstaunlicher Vielfalt". Während des Projekts trafen wir uns regulär einmal in der Woche, um zusammen zu recherchieren und uns auszutauschen. Die Treffen fanden meist auf dem Gelände statt, mussten jedoch manchmal aufgrund wetterbedingter Umstände in die Klassenräume verlegt werden.

In den ersten Wochen war jede Gruppe damit beschäftigt, genügend Informationen über ihr jeweiliges Thema zu sammeln und dieses durchzuarbeiten. Hierbei dienten uns unter anderem das Stadtarchiv und die Stadtverwaltung als nützliche Quellen, letztere unterstützte uns auch mit Karten- und Luftbildmaterial. Auch eine ausführliche Analyse der Bodenverhältnisse in Zusammenarbeit mit der Deutschen Bahn (DB), Regionalbereich West, gab Aufschluss über die abiotischen Faktoren des Gebietes. Um gemeinsam ein Zeichen für die Nachhaltigkeit, also den weitsichtigen und rücksichtsvollen Umgang mit natürlichen Ressourcen, zu setzen, fand am 25. September 2012 zum zweiten Mal der ''Tu's Day'' statt. Beweggrund dafür war das von den vereinigten Nationen ins Leben gerufene Projekt ''Bildung für nachhaltige Entwicklung''. Die Schüler des Conrad-von-Soest-Gymnasiums trafen sich an diesem Tag auf dem alten Güterbahnhofsgelände zu einer Baumfällaktion. Von der Stadtverwaltung Soest mit Sägen, Ast- und Heckenscheren sowie Arbeitshandschuhen ausgerüstet, wurde so der an vielen Stellen recht dichte Birkenwald gelichtet und Weiden- und Ahornaufwuchs entfernt, damit die an die offenen Schotterflächen gebundene Biodiversität langfristig gesichert werden kann.

Im weiteren Verlauf des eigentlichen Projekts trafen sich die Mitglieder mehrere Male in der Schule, um Zwischenberichte zu präsentieren. Diese beinhalten erste Ergebnisse, wie Steckbriefe einiger Pflanzen oder Tiere. Mit dem Abschluss des ersten Schulhalbjahres sind erste Berichts-Entwürfe entstanden, die über die Arbeitsergebnisse der einzelnen Projektgruppen Auskunft geben. Zudem entstanden ein großformatiger Kalender für das Jahr 2013, der Fotos der Flora und Fauna des Untersuchungsgeländes zeigt, sowie ein Fotoalbum des Projekt-Verlaufes. Bei unseren Untersuchungen konnten wir mehr als 300 Farn- und Blütenpflanzenarten bestimmen, von denen ca. 50 Arten gefährdet oder anderweitig bemerkenswert sind. An Flechten wurden ca. 20 Arten nachgewiesen, darunter Massenbestände von mindestens 5 Säulen und Rentierflechtenarten sowie eine Hundsflechtenart, die als Boden bewohnende Arten in der Agrarlandschaft sehr selten geworden sind. Außerdem wurden 16 Vogelarten (wie z.B. Amsel, Mönchsgrasmücke, Ringeltaube, Gartenbaumläufer, Buchfink, Gartengrasmücke, etc.), drei Reptilienarten (Blindschleiche, Waldeidechse, Zauneidechse), zahlreiche Tagfalterarten (u.a. Admiral, Distelfalter, Gemeiner Bläuling, Großer Kohlweißling, Zitronenfalter, usw.) und mehrere Heuschreckenarten (Chorthippus bigutullus, Chorthippus brunneus, Chorthippus parallelus, Metrioptera roeseli, Phaneroptera falcata) beobachtet.

Zusammenfassend sind wir zu dem vorläufigen Ergebnis gekommen, dass die Soester Bahnbrache keineswegs nur eine öde Schotterfläche ist. Im Laufe der Jahrzehnte entwickelte sie sich – auch aufgrund der besonderen Eigenschaften der Schotterflur – immer mehr zu einem Inselbiotop mit außerordentlicher Artenvielfalt. Somit stellt das Gebiet einen schützenswerten Lebensraum für bedrohte Tier- und Pflanzenarten in einer intensiv genutzten Stadtlandschaft dar, den wir zumindest teilweise zu einem Ort mit Naturerlebnis-Charakter entwickeln wollen. Ebenso ist es uns wichtig, der Jugend die Natur wieder ein Stück näher zu bringen und ihr Interesse für die Umwelt zu wecken. Inmitten unserer Kleinstadt im Herzen NRWs lernen wir also einen Lebensraum kennen, der durch seine Biodiversität auffällt und in jedem Fall geschützt und langfristig gesichert werden muss. Um das zu erreichen werden wir im Juni diesen Jahres unsere Projekt-Ergebnisse den PolitikerInnen im Ausschuss für Umwelt und Naturschutz (AUN) der Stadt Soest vorstellen, damit diese unser Anliegen unterstützen und sich für die Sicherung des Geländes einsetzen. Das Projekt hat allen TeilnehmerInnen gezeigt, dass man auch durch kleine Taten viel erreichen kann. Wir freuen uns auf eine erfolgreiche Weiterarbeit.

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Informationen zum Beitrag

Titel
Bienen statt Schienen – ein Bahnsinn(s)projekt
Autor
Bio-AG und Projektkurs Q1 des Conrad-von-Soest-Gymnasiums
Schule
Conrad-von-Soest-Gymnasium, Soest
Klasse
Projektkurs von 2012/2013
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Jugend recherchiert 2012
Kategorie
Print

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Jugend recherchiert ausgezeichnet!

Jugend recherchiert - Biodiversität ist als Projekt der UN-Dekade Biologische Vielfalt 2013 ausgezeichnet worden. Die UN-Dekade ist ein Programm der Vereinten Nationen zum nachdrücklichen, weltweiten Schutz von biologischer Vielfalt. › Mehr