Homo sapiens und Biodiversität – Warum unsere Geschichte nicht von Weisheit zeugt

Der zunehmende Artenverlust in unserer Zeit bedroht die Funktionsfähigkeit unserer Ökosysteme. Seine Ursache liegt weit zurück – in der Geschichte der menschlichen Entwicklung.

Betrachtet man die Entwicklung der Biodiversität, stellt man fest, dass Artensterben kein neuer Faktor in der Geschichte ist. Schon vor vielen Millionen Jahren erschütterten immer wieder Massenaussterben die Tier- und Pflanzenwelt unseres Planeten, dem letzten fielen vor gut 65 Millionen Jahren die Dinosaurier zum Opfer. Nun, im Anthropozän, nach dem Chemiker Paul Crutzen das Zeitalter des Menschen, nehmen die Zahlen ähnliche Werte an. Waren bisher jedoch Naturereignisse wie Supervulkanausbrüche, Landmassenverschiebungen oder Meteoriteneinschläge die Ursachen, ist es nun der Mensch.

Über Jahrhunderte hinweg veränderte und prägte er die Landschaft der Erde, um sie für seine Zwecke nutzbar zu machen. Dabei zerstörte und zerteilte er nicht nur die Lebensräume vieler Tiere, sondern wirkte sich auch direkt auf die Artenvielfalt aus. So wird angenommen, dass die Bejagung durch den Menschen Mitverursacher des Aussterbens der Riesenlemuren auf Madagaskar vor 500 Jahren war. Bis ins 20. Jahrhundert hinein war die Jagd eine der Hauptursachen für Artensterben. Während in Europa der Wolf und der Braunbär verfolgt wurden, eroberte der Pelzhandel Nord- und später auch Südamerika und führte dort zu einer regelrechten Ausbeutung.

Noch heute sind einige Pelztiere in der Roten Liste als "endangered"(stark gefährdet) oder "critically endangered" (vom Aussterben bedroht) aufgeführt. Gleichzeitig nahm mit der fortschreitenden Entwicklung des Menschen die Zerstörung und Fragmentierung der Lebensräume zu. Schon früh wurde Feuer genutzt, um mit nach Brandrodung entstandenen Gräsern das Wild anzulocken. Dennoch blieb der Einfluss des Menschen auf seine Umwelt zu Anfang eher gering.

Dies änderte sich, als mit der Sesshaftwerdung des Menschen in der Jungsteinzeit die Landwirtschaft aufkam. Der menschliche Einfluss war nun auf ein sehr kleines Gebiet beschränkt, das intensiv genutzt wurde. Um seinen Nahrungsbedarf zu decken, wandelte der Mensch Wälder und Feuchtgebiete in Acker- und Weideland um. Anfangs war ihm dies durch mangelnde Werkzeuge erschwert, mit der Bronzezeit war jedoch die Verwendung metallener Werkzeuge möglich. So ist es kaum erstaunlich, dass in jener Zeit erstmals größere Wälderverluste auftraten. Eine weitere Ausdehnung des Ackerlandes erfolgte mit der Erfindung des Pfluges in der Eisenzeit. Nun war auch der Anbau auf lehmigen Böden möglich.

Im Mittelalter schließlich traten erste Anzeichen der wenig nachhaltigen Holznutzung auf: Nachdem die Landwirtschaft stetig ausgeweitet worden war, wurde Holz in Europa ab dem 13. Jahrhundert zunehmend Mangelware. Um 1600 n. Chr. betrug der Anteil der Wälder 20% der Gesamtfläche Kontinentaleuropas. Durch einen Bevölkerungsrückgang im Spätmittelalter konnten sich die Wälder weit genug erholen, um sich schließlich auf dem heutigen Wert einzupendeln. Dieser beträgt 30 % der europäischen Gesamtfläche. Auch heute noch ist eine Ausweitung der Ackerflächen zu beobachten. Zwar ist diese Entwicklung im europäischen Raum weitgehend abgeschlossen, dennoch fallen jedes Jahr Millionen Hektar des tropischen Regenwaldes für den Soja- und Palmölanbau.

Die Abholzung der Wälder hat weit reichende Folgen für die Ökosysteme der Erde. Mit jedem Baum geht ein wertvoller Kohlenstoffdioxidspeicher und Sauerstoffproduzent verloren, der Klimawandel wird unterstützt. Auch sind die nun schutzlosen Acker- und Weidegebiete anfälliger gegenüber Erosion. Gleichzeitig ändert sich der Wasserhaushalt des betreffenden Gebietes. Mehr Wasser versickert im Boden, sodass das Grundwasser steigt und die Flüsse mehr Wasser führen. Hochwasser in vielen Regionen ist die Folge.

Auch in der Rolle des Wasserverbrauchs nimmt die Landwirtschaft einen wichtigen Platz ein. Mit der Nutzung von beinahe 70% unseres Frischwassers für die Bewässerung ist sie der größte Wasserverbraucher und wirkt sich damit auch auf die Artenvielfalt aus. Durch eine Übernutzung des Grundwassers sinkt dieses ab und beeinflusst so die Gewässer und die von ihnen abhängenden Arten. Der Lebensraum vieler Arten wird damit gefährdet. Mit der Industriellen Revolution im 18. und 19. Jahrhundert traten weiter Probleme im Umgang der Landwirtschaft mit der Natur auf. Kunstdünger, chemische Schädlingsbekämpfungsmittel und Maschinen kamen auf.

Da Mischkulturen für Maschinen ungeeignet waren, entstanden Monokulturen. Diese jedoch verbrauchen mehr Nährstoffe und sind anfälliger gegenüber Schädlingen, sodass der Kunstdünger-, Pestizid- und Herbizideinsatz deutlich angestiegen ist. Nicht wenig davon gelangt ins Grundwasser und in die Nahrungskette und schädigt so die Flora und Fauna. Besonders in Küstengebieten, Ästuarien und Lagunen sammeln sich die Schadstoffe und werden von Canyons im Meeresboden in die tieferen Gewässer geleitet. Diese Verschmutzung bedrohte nach Angaben von Kingsford et al. 30% der gefährdeten Arten der Roten Liste 2007. Auch direkt nimmt der Mensch Einfluss auf die Biodiversität. Nachdem Gregor Mendel im Jahr 1900 die Vererbungslehre wieder entdeckte, begann eine gezielte Pflanzenzüchtung, die sich an Eignung für die Landwirtschaft orientierte.

Durch Ausrottung der für "Schädlinge" befundenen Arten sowie gezielter Förderung der kommerziell nützlichen Spezies findet eine Auslese statt, die eine Reduzierung der Artenvielfalt zur Folge hat. Eine indirekte Folge menschlichen Handelns dagegen ist der Klimawandel. Der zunehmende Schwund der Wälder sowie die Nutzung fossiler Brennstoffe durch den Menschen tragen zur globalen Erwärmung bei. Immer deutlicher wird, dass der Klimawandel bei dem Verlust an Biodiversität eine weit größere Rolle spielt als zu Anfang vermutet wurde.

Biologen der britischen Universität York fanden heraus, dass aus einer Auswahl von 1000 Tierarten bei einer weiteren Erwärmung bis 2050 15 –37 % aussterben würden. Durch die bereits jetzt geminderte Vielfalt der Arten und das damit verloren gegangene Erbmaterial wird den betroffenen Spezies eine Anpassung an die veränderte Umwelt erschwert. Nicht wenige von ihnen beginnen zu wandern, um in für sie klimatisch bessere Gebiete zu gelangen. Dabei machen sie den dort lebenden Arten Konkurrenz und verdrängen diese letztendlich, was eine Veränderung des Ökosystems bewirkt und weiteres Artensterben nach sich zieht. Erschwert wird die Wanderung durch die zunehmende Fragmentierung der Lebensräume, die bereits genannte Zerstörung durch den Menschen schränkt die Auswahl ein und verhindert nicht selten jegliches Wandern einer Spezies. Die Folge ist das Aussterben der betreffenden Art, da dieser nun die Möglichkeit
der Flucht vor dem für sie lebensfeindlichen Klima genommen ist.

Auch die Ursache des Klimawandels liegt in der menschlichen Geschichte. Nachdem die Ressourcen der Wälder weitgehend aufgebraucht waren, verwendete man anstelle des Holzes Holzkohle zum Heizen. Um 1700 verbrauchte London pro Tag 1700 Tonnen Kohle – ein Anfang der Luftverschmutzung. Doch bald schon kamen dem Brennstoff neue Aufgaben zu. Mit der Erfindung der Dampfmaschine im 18. Jahrhundert begann die wirtschaftliche Bedeutung der Kohle. Die kohlebetriebene Dampfmaschine machte den Abbau von Kohle und anderen Rohstoffen leichter und billiger. Als fossiler Energieträger mit hoher Energiedichte und einfachem Transport deckte Kohle zwischenzeitlich 90 % des weltweiten Brennstoffbedarfs.

Textil-, Eisen- und Stahlindustrie profitierten ebenso von ihr wie die Eisenbahn, diese vier Elemente wiederum ermöglichten die Industrialisierung. Anfang des 20. Jahrhunderts war der jährliche Kohleverbrauch auf 760 Millionen Tonnen gestiegen. Im weiteren Verlauf kamen Erdöl und Erdgas hinzu, bis die fossilen Brennstoffe über die Hälfte der Energieversorgung ausmachten. Doch jede Verbrennung fossiler Energieträger trägt gleichzeitig zum Klimawandel bei, die Industrialisierung kann also auch als Urheber des Klimawandels bezeichnet werden. Sie stützt sich, ebenso wie die heutige Gesellschaft, auf den Gebrauch fossiler Energien.

Um sich diesen Lebensstandard aufrechterhalten zu können, akzeptiert der Mensch auch die Zerstörung seiner Umwelt und ihrer Bewohner, das zeigt seine Geschichte. Erst durch Jagd, dann durch Zerstörung der Lebensräume und Veränderung der Umwelt hat er Einfluss auf die Artenvielfalt genommen und ist schließlich zu einer Bedrohung für diese geworden. Die beiden Entwicklungen, die ihn so weit voran brachten, Landwirtschaft und Industrialisierung, haben die Umwelt weit zurückgedrängt. Es stellt sich nun die Frage: Warum homo sapiens ?

Informationen zum Beitrag

Titel
Homo sapiens und Biodiversität – Warum unsere Geschichte nicht von Weisheit zeugt
Autor
2 Schüler
Schule
Gymnasium Kaltenkirchen, Kaltenkirchen
Klasse
11a von 2012/2013
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Jugend recherchiert 2012
Kategorie
Print

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