Müssen wir Wohlstand neu definieren?

Brauchen wir Wachstum und Konsum um jeden Preis oder sollten wir nicht der Vielfältigkeit und der Nachhaltigkeit den Vorrang gewähren?

Global village, just in time, "taste the waste", Ölpest, Wachstum, Ressourcenverschwendung, … Begriffe, mit denen wir täglich konfrontiert werden und eine Thematik, der wir uns nicht entziehen können. Doch was steckt dahinter? Wen trifft es? Wohin gehen wir mit unserem Wirtschaftswachstum? Wie nutzen wir unsere Erde, unsere Ressourcen? Welche Konsequenzen hat unser Lebensstandard und Lebensstil für uns, für die nachfolgenden Generationen und für die Erde, unseren Lebensraum?

"Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann."
(Umweltbewegung 80-er Jahre in Anlehnung an die Prophezeiung der Cree Indianer)

Dieser Spruch scheint heute mehr denn je noch gültig. Viele wissen nicht mehr, wo ihre Lebensmittel herkommen, wie sie produziert werden und halten die Vielfältigkeit des Angebotes und die Verfügbarkeit von Allem für selbstverständlich. Denn den Wert von Nahrung und das Glück Nahrung in ausreichendem Maße zu haben und keinen Hunger leiden zu müssen, wissen sie nicht zu schätzen. Daher landen Nahrungsmittel auch in erschreckender Menge auf dem Müll. Nahrungsmittel für deren Anbau in anderen Ländern, die oft viel ärmer sind, Bodenflächen zur Verfügung gestellt werden müssen und für die Menschen in diesen Ländern für weniger als das Existenzminimum arbeiten müssen. Neben dem Aspekt Nahrung ist unser Umgang mit Rohstoffen wie z.B. Erdöl, sowohl für die Kleidungsproduktion, als auch für unseren Energiebedarf zu hinterfragen. Wir verbrauchen ohne an die zukünftigen Generationen zu denken. Unser Wohlstand basiert auf Wachstum, damit auf Konsum und auf einem ausbeuterischen Umgang mit der Natur und der Ressource Arbeitskraft. Ein Großteil der Politiker und Wirtschaftsunternehmen geht von einem unbegrenzten Wirtschaftswachstum aus. Dieses schadet jedoch nicht nur der Umwelt und der Biodiversität, sondern auch unserer Gesellschaft und der Menschheit weltweit. Wohlstand ist nicht für Alle, soziale Sicherheit und humane Arbeitsverhältnisse ebenfalls nicht.

Auch die UNESCO Themen "Über den Tellerrand schauen" und "Welterbe Erde- ein Leben in Vielfalt" greifen diese globale Problematik auf und wollen uns dazu bringen, unseren Lebensstil und unseren Wohlstand zu reflektieren und Verantwortung zu übernehmen. Die Gesellschaft muss Wohlstand neu definieren. Der Brundtland Bericht definiert Wohlstand als einen Wohlstand, der den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstandard zu wählen, an dem alle teilhaben, unabhängig von Kultur und Nation. Folglich als einen Wohlstand, der der Nachhaltigkeit verpflichtet ist und somit auch der Biodiversität Rechnung trägt und der auf Gemeinschaft und gegenseitiger Achtung ausgelegt ist.

Doch was verstehen wir heute unter Wohlstand? Die Wirtschaft, die Politiker und ein größerer Teil der Menschheit unterliegen dem Wachstumsgedanken: Wachstum=Wohlstand. Dies ist darin begründet, dass in der wirtschaftspolitischen Zielsetzung früher das Bruttosozialprodukt (BSP), heute das Bruttoinlandsprodukt(BIP) als Indikator für Wohlstand herangezogen wird.

Doch unser Wohlstand, der auf grenzenloses Wachstum setzt, hat zur Folge, dass Armut in anderen Ländern zunimmt, die heimische Wirtschaft zerstört wird und die Bevölkerung immer mehr auf Nahrungsimporte angewiesen ist. Beispielhaft kann man die Problematik am Anbau von Quinoa in Ecuador aufzeigen. Quinoa ein Getreide der Inkas, sehr eiweißhaltig, ist mittlerweile ein Trend-Nahrungsmittel in unserer Gesellschaft. Unser zunehmender Bedarf und Import führt z.B. in Ecuador zu einem steigenden Einkaufspreis, der für die dortige Bevölkerung nicht mehr zu zahlen ist. Denn in dem Maße, in dem der Anbau von Cash Crops, wie auch zum Beispiel Soja oder Baumwolle steigt, sinkt der Anbau der heimischen Nahrungsmittel und Rohstoffe.

Die Folge sind steigende Preise, die von der einheimischen Bevölkerung nicht mehr bezahlt werden können und eine zunehmende Verarmung. Diese bezieht sich jedoch nicht nur auf die Ernährungssicherheit, sondern auch auf die Lebensgewohnheiten und auf die Kultur. Die Folge der rückläufigen heimischen Produktion und der teuren Preise ist ein Import von billigen, EU-subventionierten, Nahrungsmitteln oder Waren, wie zum Beispiel Weizenpasta in Ecuador. Dadurch wird der traditionelle Anbau von verschieden Kulturpflanzen sowie die traditionelle Lebensweise und die Esskultur der Einheimischen zerstört. Weiterhin führt die Zunahme des Anbaus zu einer Ausweitung der Anbaufläche, die häufig in Monokultur bebaut wird, was bestimmtes Saatgut bedingt. Die Folge: die heimischen Saatgutsorten gehen verloren, die Biodiversität schwindet und die gesundheitlichen Folgen sind noch nicht vorhersehbar. Quinoa zum Beispiel, enthält kein Gluten, ebenso wie Mais, das andere heimische Getreide in Ecuador. Weizen jedoch ist glutenhaltig. Da US-Studien nachgewiesen haben, dass Einwanderer aus Mittelamerika wenige oder keine gesundheitlichen Probleme haben, wenn sie ihre kulturspezifische Ernährung beibehalten, könnte hier – im Hinblick auf die Gesundheitssituation- eine "Zeitbombe" ticken.

Ein weiteres Beispiel ist Kolumbien und seine indigenen Völker, wie Raúl Teteye Ugeche und Rafael Yepez Gaitán, im Rahmen eines Unterrichtsbesuches erläuterten. Sie kommen aus den Waldregionen Kolumbiens, die zu den Gebieten mit der größten Biodiversität weltweit gehören. Beide setzen sich als Indigene für den Erhalt traditioneller Pflanzen ein und versuchen, ihre Ursprungskulturen im Kampf gegen den Landraub durch bewaffnete Gruppen und Großkonzerne, aber auch in Abstimmung mit den Erfordernissen des Artenerhalts abzustimmen. Kolumbien ist ein Land, das mit natürlichen Reichtümern ausgestattet ist. Es verfügt über ausreichend natürliche Ressourcen wie Ackerland, Wasser, Wälder, Energie, Bodenschätze und könnte somit seine Bevölkerung ausreichend ernähren und vor Armut bewahren. Doch diese Reichtümer sind im Fokus der Weltwirtschaft, die auf Nutzung der Ressourcen zur Wachstumssteigerung setzt.

Die Politik selbst setzt auf den Bergbau, den Abbau und die Nutzung der Bodenschätze, wie Gold, Silber, Nickel, Kohle, Erdgas, Coltan und andere Erze um am weltweiten Wachstum teilzuhaben. Diese wirtschaftliche und politische Zielsetzung geht zu Lasten der Bevölkerung, vor allem der indigenen Gemeinschaften und der Ressource Natur. Der Großteil der Bodenschätze und der natürlichen Reichtümer sind im Regenwald zu finden, in dem verschiedene indigene Ethnien leben.

Wie die Politik die indigene Bevölkerung um ihre Lebensgrundlagen und die Vielfalt ihrer natürlichen Reichtümer brachte, schilderte Rafael Yepez am Beispiel der Orinoko-Region: "Die Orinoko-Region ist in erster Linie von weitläufigen Savannen und Galeriewäldern gekennzeichnet. Sie ist vorrangig die Heimat der Sikuani, ein Nomadenvolk, das umherzieht und von der Jagd und dem Fischfang lebt. Vor kurzem erfolgte die Ankunft von Öl- und Goldbergbauunternehmen sowie von nationalen und transnationalen Unternehmen. Sie nahmen das Land in Besitz, um Zuckerrohr und afrikanische Ölpalmen für die Herstellung von Biotreibstoffen anzubauen." Für die indigene Bevölkerung bedeutet dies, ihr Land zu verlassen, auf ihre Nahrungsquellen zu verzichten und Hunger zu leiden. Wie wir wissen, kann der Anbau von Pflanzen für Biotreibstoff wirtschaftlich gesehen nur in großem Maße, das heißt in Monokultur angebaut werden, denn sonst stimmt der Gewinn nicht.

Für die Einheimischen bedeutet dies aber die Vertreibung von ihrem Land, die Zerstörung ihrer Anbaukulturen, die auf Pflanzendiversität beruhen und in letzter Konsequenz den Verlust des einheimischen und traditionellen Saatgutes. Die Industriestaaten setzen auf Gentechnik. Für Monokulturen werden Hybride benutzt, die von großen Agrounternehmen, wie Monsanto hergestellt werden, gentechnisch verändert sind und nur einen Ertrag bringen. Eine weitere Aussaat ist nicht möglich. Durch die Machtstellung der großen Unternehmen werden die Bauern quasi gezwungen gentechnisch verändertes Saatgut gegen ihren Willen zu verwenden. Den Bauern geht die Vielfalt des einheimischen sowie geographisch und klimatisch adaptierten Saatgutes verloren. Eine Abhängigkeit von den Agrokonzernen ist die Folge. Doch es gibt auch noch einen anderen Verlust und eine Gefahr. Viele dieser Pflanzen, die durch die Monokultur verlorengehen dienen der indigenen Bevölkerung als Medizin. Ein Verlust dieses Saatgutes bedeutet auch einen Verlust und ein Verschwinden der traditionellen Heilkunst, die viele Einheimische anwenden können und die sie sich auch leisten können.

Im Falle der indigenen Bevölkerung von Kolumbien wurden nun Projekte gegründet, die von Misereor unterstützt werden. Sie tragen dazu bei, wie Rafael Yepez und Raoúl Teteye schildern, dass die Menschen im Zuge der Umsetzung der Produktionsmethoden -Erhalt des einheimischen Saatgutes, Schutz der natürlichen Ressourcen sowie der Einrichtung der land- und forstwirtschaftlichen Systeme rund um die Dörfer- begonnen haben , erneut an ihre eigenen Ressourcen , ihre eigenen Kenntnisse und eigenen Werte zu glauben. Die indigene Bevölkerung schätzt ihre Ressourcen, sie schützt sie und sie denkt an die zukünftigen Generationen, indem sie für ihre eigene Entwicklung sorgt. Die Art und Weise, wie sie ihr Leben reproduzieren und projizieren, hängt notwendigerweise mit dem Verständnis von der Welt zusammen, das in ihren Ursprungsgesetzen formuliert ist: Zwischen Mensch und Natur muss ein Gleichklang bestehen.

"Ein Eigennütziger, der die Naturressourcen überbeansprucht, um seine wachsenden Bedürfnisse zu befriedigen, ist nichts als ein Dieb, denn jeder über die eigenen Bedürfnisse hinausgehender Verbrauch würde bedeuten, dass man Ressourcen verbraucht, auf die andere ein Anrecht haben" heißt es in den Upanishaden, der philosophischen Grundlage des Hinduismus.
Was können nun das Verständnis von Natur und Welt der Indigene Kolumbiens sowie die Philosophie der Upanishaden für unser wirtschaftliches Handeln bedeuten?
Diese Zielvorstellungen eines reflektierten ökologischen Handelns sollten das tragende Element in unserer Politik und in unserem wirtschaftlichen Handeln, unabhängig von Nationalität und Kultur sein. Denn wie Al Gore formulierte, haben wir alle eine gemeinsame Zukunft:

There is only one Earth, and all of us who live on it share a common future."
(Al Gore, An inconvenienttruth p. 287)

Es werden daher vor allem die nördlichen Industrienationen, die für ihre Produktion von Luxusgütern die Ressourcen der ärmeren Länder "stehlen", aber auch die anderen Länder und Bevölkerungsgruppen gemeinsam der Frage nachgehen müssen, wie wir alle in Wohlstand leben können und gleichzeitig die natürlichen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Grundlagen für die Zukunft gewährleisten können. Wie wir ein Leben in Vielfalt auf der Erde leben können, das unseren Bedürfnissen entspricht und das der Zukunft unserer Kinder Rechnung trägt. Wir müssen eine gemeinsame Vision eines neuen Wohlstandes entwickeln bei dem keiner ein "Dieb" ist und in der Alle eine lebenswerte Zukunft haben.

Informationen zum Beitrag

Titel
Müssen wir Wohlstand neu definieren?
Autor
LK Sozialwissenschaften: Moritz Brink, Andreas Chariskos, Niklas Dianat, Leon Engel, Janina Friedrich, Marlon Ganser, Jennifer Garius, Ramona Gerards, Simone Huth, Julius König, Gina Queins, Maximilian Schneider, Yannic Schmacher, Chiara Stille, Marco Wei
Schule
Inda-Gymnasium, Aachen
Klasse
SOWI LK von 2012/2013
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Jugend recherchiert 2012
Kategorie
Print

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Jugend recherchiert - Biodiversität ist als Projekt der UN-Dekade Biologische Vielfalt 2013 ausgezeichnet worden. Die UN-Dekade ist ein Programm der Vereinten Nationen zum nachdrücklichen, weltweiten Schutz von biologischer Vielfalt. › Mehr