Kapitalismus in der Biosphäre

Kapitalismus in der Biosphäre

Wieso unser Überleben von Ökosystemen und Artenvielfalt abhängt und wie es gelingen kann. Drei Ideen für eine Wirtschaft, die ihrer Aufgabe gerecht wird.

1991 bezogen acht Wissenschaftler eine Miniaturversion unseres Planeten. Eine 1,2 Hektar große, hermetisch von der Außenwelt abgeriegelte Glaskuppel in der Wüste von Arizona. Sie hieß Biosphäre 2 und beinhaltete eine Nachbildung sämtlicher irdischer Ökosysteme. Dieses einzigartige Experiment verfügte über alles, von Regenwald, über Korallenriff bis hin zu einer Wüste, bestückt mit einer vielfältigen Auswahl lebender Organismen. Diese sollten in ihrem Zusammenspiel über Stoffkreisläufe der Crew ein Überleben mittels Landwirtschaft ermöglichen. Jane Poynter eine der bekanntesten Teilnehmer verdeutlichte die Abhängigkeit der Organismen in der Biosphäre voneinander am Besten. "Wir atmeten das Kohlendioxid aus und es verwandelte sich in Süßkartoffeln. In gewisser Weise wurden wir ein Teil der Süßkartoffeln."

Aber die Biosphäre geriet bald außer Kontrolle. Die Crew litt unter Erscheinungen von Mangelernährung und Hunger und die meisten Wirbeltiere starben aus, während sich andere Arten, wie zum Beispiel Ameisen und Milben, rapide vermehrten. Der Sauerstoffanteil sank im Laufe der Monate auf ein gesundheitsgefährdendes Niveau, bei dem die Atmung im Schlaf auszusetzen beginnt. Soziale Konflikte über die Verteilung von Nahrung drohten zu eskalieren. Nach zwei Jahren musste das Projekt schließlich abgebrochen werden. Das Ergebnis waren acht ausgemergelte Gestalten und viele Erkenntnisse darüber, wie lebenserhaltende Ökosysteme funktionieren oder auch nicht.

Was die Biosphäre 2 im kleinen Maßstab demonstrierte, wurde zehn Jahre später durch das Millenium Ecosystem Assessment (MEA) endgültig wissenschaftlich untermauert und verdeutlicht. Die groß angelegte, durch das Umweltprogramm der Vereinten Nationen initiierte Studie, erfasste den Zustand der Ökosysteme dieses Planeten und die für das menschliche Wohlergehen unabdingbaren Leistungen, die diese bringen. Und es lenkte das Augenmerk auf die Notwendigkeit der Artenvielfalt, der sogenannten Biodiversität. Welche der Mensch derzeit in großem Maßstab reduziert. Siebzehntausend Tierund Pflanzenarten stehen auf der Roten Liste der World Conservation Union für vor dem Aussterben bedrohte Arten, sei es durch den Klimawandel, die Landnutzung oder toxische Abfälle. Da Ökosysteme aus interagierenden Arten und deren Umgebung bestehen, lässt sich Biodiversität unzweifelhaft als Voraussetzung für ein solches bezeichnen.

Unser Planet beherbergt, wie die Biosphäre 2, vielzählige interagierende Ökosysteme und der Wert der Biodiversität für den Menschen, schreiben die Autoren des MEA, besteht in sogenannten Ökosystemdienstleistungen. Abertausende Organismen speichern Sonnenenergie in Form von Biomasse und transportieren und verarbeiten anorganische und organische Stoffe. Ausgehend davon stellen Ökosysteme uns Nahrung, atembare Luft, nachwachsende Rohstoffe und trinkbares Wasser zur Verfügung. Sie regulieren das Wetter und haben einen hohen kulturellen Wert. Unsere Sicherheit, unsere Gesundheit, unser Lebensstandard, das Funktionieren unserer Gemeinschaften und nicht zuletzt unser Überleben, kurzum alles was Menschen schätzen und was wir gewöhnlich Wohlstand nennen, ist abhängig von funktionierenden Ökosystemen, von anderen Spezies.

Demnach ist das Artensterben, auch wenn es vielleicht anders scheint, kein Problem zweiten Ranges. Vielmehr ist es eines, dessen Lösung unabdingbar ist, um vermeintlich wichtigere Probleme, wie den Klimawandel oder Welthunger zu bewältigen. Der Klimawandel und der Verlust von Arten und Ökosystemen gehen Hand in Hand, leider mit zunehmender Geschwindigkeit. Den Wert der Biodiversität für den Menschen scheinen viele Regierungen schon erkannt zu haben. Die deutsche Nationale Strategie zur Biodiversität ist quasi eine Übersetzung des MEA. Aber selbst die im internationalen Vergleich vorbildliche deutsche Umweltpolitik ist inkonsequent. Natürliches Kapital wird nur geschützt, wenn dies nicht in allzu starkem Kontrast zu "wirtschaftlichen Interessen" steht. Am Ende gewinnt meistens das Argument, dass Arbeitsplätze erhalten werden müssen. So richten wir Naturschutzgebiete ein und freuen uns trotzdem über VW-Verkaufszahlen in Rekordhöhe. Die globale Erwärmung macht aber nicht an der Grenze eines Nationalparks halt. Wenn das Biosphärenprojekt und sein Scheitern zu einer Erkenntnis führten, dann ist es diese, dass wir nicht einmal unter Einsatz von 200 Millionen Dollar und begabter Wissenschaftler in der Lage sind, acht hochgebildete Vertreter unserer Spezies in einem künstlichen Ökosystem länger als zwei Jahre am Leben zu erhalten. Eine Tatsache, die uns vor Augen führt, dass die Biodiversität und Ökosysteme dieser Erde für uns einen unwahrscheinlich hohen, weil existentiellen Wert haben.

Der Ökonom Robert Constanza hat ihn 1997 auf sagenhafte 740 Billionen US-Dollar beziffert. Auch wenn die Genauigkeit dieser Schätzung umstritten ist, so wirft sie doch eine Frage auf: Wie kann dann Umweltschutz "wirtschaftlichen" Interessen widersprechen, beziehungsweise die Vernichtung von natürlichem Kapital "wirtschaftlich" sein? Laut Definition ist Wirtschaft zunächst die Gesamtheit aller Einrichtungen, die der planvollen Deckung
des menschlichen Bedarfs dienen und das Wirtschaften die Aktivität, die effizient über knappe Ressourcen entscheidet. Das sind ihre Aufgaben. Wenn heute davon geredet wird, dass etwas wirtschaftlich ist, dann meint dies in der Regel, dass es einen finanziellen Gewinn mit sich bringt, dass es eine positive Bilanz hat.

Auf dieser Grundlage fällen fast alle Marktteilnehmer ihre Entscheidungen. Eine Art der Bilanzierung, die den Wert natürlichen Kapitals berücksichtigt, könnte die Zauberformel sein. Sie würde eine Anpassung des wirtschaftlichen Systems an die Realität dieses Planeten bedeuten. Eigennütziges Gewinnstreben würde nun die Welt verbessern. Wenn der Unternehmer gewinnt, dann gewinnen auch die Ökosysteme und letztendlich alle. Ein neues, den Wert von Ökosystemen und Arten beachtendes Bilanzrecht, die Vorschrift nach der Unternehmen buchhalten und Gewinne ermitteln, könnte der Schlüssel zum Wandel sein. Ein perfektes politisches Steuerinstrument.

Dass die Wirtschaft schon bereit ist für diese Gedanken, beweist, dass einzelne Unternehmen, wie zum Beispiel der Sportartikelhersteller Puma, eigenständig ökologische Gewinn-Verlust-Rechnungen erarbeiten. Chris Knight von der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers, die Puma in dieser Angelegenheit unterstützt, bezeichnete dies gegenüber der Financial Times als "knallharte Ökonomie". Auch in der Harvard Business Review findet man den Gedanken. Dort legen die Besitzer des Outdoor-Herstellers Patagonia ihre Vision eines zukunftsfähigen Kapitalismus dar. Ihrer Meinung nach bedarf es einer Bezifferung externer Kosten. Das sogenannte natürliche Kapital und die Ökosystemdienstleistung, oder eben deren Vernichtung, müssen möglichst exakt erfasst und mit Geldwerten beziffert werden. Wichtig ist, dass sich daraus neue Kriterien für Investments und Kaufentscheidungen entwickeln. Wenn es Indizes gäbe, die Produkte und Unternehmen in Hinblick auf ihren "ökologischen Fußabdruck" vergleichbar machen, könne das Kapital von Konsumenten und Investoren die richtigen Abnehmer finden, so die Autoren.

Unabdingbar ist dafür, dass man den Wert von Ökosystemdienstleistungen mit einer Genauigkeit, die Glaubwürdigkeit ermöglicht, erfassen kann. Kein leichtes Unterfangen, da es viele Faktoren zu beachten, Daten zu sammeln und Zusammenhänge zu verstehen gilt. Aber, wenn auch noch abseits medialer Aufmerksamkeit, es laufen verschiedenste Programme, um diesem Ziel näherzukommen. Aussichtsreich ist das internationale Forschungsprojekt TEEB, The Economics of Ecosystems and Biodiversity. Dabei kommt dann zum Beispiel heraus, dass der jährliche Wert eines Hektars Mangrovenwald in Thailand 9.750 € entspricht. Mit Garnelenzucht können nur 240 € erreicht werden. Das erklärt sich dadurch, dass Mangrovenwälder vor Überschwemmungen schützen, nachwachsende Rohstoffe liefern und Fischen und Krebstieren eine Brutstätte bieten. Damit haben sie erheblich größere positive Auswirkungen auf das Leben der Küstenbewohner als eine Shrimpsfarm.

Nicht wenige ökologische Ökonomen sind allerdings der Ansicht, es reiche nicht aus, der Natur ein Preisschild umzuhängen, auch wenn dies viele weitere Verhaltensänderungen hervorrufen mag. Die korrekte Bewertung natürlichen Kapitals müsse mit einem Sinneswandel einhergehen. Namentlich der Abkehr von dem Paradigma Wirtschaftswachstum. Herman Daly, ein amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler, der bei der Weltbank arbeitete, ist einer der Gründerväter dieser Disziplin, die auch Postwachstumsökonomie genannt wird. Was der Club of Rome 1972 erkannte und in dem Buch Limits to Growth veröffentlichte übertrug Daly auf die Wirtschaftstheorie. Menschliches wirtschaftliches Handeln, der stetige Austausch von Gütern und Produktionsfaktoren lässt sich nicht losgelöst von naturgegebenen Tatsachen betrachten. Es findet auf einem Planeten namens Erde statt und dieser ist begrenzt. Daly zeichnete also die Wirtschaft, den Bereich des menschgemachten Kapitals, in einen Kreis hinein, den er mit Ökosystem bezeichnete.

Dieses Ökosystem Erde ist ein, abgesehen von Sonneneinstrahlung, abgeschlossenes System. Energie und Rohstoffe aus dem Ökosystem wandern in die "Wirtschaft" und werden wiederum als Wärme und Müll in dieses entlassen. Das Ökosystem verwandelt den Müll dann wieder in Ressourcen. Wenn aber die Wirtschaft immer weiter wächst, dann ist das Ökosystem nicht mehr in der Lage alle Rohstoffe zu recyceln. Dies muss die Wirtschaft ab einem gewissen Punkt selber übernehmen. Sollte diese noch weiter wachsen, kann es sein, dass das Ökosystem bestimmte Leistungen nicht mehr ausreichend übernehmen kann und das System kollabiert. Da wir spätestens seit dem BiosphärenExperiment wissen, dass wir nicht in der Lage sind Ökosysteme nachzubauen, ist dieser Umstand fatal. Unbegrenztes Wachstum führt zwangsläufig dorthin. Man bedenke, dass ein jährliches Wirtschaftswachstum von 3% eine Verdoppelung der Wirtschaft in 24 Jahren zur Folge hat.

Diese Argumentation ist schlüssig, und zeigt auch, wieso das vielbeschworene "grüne Wachstum" auf lange Sicht auch keine Lösung sein kann. Daly fordert deshalb eine stationäre Wirtschaft, die streng nachhaltig agiert, also nicht mehr verbraucht, als die Natur regenerieren kann. Zum Ziel soll diese anstatt des quantitativen Wachstums qualitative Verbesserungen haben. Nur diese sind erstrebenswert. Trotz ihrer Logik, hat diese Idee noch immer einen schweren Stand. Die Idee, dass Wirtschaftswachstum zu Wohlstand, Arbeitsplätzen und Glück führt, hält sich hartnäckig. Es wird vergessen, dass Wachstum nicht mit Fortschritt gleichzusetzen ist. Zumindest nicht mehr im 21. Jahrhundert, einer Zeit, in der das natürliche Kapital zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit der limitierende Faktor ist. Wirtschaftswachstum steigert in Industrienationen nicht mehr den Lebensstandard, de facto beraubt es uns langsam unserer Lebensgrundlage.

Selbst John Maynard Keynes sah voraus, dass die Wirtschaft nicht ewig wachsen kann und der österreichische Ökonom Ernst Friedrich Schumacher argumentierte in dem heutigen Klassiker Small is Beautiful auf glaubwürdige Weise, dass Genügsamkeit als alternatives Wirtschaftsprinzip taugt und, dass Arbeitsplätze, die wesentliche Versprechung des Wirtschaftswachstums, am besten geschaffen werden, indem alle weniger und unter größerem Einsatz körperlicher Kraft arbeiten. Was die Menschen nebenbei auch viel glücklicher machen soll.

Dass Nachhaltigkeit und menschliches Wohlbefinden am besten gleichzeitig erreicht werden, legt auch der sogenannte HappyPlanetIndex (HPI) nahe. Eine alternative Messgröße für den Wohlstand einer Gesellschaft, die, einfach formuliert, das Glück einer Gesellschaft durch die Anzahl der dafür benötigten Planeten teilt. Je höher der Lebensstandard und die Zufriedenheit der Gesellschaft sind und je niedriger der dazugehörige ökologische Fußabdruck ausfällt, umso besser ist der HPI. Der globale Spitzenreiter ist Costa Rica, eine Insel, die zu fünfzig Prozent bewaldet ist und all ihren Strom aus erneuerbaren Energien bezieht.

Die New Economics Foundation, die den HappyPlanetIndex kreiert hat, sieht sich oft Vorwürfen gegenüber, dieser sei viel zu ungenau, um eine Größe wie das Bruttoinlandsprodukt adäquat ersetzen zu können. Die Gegenfrage hat aber auch ihre Berechtigung. Kann eine reine Erfassung der Geldmenge, die in einer Volkswirtschaft umgesetzt wird, überhaupt eine Aussage darüber machen, ob sich die Gesellschaft auf eine positive Weise entwickelt? Zumindest wenn natürliches Kapital, aber auch Leistungen wie Bildung und Erziehung unbeachtet bleiben, wie es heutzutage praktiziert wird, deutet alles darauf hin, dass die Antwort Nein lautet.

Die Debatte zwischen Wachstumskritikern und Befürwortern wird leider immer noch sehr unsachlich geführt. Auch die deutsche Wachstumskommission aus Abgeordneten und Sachverständigen kam im Januar diesen Jahres zu keinem Ergebnis, zu groß waren die ideologischen Differenzen. Ähnlich ist es mit dem Verhältnis zwischen Umweltschützern und Unternehmen, welches lange Zeit von Vorurteilen und Anschuldigungen geprägt war. Glücklicherweise ist dieses nun dabei sich zu wandeln. Wenn die Harvard Business Review schreibt, dass der Kapitalismus nachhaltig werden muss, um zu überleben, und wenn Umweltorganisationen an die transformative Kraft von Konzernen appellieren, zeugt das davon, dass sich etwas verändert. Es zeugt davon, dass im Angesicht der Zerstörung unseres eigenen Lebensraumes die Erkenntnis reift, dass Ökologen und Ökonomen ihr Wissen und ihre Methoden kombinieren müssen, um menschliches Wohlergehen zu sichern. Es gilt unsere Abhängigkeit von Ökosystemen anzuerkennen. Auf der anderen Seite muss eingesehen werden, dass nur die Marktwirtschaft selbst schnell und flexibel jene großen Mengen an Talent, Geld und Material konzentrieren kann, die benötigt werden, um den sich stetig beschleunigenden Verlust lebender Organsimen auf diesem Planeten umzukehren.

Dass dieser Mittelweg gelingen kann und sich ein begrenzter Planet sehr wohl mit einem gewinnorientierten kapitalistischen Wirtschaftssystem vertragen kann und sich vertragen muss, ja dass beide Seiten sich regelrecht einander brauchen, zeigt das erfrischend unideologische Buch Natural Capitalism von Paul Hawken und Armory und Hunter Lovins. Diese malen anhand zahlloser illustrer und bereits existierender Beispiele das Bild eines solchen Kapitalismus. Eines Kapitalismus, in dem die Rodung tropischen Regenwaldes keinen "Gewinn" mit sich bringt und der stärker als der bisherige, Wohlstand schaffen kann, weil er erkennt, woher dieser kommt: Von den Millionen Organismen, die diesen Planeten für uns bewohnbar machen und deren Wert wir gerade beginnen zu begreifen, weil sie zu verschwinden drohen und von denen wir viel lernen können.

Die Autoren zeigen, dass gerade in der Funktionsweise von Ökosystemen das Vorbild für eine neue industrielle Revolution liegt. Dieses neue Wirtschaftssystem, diese neue Industrie, soll so effizient mit Ressourcen umgehen, bis der Begriff Abfall nicht mehr existiert. Geschehen soll dies wie in einem Ökosystem, durch perfekt geschlossene Stoffkreisläufe. Jedes anfallende Nebenprodukt ist Ausgangsstoff für etwas neues. Dieses System läuft kontinuierlich und unermüdlich. Leistungen werden stets von denen gebracht, die es am effizientesten tun. Dass die Natur die eigentliche Begründerin und Perfektioniererin des Systems Konkurrenz, beziehungsweise Wettbewerb ist, wissen wir schon seit Charles Darwin. Um eine Entwicklung in die Richtung eines solchen natürlichen Kapitalismus loszustoßen, müsste die Politik lediglich die richtigen Anreize setzen, den Rest erledigt der Unternehmergeist. Dieser Anreiz könnte darin bestehen nicht das zu besteuern, was man haben will, namentlich Einkommen, sondern Dinge, die es zu reduzieren gilt: Abfälle, Treibhausgase, übermäßige Nutzung nicht regenerativer Rohstoffquellen und vermeidbare Landnutzung. Glaubwürdigkeit erreicht diese Vision dadurch, dass sie ihre Argumentation fast völlig auf Projekte von Unternehmen wie Dow Chemical, IBM, Nike, Nokia, Volvo und WalMart stützt, die hinter den Kulissen schon Geschäftsstrategien für einen neuen Kapitalismus entworfen haben.

Eine Industrie, die nahezu wie ein Ökosystem funktioniert und eine Wirtschaft, in der Gewinnstreben den Planeten rettet, scheinen fast zu schön, um wahr zu sein. Sämtliche wissenschaftliche Studien belegen aber,dass es mit unserer Biosphäre rapide bergab geht. Plastikverseuchte Ozeane, eine globale Erwärmung, diesich selbst beschleunigt, tausende vor dem Aussterben bedrohte Arten, die zum Teil wichtige Funktionen füruns haben, ein rasanter Verlust von für Landwirtschaft geeigneten Böden und noch viel mehr. Jüngste wissenschaftliche Warnungen sprechen eine klare Sprache. Der Mensch ist auf dem Besten Weg sich innerhalb dieses Jahrhunderts selbst zu einer bedrohten Spezies zu machen. Einen besseren und anderen Zeitpunkt gibt es nicht, um sich ernsthaft mit diesen Ideen auseinanderzusetzen die noch utopisch scheinen.

Natürliches Kapital mit einem finanziellen Wert auszustatten, den Erfolg einer Volkswirtschaft mit dem HappyPlanetIndex zu bewerten und die Industrie nach dem Vorbild eines Ökosystems zu entwerfen, scheint nur logisch, aber ob diese Ideen sich in der Praxis bewähren, ist fraglich. Ein unverkennbarer Fakt ist hingegen, dass ein wirtschaftliches System, welches Wohlstand vernichtet, keine Zukunft haben kann und ein immerwährendes Wirtschaftswachstum schlicht unmöglich ist. Für politische Maßnahmen, um der Bedrohung durch den Biodiversitätsverlust zu begegnen und einen Wandel des Kapitalismus einzuleiten, fehlt bisher noch die Voraussetzung. Damit die tiefgreifenden Maßnahmen, die nötig sind, um es uns nicht wie der Biosphärencrew ergehen zu lassen, eingeleitet werden können, bedarf es erst noch einer Anerkennung gewisser Realitäten.

Es muss die Erkenntnis reifen, dass wir als Menschen ultimativ abhängig von Ökosystemen bestehend aus anderen Spezies sind. Wir müssen wieder begreifen, dass die "Wirtschaft" weder Selbstzweck noch Feindbild ist. Unser marktwirtschaftliches System hat einzig die Aufgabe unsere Bedürfnisse möglichst effizient zu decken. Diese Aufgabe kann es auch im 21. Jahrhundert übernehmen, wenn man ihm beibringt, dass natürliches Kapital einen Wert besitzt und zum limitierenden Faktor für die Entwicklung der Menschheit geworden ist.

Zwischen der Biosphäre 2 und der Biosphäre Erde gibt es, abgesehen von der Größe, nur einen Unterschied: Letztere ist kein Experiment, das abgebrochen werden kann.

Informationen zum Beitrag

Titel
Kapitalismus in der Biosphäre
Autor
Joris Kanowski
Schule
Norbertusgymnasium, Magdeburg
Klasse
11 von 2012/2013
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Jugend recherchiert 2012
Kategorie
Print

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Jugend recherchiert - Biodiversität ist als Projekt der UN-Dekade Biologische Vielfalt 2013 ausgezeichnet worden. Die UN-Dekade ist ein Programm der Vereinten Nationen zum nachdrücklichen, weltweiten Schutz von biologischer Vielfalt. › Mehr