Bedrohte Biodiversität vor unserer Haustür

Bedrohte Biodiversität vor unserer Haustür

Die Erhaltung der Biodiversität ist für die heutige und zukünftige Generation eine große Her-ausforderung. Insbesondere das globale Problem des Klimawandels stellt eine große Gefahr für die biologische Vielfalt dar. Auch der Mensch trägt durch sein Verhalten erheblich dazu bei, dass der Lebensraum von Pflanzen und Tieren immer weiter eingeschränkt wird. Das Verschwinden von Lebewesen ist kein Ereignis, welches weit weg stattfindet, sondern bereits vor unserer Haustür beobachtet werden kann.

Am Beispiel eines kleinen Biotops in der Gemeinde Heuchlingen in Ostwürttemberg kann die Komplexität des Themas biologische Diversität im Zusammenspiel von natürlichen Gege-benheiten und menschlichem Handeln veranschaulicht werden.

Ungefähr seit 1840 gibt es außerhalb des Hauptortes in der Nähe des Flusses Lein einen kleinen Teich, dessen Wasserstand jahreszeitlich bedingt ist. In der Hauptsache wird das kleine Gewässer, welches sich in einer Geländevertiefung ausgebildet hat, von Regenwasser und einer in der Nähe liegenden Quelle gespeist. Das Gelände war zunächst im Besitz einer Privatperson, bevor es von der Gemeinde und dem Land Baden-Württemberg Mitte der 1980er Jahre aufgekauft wurde, nachdem der hohe ökologische Wert des Gebietes mit sei-nem Vorkommen verschiedener, zum Teil sehr seltener, Tierarten bekannt geworden war.

Der aus Heuchlingen stammende Joachim Holstein beobachtete in jener Zeit sehr interessiert das Biotop, zwischenzeitlich zum Naturdenkmal erklärt, und seine nähere Umgebung. Von ihm stammen Angaben zu dort vorkommenden Tieren und Pflanzen, die andernorts schon sehr selten geworden waren.

Er berichtet von einer Vielzahl an Lebewesen, beschreibt ihre Lebensweise und macht An-gaben zur jeweiligen Population. Joachim Holstein nennt als Beispiel unter anderem den Seefrosch, der bereits zur damaligen Zeit auf der Roten Liste der gefährdeten Arten in Deutschland erwähnt wurde. Die Rote Liste umfasst im Allgemeinen gefährdete Pflanzen- und Tierarten, die besonders geschützt werden müssen. Mit der Gelbbauchunke zählt er für das Heuchlinger Biotop eine weitere Amphibie aus dieser Liste auf.

Zudem schildert Joachim Holstein, dass ihm bei seinen vielen Beobachtungen die große Anzahl an Libellen aufgefallen ist. Am häufigsten beobachtete er davon die bläuliche Schlankjungfer. Im Sektor der Käfer beschreibt er unter anderem das Vorhandensein von Laufkäferarten und einer speziellen Marienkäferart.

Als Problem für das Biotop spricht Holstein von im Frühjahr auftretenden Überschwemmungen, bei denen es vorkommen kann, dass sich Fische ihren Weg in den geschützten Lebensraum bahnen können und dort Kleintiere wie Larven oder den Laich von Fröschen weg-fressen würden. Eine weitere Gefahr sieht Joachim Holstein in den Anglern, die ihren Beifang in dem Teich aussetzen, was ebenfalls zum vorher genannten Ergebnis führen würde.

Nach dem Aufkauf der Flächen durch Gemeinde und Land wurden dort 1984 zwei Naturdenkmale ausgewiesen. Damit sollte der Erhalt der Feuchtfläche und des wertvollen Pflanzenstandorts gewährleistet werden, dadurch dass Veränderungen und schädliche Einflüsse auf das Gelände somit nicht mehr möglich waren. Weil auch angrenzende Flurstücke erwor-ben werden konnten, wurden auch Einflüsse aus der Landwirtschaft vermindert. In jener Zeit wurden die erworbenen Flächen weiterentwickelt, das heißt es wurde zum Beispiel der Was-serstand angehoben, damit die Flächen dauerhaft vernässt und die offenen Wasserflächen gesichert waren. Mit entsprechenden Pachtverträgen wurde die Bewirtschaftung der umgebenden landwirtschaftlichen Flächen im Sinne des Naturschutzes geregelt. Seit 1992 sind die Feuchtflächen und die sie umgebenden Gehölze nach §30 Bundesnaturschutzgesetz geschützt. Das bedeutet, dass es verboten ist, den geschützten Bereich zu verändern, zu beeinträchtigen oder sogar zu zerstören.

Innerhalb der Europäischen Union verpflichteten sich 1992 ihre Mitgliedsstaaten zum Schutz der biologischen Vielfalt in der sogenannten Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie. Diese FFH-Richtlinie soll wildlebende Arten, deren Lebensräume und die Vernetzung dieser Lebens-räume erhalten, sichern und schützen. Nach Maßgabe der FFH-Richtlinie wird innerhalb der Europäischen Union ein Netzwerk von Schutzgebieten errichtet, das so genannte Natura 2000. Heute stehen bereits 18% der Fläche der Europäischen Union unter dem Schutz der Natura 2000. In Managementplänen von Natura 2000 werden Tier- und Pflanzenvorkommen sowie Maßnahmen, die zum Schutz des Lebensraums zu ergreifen sind, genannt.

Im Natura 2000-Managementplan für das FFH-Gebiet 7125-341 "Unteres Leintal und Welland" findet sich das oben beschriebene Schutzgebiet wieder. Für dieses ist als Maßnahme die Entnahme von Gehölzen zur Reduzierung der Beschattung angegeben. In den angren-zenden Flächen ist die Art der Mahd vorgegeben. Die Untere Naturschutzbehörde des Land-kreises denkt auch über eine Entschlammung des Gebietes nach, da die Lebensräume hier in suboptimalem Zustand sind und teilweise verlanden. Dem Plan zufolge wurde der Kamm-molch in diesem Gebiet im Jahre 2008 nachgewiesen. Es gibt allerdings keine konkreten Angaben zur Population. Entgegen den Beobachtungen von Holstein aus den 1980er Jahren ist zum Beispiel die Gelbbauchunke im Managementplan nicht mehr für dieses Gebiet ver-zeichnet. Daraus lässt sich schließen, dass in dem Biotop lediglich noch Kammmolche als bedrohte Art auftreten.

Der Kammmolch wird in den FFH-Richtlinien unter den Anhängen zwei und vier geführt. Ersterer fordert, dass für die verschiedenen Tier- und Pflanzenarten ein Schutzgebiet errichtet werden muss. In Anhang vier sind Lebewesen aufgeführt, die einen außerordentlichen Schutz aufgrund ihrer Seltenheit genießen. Außerdem besagt Anhang vier, dass die Lebensräume der dort aufgelisteten Tiere und Pflanzen nicht beschädigt oder zerstört werden dürfen, da sonst eine Ausrottung dieser Art droht. Die Gefahren, die dem Kammmolch drohen, sind vielfältig: Vermüllung, Dünger aus der Landwirtschaft, Umweltgifte, Straßenbau, Flurbereinigung, Grundwasserabsenkungen oder Abholzungen. Zudem setzt sich die Amphibie bei der Wanderung vom Winterquartier zum Laichgewässer jedes Mal der Gefahr aus, beim Überqueren einer Straße von einem Auto erfasst zu werden.

Aufgrund all dieser Gefahren ist der Kammmolch europaweit nach den FFH-Richtlinien ge-schützt und gilt nach dem Bundesnaturschutzgesetz als streng geschützt. Dies bedeutet, dass diese Lebewesen nicht gefangen, verletzt, getötet oder in ihrem Lebensraum gestört werden dürfen. Auch darf diese Tierart nicht aus seiner Lebensstätte entwendet werden. Darüber hinaus ist der Kammmolch in der Roten Liste Deutschlands aufgeführt.

Der Kammmolch gehört zur Klasse der Amphibien und hier zur Ordnung der Schwanzlurche. Beim Kammmolch handelt es sich um die größte einheimische Molchart. Die Amphibie, deren Verbreitungsgebiet sich von Frankreich über ganz Mitteleuropa bis zum Ural erstreckt, hat eine Länge, die zwischen zehn und zwanzig Zentimetern variiert. Ein Merkmal des Kammmolches ist seine Hautfarbe. An der Oberseite ist diese in den Farben dunkelbraun oder schwarz gehalten, wohingegen die Unterseite des Molches eine gelbe oder orangene Farbe aufweist. Im Frühjahr bildet das Männchen im Gegensatz zu den Weibchen einen hohen, gezackten Rückenkamm aus, welcher der Namensgeber dieser Molchart ist. Innerhalb Deutschlands fühlt er sich, ausgenommen von den nordwestdeutschen Küstengebieten, überall zuhause, wobei er meist nur in kleinen Beständen auftritt. Dabei bevorzugt der Kammmolch dauerhaft wasserführende Weiher und Teiche, die zusätzlich unter Wasser eine große Pflanzenwelt vorweisen. An Land bevorzugt diese Amphibie feuchte Laub- und Mischwälder, Gebüsche und Hecken. Auch kann man sie in Gärten nahe den Laichgewäs-sern entdecken.
Es bleibt zu hoffen, dass der Kammmolch im Heuchlinger Feuchtgebiet weiterhin seinen Le-bensraum hat und die Vielfalt an Tieren und Pflanzen weltweit auf Dauer erhalten bleibt.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Bedrohte Biodiversität vor unserer Haustür
Autor
Annika Geiger
Schule
Rosenstein-Gymnasium Heubach, Heubach
Klasse
10 von 2012/2013
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Jugend recherchiert 2012
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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Jugend recherchiert - Biodiversität ist als Projekt der UN-Dekade Biologische Vielfalt 2013 ausgezeichnet worden. Die UN-Dekade ist ein Programm der Vereinten Nationen zum nachdrücklichen, weltweiten Schutz von biologischer Vielfalt. › Mehr