Vormittags zum College nachmittags zum Surfen

So weit wie möglich weg von zu Hause, das war Rachaels Wunsch. Nach der High School in Colorado studiert sie nun in Hawaii. Das kostet ihren Vater viel Geld, aber sie gewinnt Freiheiten.  Ich habe mich noch nicht endgültig entschieden, ob es mir gefällt, erwachsen zu sein", sagt die 18-jährige Rachael Dohrn und wirft ihre langen braunen Locken über die Schulter. Sie ist relativ klein, hat eine athletische Figur, die wohl auf ihre Leidenschaft fürs Schwimmen und Tanzen zurückzuführen ist.

Geboren wurde sie in San Diego, Kalifornien. Heute lebt sie mit ihrer Mutter und ihrem Stiefvater in der Nähe von Denver, Colorado. Seit einem Jahr besucht sie das "Hawaii College", das in der Nähe von Waikiki liegt. Mit einer Mitbewohnerin teilt sie sich einen kleinen Raum in den Dorms, wie die Zimmer für die jungen Studenten auf dem Campus heißen. "Es hat die Form eines Kuchenstückes, von dem jemand die Spitze abgebissen hat", erklärt Rachael. Gleich neben der Tür stehen rechts und links zwei Kleiderschränke, es folgen zwei Betten, die wiederum an die Schreibtische unter dem großen mittigen Fenster grenzen. "Von meinem Fenster aus kann man die Gebäude in Waikiki sehen und dahinter ein kleines Stück vom Ozean; allein für diese Sicht lohnt sich der Blick aus dem Fenster", schwärmt Rachael, deren Traum es schon lange war, in Hawaii zu studieren. Nach der High School, die sie in Fort Collins, Colorado, absolvierte, ermöglicht ihr ihr Vater nun das Studium so weit entfernt von zu Hause auf Hawaii, was ihn einiges kostet. Rachaels Vater hat für Microsoft Programme mit entworfen und daher ein beachtliches Vermögen.

"Das war Priorität: So weit weg wie möglich von zu Hause studieren", gesteht Rachael mit einem triumphierenden Lächeln. So denken viele amerikanische Jugendliche, für die die Collegejahre eine Befreiung von den strengen Regeln darstellen, denen sie unterworfen waren. Rachael berichtet, dass amerikanische Eltern ihre Kinder oft sehr streng kontrollieren. Ob es sich dabei um schulische Angelegenheiten, Freundeskreise, Sportarten oder andere Freizeitbeschäftigungen handele, sei ganz gleich. Besonders im Sport stellten viele Eltern von Rachaels Freunden Ansprüche auf Höchstleistungen ihrer Sprösslinge und ließen ihnen kaum Zeit, ihre eigenen Interessen auszuleben.

Durch solche Unterdrückung der Wünsche entstehe "ein regelrechter Machtkampf zwischen den Heranwachsenden und ihren Eltern", sagt Rachael. Die Jugendlichen fiebern der Collegezeit entgegen, in der sie all die verbotenen Dinge tun, wie zum Beispiel Alkohol trinken, abends so lange wegbleiben, wie man möchte, und all das ausleben können, was bisher von den Eltern unterdrückt wurde. "Es war eine anstrengende Zeit, die von unglaublicher Vorfreude geprägt war", beschreibt Rachael ihr Senior Year an der High School. Diejenigen, die das Privileg haben, ein College besuchen zu dürfen - wofür vielen das Geld fehle -, verbringen Stunden vor dem Computer mit dem Schreiben von Bewerbungen. Sind dann alle Bewerbungen geschrieben und verschickt, die Abschlussarbeiten abgegeben und die großen Zeugniszeremonien vorbereitet, beginnt für die meisten eine aufregende Zeit. Der letzte Sommer zu Hause bricht an. Oft verbringt man ihn damit, sein Dorm einzurichten. "Man hat die Möglichkeit, mit seinem künftigen Mitbewohner über das Internet Kontakt aufzunehmen", erklärt Rachael. Ihr fehlte dafür allerdings die Zeit, und sie traf Coco, ihre Mitbewohnerin aus L.A., das erste Mal zum Vereinbaren der Zimmervertragsregeln. Diesen Vertrag unterschreiben alle Zimmerbewohner und einigen sich damit auf Regeln, auf die sie sich in einem Konfliktfall berufen können. "Zum Glück haben wir ihn seit der Unterzeichnung nicht wieder hervorholen müssen", lächelt Rachael. Beide Mädchen kommen gut miteinander aus, sind jedoch keine engen Freundinnen geworden. "Wir haben unterschiedliche Interessen und daher auch völlig verschiedene Freundeskreise", erklärt Rachael mit einem Hauch von Enttäuschung. "Coco geht jedes Wochenende auf Partys mit Freunden aus einer Studentenvereinigung. Das ist einfach nicht mein Ding."

Partys werden im College groß geschrieben, da es für viele Studenten die erste Chance ist, solche zu besuchen. Diese Partys ufern oft aus, da die Jugendlichen nicht an Alkohol gewöhnt sind. "Seit vor ein paar Jahren ein Mädchen an einer Alkoholvergiftung in meiner Heimatstadt gestorben ist, bin ich sehr vorsichtig geworden und greife ein, sobald jemand das Bewusstsein zu verlieren droht." Manche täten das nicht, aus Angst vor Strafverfolgung wegen Verstoßes gegen das Gesetz. Verzehr von Alkohol ist hier erst ab 21 Jahren in vielen Staaten gestattet. "Auch ich trinke mal ein oder zwei Bier am Wochenende. Meine Lieblingsmarke ist New Belgium aus Fort Collins", strahlt sie. Doch sei die Partyszene auf Hawaii sehr viel schwächer als in anderen Colleges. "Hier gehen wir viel lieber mal an den Strand eine Runde surfen", erzählt sie stolz. "Besonders an Freitagen sind wir manchmal eine größere Gruppe. Dann treffen wir uns alle am Bus und verbringen den Nachmittag in der Sonne und im Wasser", schwärmt sie. Der Freitag sei ohnehin entspannend. "Da die Hausaufgaben meist nur aus dem Lesen von Texten in unseren Büchern bestehen, kann man das gut das ganze Wochenende vor sich herschieben und braucht kein schlechtes Gewissen zu haben. Die Lehrer interessiert es wenig, wenn du unvorbereitet zum Unterricht erscheinst. Du wirst selbst das Nachsehen haben, eigentlich deine Eltern, denn sie zahlen für das College. Und sie zahlen länger, wenn du die Tests nicht bestehst."

Die Studenten im College haben die Möglichkeit, ihre Kurse selbst zu wählen und somit zu bestimmen, wie viele Credits sie sammeln. Rachael belegt unter anderem Deutsch, Tanzen und Astronomie. "Natürlich gibt es auch einige vorgeschriebene Kurse, die man in den ersten Collegejahren belegen muss. Die sind zumeist sehr langweilig. Aber dafür machen die selbstgewählten Kurse umso mehr Spaß. Ich freue mich auf die Zeit, wenn ich nur noch selbstgewählte Kurse belegen darf."

Im College dürfen die Studenten anfangs nur ihre "Major"-Kurse, die Schwerpunktfächer, festlegen. Später sind gewisse Niedrig- und Höchstgrenzen von belegbaren Kursen festgelegt, so dass die Schüler oft wesentlich weniger Unterricht haben als in der High School, wo es keine Belegungsgrenze gibt und wo deshalb viele Schüler ihren Stundenplan so eng belegen, dass sie den ganzen Tag in der Schule verbringen und dabei kaum Pause haben. Ihr Ziel ist es, so viele Credits wie möglich durch belegte Kurse zu erreichen, um diese Kurse im College überspringen zu können. Das erspart ihren Eltern die Kosten. "Es ist kein Wunder, dass die meisten Schüler die High School nicht ausstehen können, wenn sie von morgens bis abends mit Informationen vollgestopft werden", erklärt Rachael.

Sie verbringt ihre neugewonnene Freizeit im College mit Tanzen und mit Schwimmen im Meer. Andere müssen in dieser Zeit arbeiten gehen, um sich ihr Leben finanzieren zu können. Viele Eltern schaffen es kaum, für die Collegegebühren aufzukommen, und können keine zusätzlichen monatlichen Zahlungen an ihre Kinder leisten. "So kann ich mir eben dieses Schuljahr noch kein Auto leisten, aber ich plane, einen Sommerjob anzunehmen und auf eines zu sparen. Wie ich die laufenden Kosten tragen werde, weiß ich noch nicht genau", schildert Rachael ihre Situation.

Informationen zum Beitrag

Titel
Vormittags zum College nachmittags zum Surfen
Autor
Davina Krumbholz, Diltheyschule, Wiesbaden
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.04.2010, Nr. 98 / Seite N6
Projekt
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