Schnorren fällt Frettchen leicht

Schwarze Stiefel, zerrissene Hosen, schrille Haarfarbe - die fünf Punks, die vor dem Neptunbrunnen am Berliner Alexanderplatz herumlungern, fallen auf. Missbilligend schütteln zwei vorübereilende Männer mit Anzügen die Köpfe. "Ich bin Frettchen", stellt sich ein großer, mit Piercings und Dornenketten ausstaffierter junger Mann vor und schaut den Frager herausfordernd an. Seinen richtigen Namen will er nicht preisgeben: "Frettchen ist der Name, der mich hier draußen vor Ärger schützt."

Hinter jedem, der einer Szene angehört, steckt eine Geschichte. "Als ich klein war, war ich ja auch anders und für deine Begriffe normal angezogen", sagt Frettchen. "Ich war ungefähr vierzehn oder fünfzehn, als meine Mutter, die mich alleine aufzog, starb. Im Heim war ich dann ganz auf mich allein gestellt." Einen Weg aus dieser Einsamkeit bot ihm die Szene. Dabei spielte "seine" Musik eine große Rolle, die "laut und gefühlvoll sein muss". "Ich war immer seltener in der Schule, bekam Briefe und Ärger, aber es war mir egal", sagt er lässig. Er habe sich missverstanden und als Außenseiter gefühlt. Lehrer und Heimerzieher boten Hilfe an. "Aber ich brauchte keinen, der mir hilft, weil es mir gutging mit meinen Freunden, die so waren wie ich." Deshalb habe er nach der neunten Klasse mit einem schlechten Hauptschulabschluss einfach aufgehört. "Wozu lernen?", fragt er angriffslustig und führt selbstbewusst aus, dass es ihm wichtiger ist, mit Freunden "rumzuhängen, Spaß zu haben und natürlich das zu tun, was ich will". Er rasierte sich seinen Kopf kahl und ließ nur noch fünf lange Stacheln stehen. Heute zeigen sie ein ausgewaschenes Grün-Rot. Gab es denn sonst niemanden, der sich um ihn kümmerte? "Schon, aber wen interessierte das wirklich? Im Heim war ich nicht mehr, seit ich siebzehn war, und zu Verwandten wollte ich nicht - zu spießig! Die Szene ist wie ein Zuhause, weil hier die Leute so denken wie du." Wie verdient er seinen Lebensunterhalt? "Das Schamgefühl beim Schnorren verschwindet." Trotzig deutet er auf Frauen mit Markentüten. "Wir sind ja nicht dumm, wir wollen halt nur nicht so spießig leben wie die."

Im Winter und an regnerischen Tagen sei er bei Freunden untergebracht oder gehe zu Hilfseinrichtungen. "Die Blicke sind dir nach einiger Zeit egal, weil du immer in einer Gruppe, einer Familie bist. Ich bin zufriedener als früher bei diesen Normalos." Ob er doch einmal mehr will, eine Arbeit, die ihm Spaß macht und ihn ernährt? Daran möchte der 20-Jährige lieber nicht denken. "Tja", sagt er und wirkt zum ersten Mal so, als ob er keine Antwort parat hätte. "Ich will vielleicht mal was mit Musik machen. Schließlich hat sie mir damals auch geholfen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Schnorren fällt Frettchen leicht
Autor
Tobias Grimm
Schule
Leonardo-da-Vinci-Gymnasium , Berlin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.03.2012, Nr. 75, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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