Gelöffelt und geschmatzt

Wer hier Kalorien zählt, hat viel zu tun. Filigrane Kunstwerke aus Zucker, handgemachte Bonbons, Lakritzspezialitäten und orientalische Köstlichkeiten - der jährliche Schleckermarkt des Freilichtmuseums am Kiekeberg ist mehr als nur eine Sünde wert. Das Museum liegt in der Gemeinde Rosengarten, direkt hinter der südlichen Hamburger Stadtgrenze. Höhepunkt ist ein Kuchenwettbewerb für jedermann. Wenngleich Männer die Ausnahme bilden. Organisatorin ist Annika Soltau. Die zierliche junge Frau mit dem braunen Lockenkopf ist eine von vielen ehrenamtlichen Helferinnen. Auf die Frage nach den Teilnahmebedingungen sagt sie: "Es gibt keine. Jung und Alt können ihren Lieblingskuchen backen und bei uns präsentieren. Allein der Spaß sollte im Vordergrund stehen." Austragungsort der süßen Schlacht ist der Tanzsaal der Museumsbrennerei in einem Fachwerkhaus aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Unter den 50 Zuschauern sind viele Frauen mittleren und gehobenen Alters, die aus ihrer Vorliebe für Süßes keinen Hehl machen. "Ein Sonntag ohne Kuchen? Bei mir nur, wenn Ostern und Weihnachten auf einen Tag fallen", bekundet eine der Damen lachend und wirft einen anerkennenden Blick auf eine Schokoladentorte mit roten Marzipanrosen. Die Kuchen sind auf einem langen Eichentisch angerichtet. Immer mehr Zuschauer drängen in den Saal. Die Sitzplätze werden knapp, zusätzliche Stühle müssen herbeigeschafft werden. Von marzipanverzierter Hochzeitstorte über Landfrauentorte mit Aprikosen bis zum Schokokuchen ist alles vertreten. Jetzt ist die Jury gefragt. Ein Konditormeister, ein Zahnarzt, ein Mitglied des Museumsstiftungsrates und die Gewinnerin des Vorjahres zücken ihre Notizblöcke und nehmen jede Torte kritisch in Augenschein. Sie schneiden von jedem Kuchen vier kleine Stücke ab; die Verkostung beginnt. Es wird gelöffelt, gekaut und geschmatzt. Auf einer Skala von eins bis 20 bewertet das Komitee Aussehen, Geschmack und Zahnfreundlichkeit. Kuchen und Zahnfreundlichkeit - wie passt das zusammen? "Wie bei jedem Lebensmittel sollte auch bei Kuchen auf die Gesundheit geachtet werden. Wichtig ist, dass der Kuchen nicht zwischen den Zähnen hängen bleibt. Außerdem muss er sich gut kauen lassen und die Zutaten sollten möglichst wenig Stoffe enthalten, die Karies fördern", erklärt Klaus-Wilfried Kienert. Er hat eine Zahnarztpraxis in Nachbarschaft des Museums. Der drahtige grauhaarige Zahnarzt ist bekennender Süßigkeitenfan. Eine Stunde und zehn Torten später sieht man den Prüfern die Sättigung an. Nach einer kurzen Verschnaufpause werden die noch verbleibenden fünf Backwerke in Angriff genommen. Tortenstück für Tortenstück rückt das Endergebnis näher. Unter den neidvollen Blicken einiger Zuschauer verspeist die Jury auch noch das letzte Probierhäppchen. Die Spannung im Saal steigt, als die Punkte ausgezählt werden. Der Konditormeister verkündet die Siegertorte: eine 30 Zentimeter hohe Erdbeer-Sahne-Kreation im Schokoladenmantel. Die überraschte Siegerin heißt Janna Meyer. Die junge, sportlich wirkende Frau ist wissenschaftliche Volontärin am Kiekebergmuseum. "Backen bedeutet für mich in erster Linie Entspannung. Mit einem Sieg habe ich überhaupt nicht gerechnet. Diese Torte habe ich heute das erste Mal gebacken und gleich einen Erfolg gelandet", freut sie sich und nimmt die Glückwünsche ihrer Mitbewerberinnen entgegen. Woher sie das Rezept hat? "Das habe ich mir selbst ausgedacht." Jurymitglied Kienert überreicht ihr einen großen Präsentkorb. Die zweite und dritte Gewinnerin, die mit einer Landfrauentorte und einem Kuchen in Form eines Fachwerkhauses überzeugt haben, erhalten ein Pralinenset. Jetzt kommen endlich auch die Zuschauer auf ihre Kosten, denn die restlichen Kuchen werden zu einem wohltätigen Zweck verkauft.

Informationen zum Beitrag

Titel
Gelöffelt und geschmatzt
Autor
Pauline Albrod. Immanuel-Kant-Gymnasium, Hamburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.07.2010, Nr. 160 / Seite N6
Projekt
Jugend schreibt

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180