Drei Stunden auf der Flohschanze

Nachdenklich umkreist ein junger Mann einen verschlissenen cognacfarbenen Herrensessel und betrachtet ihn aus jedem Blickwinkel. Behutsam setzt er sich hinein und legt die Hände entspannt auf die Armlehnen. Kurz schließt er die Augen und genießt die Hamburger Sonne auf der Flohschanze, einem Antik- und Flohmarkt in der Schanze, dem wohl flippigsten Stadtteil Hamburgs. Jeden Samstag von 8 bis 16 Uhr erbeuten hier Studenten ihre Wohnungseinrichtung, leidenschaftliche Sammler ihre neuen Lieblingsstücke, oder Jugendliche Kleidungsstücke, die lange vor ihrer Geburt genäht wurden. Die 17-jährige Schülerin Merle Hassner sagt, es sei auch entspannend, einfach mal ohne Geld dort zu sein. Die angebotene Ware ist sehr vielseitig, sie reicht von Nagelscheren über Lampen bis hin zu antiken Sofas. "Und genauso abwechslungsreich und geschmackvoll sind die meisten Kunden, so dass es auch sehr interessant sein kann, einfach nur die Leute zu beobachten", sagt Merle, die mit ihrer Kunstfellleopardenjacke und der alten, kofferartigen Ledertasche gut ins Gesamtbild der bunten, teils sehr speziell gekleideten Menschen passt. Es riecht nach Räucherstäbchen und Currywurst, hier und da schnappt man Gesprächsfetzen in verschiedenen Sprachen auf. "Morgens ist es definitiv am schönsten. Dann ist es meist noch nicht so voll, und man kann sich alles in Ruhe angucken", sagt die zierliche blonde Hamburgerin lächelnd und zupft schüchtern ihre schwarz-gelbe Jacke zurecht. Die Gelassenheit und Ruhe, mit der die Menschen von Stand zu Stand gehen, macht die Atmosphäre des Flohmarktes aus. Zwischen Kitsch, Krimskrams und Kuriositäten findet ein jeder etwas, was ihm gefällt. Auch Merle. "Ein nettes Oberteil oder einen Schal findet man eigentlich jedes Mal. Ich halte aber auch sehr gerne Ausschau nach ausgefallenen Sonnenbrillen oder schönem Schmuck. Auch etwas Kleines zum Verschenken bietet sich oft an. Allgemein sind es aber wohl schon Klamotten, die ich am häufigsten mit nach Hause bringe. Mein sozusagen schwierigster Kauf war ein Plattenspieler, ein Monsterteil mit integriertem Radio und Kassettenrekorder. Den nach Hause zu bekommen war schon eine wirkliche Herausforderung. Und zum Schluss hat sich dann herausgestellt, dass er kaputt war." Aber als Dekoration kann er dennoch dienen, denn der Plattenspieler macht sich gut in ihrem Zimmer, findet sie. "Hier wechselt die Nachfrage von einem Samstag auf den nächsten. An einem Tag verkauft man nur Klamotten, die Woche drauf sind es Taschen und Tücher", erklärt Susanne Höfner, die aus jahrelanger Verkaufserfahrung spricht. Die 42-jährige Hamburgerin verkauft hier seit Jahren regelmäßig Kleidung und Schmuck. Der Schanzenflohmarkt sieht jeden Samstag anders aus. Oft erkennt man aber auch Stände und Verkäufer wieder. "Allerdings habe ich jedes Mal auch das Gefühl, Neues zu entdecken", sagt Merle, die teilweise bis zu drei Stunden die Flohschanze erkundet. Das Miteinander von Verkäufern und potentiellen Käufern findet auf einer freundschaftlichen Basis statt. Jeder kann hier Ware verkaufen. Die Kosten für einen Stand sind abhängig von der Größe der Fläche sowie von der Anzahl der Tische und ob eventuell aus einem Auto heraus verkauft wird, und schwanken zwischen 10 und 15 Euro. Die Flohschanze findet auf einer Open-Air-Fläche von 1200 Quadratmetern statt und schließt einen alten Schlachthof ein, in dem mittlerweile diverse Shops eröffnet haben, und unter anderem auch ein Club, das Knust. Die Vielseitigkeit des Publikums passt zu der unterschiedlichen Ware, so sind junge Frauen stets auf der Suche nach Kleidern im Retrostil, Musikfanatiker kaufen hier die eine oder andere Schallplatte, und Großmütter erbeuten billiges Spielzeug für die Enkel. Gelegentlich kommt man auch mit anderen Leuten ins Gespräch. "Hier kann ich wieder an meine Plattenspielergeschichte anknüpfen. An dem Tag, als ich mich bemüht habe, unter seinem Gewicht entspannt zu wirken, wurde mir von einem freundlichen jungen Herrn geholfen. Bis heute bereue ich es ein wenig, dass ich ihn nicht auf einen Dankeschön-Kaffee eingeladen habe." Ein schüchternes Lächeln breitet sich auf Merles Gesicht aus. Die Flohschanze ist vor allem bei jungen Leuten beliebt. Der Stadtteil hat viele Reize, doch Merles Begeisterung für dieses Viertel war schon einmal größer. "Durch die Gentrifizierung, also durch den sozialen Umstrukturierungsprozess und die gezielte Aufwertung eines Stadtteils, ist, wie ich finde, ein wenig des urigen Klimas verlorengegangen. Ich bin aber gespannt auf die weiteren Entwicklungen. Angeblich soll ja Wilhelmsburg das neue In-Viertel werden. Mal gucken, was die Zukunft bringt." Dort, wo vorhin noch der Herrensessel stand, klafft nun eine Lücke in der Reihe der Verkaufsfläche. Vielleicht hatte der Käufer genauso viel Glück wie Merle mit ihrem Plattenspieler und musste den Sessel nicht alleine nach Hause tragen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Drei Stunden auf der Flohschanze
Autor
Nathalie Meyer. Immanuel-Kant-Gymnasium, Hamburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.07.2010, Nr. 160 / Seite N6
Projekt
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