Ein Tag ohne blaue Flecken läuft schief

Kritik und Schmerzen gehören zum Alltag der Dresdener Hochschüler für Tanz. Das nehmen sie in Kauf, um ihrem Traum näher zu kommen. Die Matinee in der Semper-Oper entschädigt für viel.

Es ist 17 Uhr in der Palucca-Hochschule für Tanz in Dresden. Wirft man einen Blick in die Räume, sieht man Schüler bei artistisch aussehenden Folgen, Sprüngen und Choreographien. Die hellen, weißen Tanzräume, alle größer als ein Klassenzimmer, sind mit Fenstern vom Boden bis zur Decke bestückt. An drei Wänden sind Tanzstangen in Brusthöhe angebracht, die dritte Wand besteht aus einer Reihe von Spiegeln. Kleine Mädchen stehen mit weißen Strumpfhosen und Ballettröckchen an der Stange, während die Lehrerin von einer zur Nächsten geht, um hier die Stellung oder Haltung des Beines und dort die Spannung der Schultern zu verbessern. Klaviermusik gibt den Takt an. In einem anderen Raum läuft dagegen laute Musik. Ältere Schüler rollen auf dem Boden, erheben sich, springen auf. Dieses Schauspiel wird etliche Male wiederholt.

An der Schule lernen Studenten der Altersklassen 10 bis 21. Alle verfolgen den gleichen steinigen Weg: Sie wollen Tänzer werden. Alle beginnen beim Eintritt in die fünfte Klasse mit einer Eignungsprüfung. "Meine Geschwister waren beide schon an der Schule, deswegen wurde es auch einfach zu meinem Wunsch, ein Teil der Tanzwelt zu werden", erklärt Chiara Detscher aus Dresden. "Man könnte es also als Familienangelegenheit bezeichnen." Sie ist 17 Jahre alt und Studentin der Klasse G3, das entspricht der 10. Klasse. Ihre dunklen Haare, die fest in einen Dutt gebunden sind, verstärken die Zierlichkeit ihres Gesichts mit den schmalen Lippen. Chiara hat schon fünf Jahre auf der Hochschule für Tanz hinter sich und arbeitet auf weitere vier Jahre hin. Tanzen mag leicht aussehen, ist es aber nicht. "Ohne Leidenschaft ist man in diesem Milieu fehl am Platz", sagt sie und verschwindet in den Umkleideräumen.

Jeder Tag beginnt mit neuen Herausforderungen. "Man wird immer wieder auf neue Proben gestellt. Man hat eigentlich keine Wahl", berichtet Valeria Danhauser aus München. Sie ist vor vier Jahren ins Internat der Schule gezogen. "Der Anfang war hart, und es war schwierig, auf einmal allein für sich verantwortlich zu sein. Doch mittlerweile ist diese Schule zu meiner Familie geworden. Das Tanzen verbindet und schweißt zusammen. Und trotzdem ist es schwer, da man einfach irgendwann nicht mehr zwischen Schule und Privatleben unterscheiden kann." Auch Valeria trägt ihre langen blonden Haare nach hinten gebunden und mit einem Haarnetz bedeckt. Im Klassischunterricht kommt es vor allem auf Korrektheit an, deswegen ist es wichtig, dass einem die Haare nicht ins Gesicht fallen. Die Tänzerin trägt einen lilafarbenen Ballettanzug, der ihren muskulösen Körper hervorhebt. Ihre Füße stecken in Wärmeschuhen, damit sie sich von den Strapazen der Spitzenschuhe ausruhen können. Blasen an den Füßen sind zum Beispiel eine der unangenehmen Folgen dieser graziösen Schühchen, in denen jede Bewegung wie ein Sprung einer Gazelle aussieht.

Die Studenten, die aus vielen Teilen Deutschlands und der Welt kommen, werden auch in modernem Tanz und Improvisation unterrichtet. Nicola Brockmann aus Dresden ist 16 Jahre alt und erinnert sich an die Jahre voller Emotionen: "Es ist nicht gerade ein Zuckerschlecken, wenn man hier bestehen will. Vor allem die halbjährigen Prüfungen stellen die körperlichen sowie auch mentalen Kräfte auf die Probe. Kritik und Schmerzen gehören zum Alltag." Sie muss lachen, und ihre kontrollierte, elegant wirkende Körperhaltung gerät ein bisschen ins Wanken. "Vielleicht ist es schwer vorstellbar, aber für uns sind Tage ohne Muskelkater und blaue Flecken Tage, an denen irgendetwas schiefläuft. Nein wirklich, für mich ist es sogar ein gutes Gefühl, wenn es zieht und spannt im Körper, denn das zeigt mir, dass ich vorankomme und meine Kapazitäten immer mehr ausbaue." Prompt beginnt sie sich zu dehnen, um sich auf ihre nächste Stunde Improvisation oder Impro, wie sie sagt, vorzubereiten, wo sie doch gerade aus dem Matheunterricht kommt.

Gefragt, ob an den Klischees etwas Wahres ist, antwortet Nicola: "Es stimmt schon, dass ein großer Teil der Jungs homosexuell ist. Aber das tut hier nix zur Sache. Wir sind alle ein großes Team. Natürlich gibt es Konkurrenz und kleinere Auseinandersetzungen, aber hauptsächlich hält das zusammen. Man muss auch einfach trennen können zwischen Tanz und den Stunden, die man anderweitig mit seinen Mitschülern und Freunden verbringt. Es mag verrückt klingen, und das mag daran liegen, dass wir alle verrückt sind." Wie aufs Stichwort schallt fröhliches Singen, Lachen und Klatschen durch die Türen der Umkleiden. Nicola hält inne und lässt ihre langen Beine kurz pausieren. Auch sie beginnt mitzusingen und erklärt dann: "Das ist genau das, was ich meine. Um den ganzen Druck und die Anspannung zu vergessen, muss man gelegentlich einfach mal komisch werden. Singen steht bei uns an der Tagesordnung." Und um dem noch mehr Ausdruck zu verleihen, verbindet sie ihren iPod mit der Stereoanlage, um den anderen im Saal bei ihrer Erwärmung Musik zu bieten.

"Ich lege Wert darauf, andere Freunde zu haben, die nichts mit Tanzen am Hut haben", sagt Chiara. "Wenn man sich schon mit anderen aus seiner Schule trifft, dann sollte man echt vermeiden, zu viel über all das hier zu reden. Man muss einen Gegenpol zum Tanzen finden, sonst verliert man schnell an Motivation. Wir sind Meister im Verdrängen. Es ist ja auch wichtig, Gedanken zu verdrängen, die einen daran erinnern, wie schnell einem ein Stein in seine Tänzerkarriere gelegt werden kann. Allein ein Bruch oder eine Krankheit kann für uns einen schnellen Schlussstrich bedeuten."

Maria Wolf aus Leipzig ist 18 Jahre alt und hat ihren Mittelschulabschluss mit Bravour hinter sich gebracht. Sie beginnt mit ihren drei Jahren des Bachelor-Studiums. "Wir alle wachsen in die Zukunft des Tänzermetiers regelrecht rein. Ehe man sich versieht, steckt man so tief drinnen, dass man nicht mehr umkehren mag. Uns verbindet Liebe mit dem, was wir machen. Der Tanz gibt uns Kraft und macht aus uns, das, was wir sind. Und wenn man dann bei unserer jährlichen Matinee auf der Bühne der Semper-Oper steht und der ohrenbetäubende Applaus die eigene Arbeit belohnt, dann überkommt einen eine Woge von Glück und Bestätigung für seine Fähigkeiten."

Informationen zum Beitrag

Titel
Ein Tag ohne blaue Flecken läuft schief
Autor
Kybele Wittulsky
Schule
Romain-Rolland-Gymnasium , Dresden
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.04.2012, Nr. 81, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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