Kokebnesh träumt auf Englisch

Ein Elternpaar, zwei Sprachen. Kinder, die bilingual aufwachsen, haben viele Vorteile, immer vorausgesetzt, beide Sprachen werden in ihren Alltag eingebunden.

Kannst du mir bitte mal den gomme geben?" Nach einem Augenblick ist alles klar. Mathieu Mahve hat sich unbewusst des französischen Wortes für Radiergummi bedient, da es ihm schneller als die deutsche Entsprechung in den Sinn kam. Er ist zweisprachig aufgewachsen, seine Mutter ist Französin und hat schon immer Französisch mit ihm gesprochen. Sie ging nach ihrem Abitur ins Ausland, um die Sprachen, die sie auf der Schule gelernt hatte, zu pflegen. Nachdem sie drei Jahre in London gelebt hatte und drei Monate in den Vereinigten Staaten war, kam sie nach Österreich, wo sie Mathieus Vater kennenlernte, der aus Iran stammt und seinem älteren Bruder nach Österreich folgte, wo er seine Ausbildung an einer Höheren Technischen Lehranstalt absolvierte.

Der schlaksige 17-Jährige mit den dunklen Korkenzieherlocken und dem frechen Kinnbärtchen erzählt, dass er immer Deutsch mit seinem Vater spreche, er bedaure es, nicht Persisch gelernt zu haben. Mit seinen Freunden unterhält Mathieu sich ebenfalls auf Deutsch, abgesehen von kleinen Abschweifungen ins Französische. "Ich sage häufig ein Wort auf Französisch, wenn ich mich auf Deutsch unterhalte. Ich bin ja am Lycée Français de Vienne, einer Schule, wo wir im Unterricht französisch reden müssen, darum versteht mich da auch jeder."

Kokebnesh Lemma aus Dresden berichtet von ähnlichen Erfahrungen: "Zwar verwechsle ich die Wörter meiner Muttersprachen nicht, aber es ist mir schon oft passiert, dass mir ein Wort mal schneller im Englischen als im Deutschen eingefallen ist", sagt das sportliche Mädchen mit dem wallenden schwarzen Haar und den großen, nachdenklich blickenden Augen. Das habe sie von ihrem Vater übernommen, der aus Äthiopien stammt. Seine Ausbildung als Pilot beendete er in Deutschland. Einige Freunde und Verwandte lebten hier, und er entschloss sich zu bleiben. "Wenn ihm ein Wort auf Deutsch nicht einfiel, hat er es mir auch immer auf Englisch gesagt, um sich ausdrücken zu können. So geht es mir auch oft."

Viele zweisprachig aufgewachsene Kinder denken mal in der einen, mal in der anderen Sprache. Auch das Träumen ist nicht unbedingt einer Sprache vorbehalten. "Wenn ich meine Verwandten in London oder Äthiopien besuche und dort mehr als zwei Wochen bin, träume ich schon häufiger auf Englisch", verrät Kokebnesh mit einem Augenzwinkern.

Ab und zu passiert es natürlich auch, dass jüngere Kinder, die zweisprachig aufgezogen werden, unbewusst Wörter vertauschen oder etwas in einer ihrer Muttersprachen durcheinanderbringen. "Es gibt zwar noch keine Theorie, die wissenschaftlich untermauert ist, allerdings hat sich das Opol-Modell bewährt", erklärt die Neuropsychologin Jutta Müller, die am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig die Sprachentwicklung des Menschen erforscht. Opol - One Parent One Language - heißt so viel wie: Jeder Elternteil spricht in seiner Sprache mit dem Kind. Doch nicht nur darauf komme es an: "Wenn bei einer bilingualen Erziehung beide Sprachen im Alltag eingebunden werden, dann hat das Kind die Möglichkeit, schon früh zwei Sprachen zu verstehen und anwenden zu können." Wichtig sind eine Bezugsperson und -situation für das Erlernen der jeweiligen Sprache.

Doch birgt eine zweisprachige Erziehung, so gut man das Opol-Modell auch umsetzen mag, einen Nachteil, mit dem Müller zufolge einsprachig erzogene Kinder meistens deutlich weniger zu kämpfen haben: Blackouts. Diese treten meistens dann auf, wenn das Kind ein Wort in der einen Sprache benötigt, das es bisher fast ausschließlich in der anderen gebraucht hat. Gerade wenn in einer der Muttersprachen nur gesprochen und wenig geschrieben wird, dann erkennt das Kind zwar unglaublich viele Wörter, dennoch wird es ihm in den meisten Fällen schwerfallen, eine Vokabel aus einer ihm geläufigen Wendung herauszulösen.

"Es ist tatsächlich so, dass bilingual erzogene Menschen pro Sprache weniger Wörter zur Verfügung haben", sagt Jutta Müller. "Aber dafür kommen sie schon dort mit zwei Sprachsystemen in Berührung, wo die meisten anderen Kinder nur eines kennen." Demzufolge fällt zweisprachig erzogenen Kindern das Erlernen von Fremdsprachen wesentlich leichter.

"Mir hat es wirklich geholfen, dass ich Spanisch konnte, als ich in der Schule anfing, Französisch zu lernen", sagt Yoalli Rezepka García aus Böblingen, deren Mutter aus Mexiko stammt. Die 17-Jährige spricht immer Spanisch mit ihr. Ihr Vater ist Deutscher; wie in so vielen Fällen bikultureller Familien lernten sich auch Yoallis Eltern beim Studium kennen.

Auch Kokebnesh sieht es als klaren Vorteil, dass sie sich bereits in zwei Sprachen verständigen konnte, als sie in die Schule kam: "Ich denke, dass das Englische mich durchaus beeinflusst hat. Dadurch habe ich kaum Schwierigkeiten, andere Sprachen zu lernen."

Deutsch und Englisch, Deutsch und Spanisch, Spanisch und Französisch - all diese Sprachen sind sich angesichts der globalen Sprachenvielfalt relativ ähnlich. Doch wie steht es mit derartig exotischen Kombinationen wie Spanisch und Chinesisch? Kann ein Kind mit so unterschiedlichen Muttersprachen aufwachsen? "Im Grunde ist es egal, wie verschieden die Muttersprachen bei einer bilingualen Erziehung sind", sagt Müller. "Das menschliche Gehirn besitzt ein Spracherkennungssystem, das eigentlich mit allen Sprachen der Menschheit kompatibel ist. Solange also beide Sprachen gleichermaßen gefördert werden, ist es sogar möglich, Spanisch und Chinesisch als Muttersprachler zu beherrschen." Manche Menschen lernen bereits in ihrer Kindheit vier oder gar fünf Sprachen, womit jedoch bei weitem noch nicht das Limit erreicht ist. "Ab drei Sprachen gibt es allerdings schon erkennbare Unterschiede im Beherrschen der Sprachen", erklärt Jutta Müller. "Doch wie viele Sprachen ein Mensch maximal erlernen kann, lässt sich bisher nur an Extrembeispielen sehen. Es gibt Menschen, die mehr als 25 Sprachen beherrschen. So gesehen gibt es also keine Obergrenze."

Informationen zum Beitrag

Titel
Kokebnesh träumt auf Englisch
Autor
Vincent Peña
Schule
Romain-Rolland-Gymnasium , Dresden
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.04.2012, Nr. 85, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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