Ihre zweite Heimat liegt 2330 Kilometer weit weg

Mmmh! Das riecht ja gut." Nach dem letzten Schultag vor den Ferien kommt Katherina Lechner, eine quirlige 16-Jährige mit langen hellbraunen Haaren, nach Hause und atmet den Duft von Spätzle mit Rouladen ein. Katis Mutter Carmen, eine dunkelhaarige Spanierin, fragt: "Bueno, para mañana: habéis terminado de hacer vuestras maletas?" Sie will wissen, ob Kati und ihre Schwestern schon ihre Koffer gepackt haben, denn am nächsten Morgen werden wir nach Spanien fahren. Obwohl Carmen mit Leib und Seele Spanierin ist, zog sie vor 19 Jahren aus Liebe zu Katis Vater Lothar, dem Klavier- und Geigenlehrer, nach Oettingen. "No, todavia no hemos terminado", antwortet die älteste Schwester Patricia, und im nächsten Moment meint Theresa, die jüngste: "Aber ich bin schon fast fertig." Ohne es bewusst zu kontrollieren, sprechen die Mädchen in dieser Familie zwei Sprachen, mal Deutsch, mal Spanisch. Mit Leichtigkeit wechseln sie von einer in die andere Sprache. Beide Sprachen wurden ihnen in die Wiege gelegt, denn sie sind zweisprachig aufgewachsen.

Aber wie genau funktioniert das, dass man als kleines Kind unterscheiden kann, das ist Spanisch, aber das Deutsch? Gehirnforscher fanden heraus, das es im Gehirn ein eigenes Areal gibt, dass das Gehörte sofort durch die Verschiedenartigkeit der Laute der einen oder der anderen Sprache zuordnet. So können zweisprachig aufwachsende Kinder die Sprachen gleich von Anfang an trennen.

Wenn Kati deutsch redet, hat sie eine ganz andere Mimik und Gestik als beim lebhaften, gestenreichen Spanischreden. Ebenso unterscheiden sich beide Sprachen im Klang, der im Spanischen weicher ist. Ist man zweisprachig, hat man gewissermaßen zwei Gesichter. Je nachdem in welchem Land man gerade ist und welche Sprache man spricht, bedient man sich der deutschen oder der spanischen Ausdrucksweisen und Gewohnheiten, und man verhält sich auch unterschiedlich. Da Kati in Deutschland lebt, beherrscht sie die deutsche Sprache besser als die spanische, eine logische Folge von Angepasstheit an Land, soziales Umfeld und Schule, insbesondere den Deutschunterricht. In der Fachsprache nennt man das auch, eine schwache und eine starke Sprache entwickeln. Die Umgebungssprache wird meist die starke, in diesem Fall Deutsch, die zweite Sprache die schwache, hier Spanisch.

"Estáis listos?" Es ist 7 Uhr morgens, und Familie Lechner ist dabei aufzubrechen: 2330 Kilometer haben sie vor sich, um nach Granada im Süden Spaniens zu kommen. Dort lebt der Großteil der Verwandten. "Es ist nicht leicht, so weit weg von ihnen zu leben und sie nur selten sehen zu können", erzählt Kati, "vor allem für meine Mutter. Wenn beispielsweise die Cousine Geburtstag hat und man gerne mit ihr feiern möchte, hat man ein Problem: Es geht nämlich einfach nicht. Uns das ist oft traurig. Niemand, der nicht auch seine Familie in einem anderen Land hat, kann das verstehen, wie schwer es ist, weit weg von seinem Ursprung, seiner Kultur zu leben." Denn die spanische Kultur sei so ganz anders als die deutsche. Die Uhr ticke dort einfach gemütlicher: Vormittags verläuft der Tag ähnlich, aber aufgrund der Hitze verlässt man das Haus am Nachmittag meist nicht, und die Straßen und Gassen wirken wie leergefegt. In den großen Städten wie Granada ist es mit den klimatisierten Kaufhäusern natürlich nicht ganz so drastisch wie in den Vororten und Dörfern, aber im Großen und Ganzen ist die Siesta nach dem späten Mittagessen den Spaniern heilig. Erst am späten Nachmittag öffnen die Geschäfte wieder. Vor allem aber sei die Mentalität der Spanier anders als die der Deutschen: Sie sind oft einfach offener und lauter. Zur Begrüßung gibt es zwei herzliche Küsschen, und es kommt oft vor, dass, während man zum Beispiel auf den Bus wartet, die nette alte Dame nebenan einem von ihren Enkelkindern erzählt. Selbst wenn einen das nicht großartig interessiert, die Zeit, bis der Bus kommt, vergeht auf jeden Fall schneller. Diese spanische Lebensform vermisst Katis Mutter, und oft überlegt die Familie ihr zuliebe dorthin zu ziehen. Schwierig wäre es aber wiederum, die deutschen Verwandten und Freunde zurückzulassen. "Dieses Hin- und Hergerissensein, will man lieber in Deutschland oder lieber in Spanien leben, ist man nun Deutsche oder Spanierin, kann ganz schön belastend sein", meint Kati. Auch bei der letzten Fußball-WM, als Deutschland gegen Spanien spielte, wusste sie nicht, für wen sie jubeln sollte. Sie entschied sich dafür, einfach das Spiel zu genießen und sich für beide Mannschaften zu freuen, egal welche gewinnen würde. Ihr Leben und das ihrer Schwestern ist nun einmal in zwei Teile geteilt: halb deutsch und halb spanisch.

"Por fin hemos llegado!" Endlich sind sie angekommen. "Aussteigen!" Sofort nachdem sie an der Haustür der Großeltern geklingelt haben, geht sie schwungvoll auf, und sie werden umarmt und gedrückt. "Hola queridos! He hecho una buena comida. Venga entrad, entrad!" Sie genießen das Essen, das die Oma gekocht hat. Dieses Mal ist es Paella.

Informationen zum Beitrag

Titel
Ihre zweite Heimat liegt 2330 Kilometer weit weg
Autor
Patricia Lechner
Schule
Albrecht-Ernst-Gymnasium , Oettingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.04.2012, Nr. 85, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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