Auf Türkisch macht die Ente cikkk cikkk

Jugend schreibt 11.04.2012

Tafele putzen edebilir miyim?" Mit einem Schwamm in der Hand steht die achtjährige Meliha vor der zierlichen Lehrerin mit dem modischen Kurzhaarschnitt. "Wenn die Kinder ein türkisches Wort nicht kennen, rede ich deutsch mit ihnen", sagt Nihal Yazicilar. Die freundliche Türkin unterrichtet mehr als 200 Muttersprachler aus sieben Schulen im Raum Schwäbisch Gmünd in der Sprache und Kultur ihres Heimatlandes. "Wir sind eine Brücke zwischen der Türkei und Deutschland", sagt Yazicilar, die eine von rund vierzig Lehrern für muttersprachlichen Unterricht in Baden-Württemberg ist.

Mit "Günaydin!" wünscht sie den acht Drittklässlern im Lesezimmer der Schillerschule in Heubach, einer Kleinstadt am Fuße der Schwäbischen Alb, einen guten Morgen. "Ich bin selbst hier aufgewachsen, ich kenne die Probleme der Kinder", sagt sie. Mit 15 Jahren habe sie den Entschluss gefasst, in die Türkei zurückzukehren. Vor einem Jahr ist sie mit ihrer Familie wieder nach Deutschland gezogen.

"Frau Yazicilar spricht sehr gut Deutsch, bei unseren muttersprachlichen Türkischlehrern ist das die Ausnahme", sagt Klaus Dengler, Rektor der Schwäbisch Gmünder Rauchbeinschule, einer Grund-, Haupt- und Werkrealschule, die den Zusatzunterricht für die Klassen 1 bis 9 anbietet. Spielerisch sollen die Drittklässler im muttersprachlichen Unterricht an die türkische Kultur und Sprache geführt werden. "Wir wollen nochmal singen", rufen die Kinder als "Ali Baba'nin Çiftligi", die türkische Entsprechung des Kinderlieds "Old McDonald had a farm", zu Ende ist. Emre macht den Clown. Alle schauen zu ihm, wenn er "mö mö" wie eine Kuh blökt oder mit angewinkelten Armen wackelt und "cikkk cikkk" singt. Musab zeigt stolz eine selbstgebastelte Karte. "Das ist Post aus der Türkei", erklärt die Lehrerin, "seit kurzem haben wir eine Brieffreundschaft mit einer Schule aus meiner Heimatstadt Bursa. Zum Opferfest haben sich die Kinder Karten geschrieben." Nun schreiben die acht Kinder nach Bursa. "Sevgili Zülal", "Liebe Zülal", steht auf Aylins Postkarte. Sema schreibt jede Zeile in einer anderen Farbe. "Deutsch kann ich sehr gut, aber Türkisch ist schwierig", sagt das fröhliche Mädchen. Die meisten der Kinder sind in Deutschland geboren. "Ich bin so was von Deutsch!", sagt Emre. Sie sind so in ihrem Element, dass sie die Fünf-Minuten-Pause ignorieren. "Was heißt das gön", fragt Tuana und zeigt in die linke Ecke des Briefumschlags. "Das steht für gönderen, Absender", erklärt ihr die Lehrerin. Nihal Yazicilar macht auf fehlende und auf überflüssige i-Punkte, die den Laut verfälschen, aufmerksam. "Türkisch ist eigentlich wie eine Lautschrift, mit den Regeln kann man jedes Wort aussprechen. Mein Sohn hat am Anfang gar nicht verstanden, dass es, wenn man deutsch redet, egal ist, ob ein c vor dem k steht oder nicht."

Auf freiwilliger Basis besuchen die Schüler einmal in der Woche für zwei Stunden den Zusatzunterricht. "Ein Mensch muss wissen, woher er stammt", sagt die Lehrerin. Sowohl im Deutschen als auch im Türkischen hätten viele der Kinder einen relativ kleinen Wortschatz. "Die Türken dürfen nicht in Ghettos leben", sagt Safiyet Brucks, "wenn die Durchmischung größer ist, merkt man das der Sprache sofort an." Als Kind türkischer Einwanderer ist die Lehrerin mit den langen, dunklen Haaren in Schwäbisch Gmünd aufgewachsen. Im Rahmen eines Pilotprojekts unterrichtet sie an ihrer Schule auch islamische Religion. "Viele definieren sich stark über ihren Glauben, aber vom Türkentum oder den nationalen Feiertagen haben sie keine Ahnung." Vor dem Religionsunterricht habe ein albanischer Junge vor kurzem "Zack, zack ihr Christen, raus hier!" im Klassenzimmer gerufen. "Dann habe ich erst einmal den Koran aufgeschlagen und ihm eine Stelle gezeigt, die klarmacht, dass es auf den Respekt ankommt."

Safiyet Brucks spricht Missstände offen an: "Man kann schon sagen, dass die Rauchbeinschule eine Brennpunktschule ist, es sind viel zu wenig deutsche Kinder hier." Die starke Frau hat ihren eigenen Weg gemacht. Als Jugendliche habe sie sich oft als Mensch zweiter Klasse behandelt gefühlt. "Am Anfang gab es auch in der Familie meines Mannes Vorurteile", sagt die mit einem Deutschen verheiratete Frau. Unter die Rubrik "Was ich nicht mag" habe eine Klassenkameradin ins Freundebuch ihrer Tochter Leila geschrieben: "Pickel und die Türken."

Safiyet Brucks sagt: "Geh in die Schule, dann wird was aus dir!", sei die Haltung vieler türkischer Eltern, die den Schulerfolg einzig und allein der Schule aufbürden. "Ich versuche ihnen klarzumachen, dass man vorlesen und sich aktiv mit dem Kind auseinandersetzen muss." Für entmutigte Deutsch-Türken ist sie das beste Vorbild: "Wenn Schüler zu mir kommen und sagen, wir sind Türken, wir schaffen das nicht, erzähle ich ihnen, dass ich damals als Schülerin ein kleines Duckmäuschen war."

Informationen zum Beitrag

Titel
Auf Türkisch macht die Ente cikkk cikkk
Autor
Sarah Barth
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.04.2012, Nr. 85, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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