Was weg ist, ist weg

Die Käufer freuen sich über unerwartete Schnäppchen. Ein Flohmarktbummel. Schon seit vielen Jahren hat sie ihren Stammplatz auf dem Gelände des Gießener Trödelmarkts und begrüßt jeden Samstag um sechs Uhr die ersten Schnäppchenjäger. Dass ihr das Treiben auf dem Flohmarkt unheimlich viel Spaß macht, kann man an ihrem strahlenden Gesicht erkennen. Irene Wirth sagt, dass der Flohmarkt eine gesunde Abwechslung für sie ist, und bezeichnet es als ihr persönliches Hobby. "Flohmarkt steht für mich an erster Stelle", erzählt sie stolz, "gleich nach meinen Pflanzen und meinem Garten." Diese anderen Hobbys vereint sie jedoch mit ihrem wochenendlichem Treiben auf dem Trödelmarkt, denn auf ihrem Verkaufstisch erkennt man die verschiedensten Pflanzen und querbeet allen möglichen Krimskrams, alte Küchenutensilien, Dekorationsartikel oder auch überholte Kleidungsstücke, die sie zum Verkauf anbietet. Doch dabei geht es ihr nicht ums Geld. "Ich bin froh, wenn ich an einem Tag 20 bis 30 Euro verdiene, denn auch die Standgebühr von 18 Euro muss ich zahlen", erläutert die sympathische Rentnerin mit den grauen Haaren und verweist verständnislos auf andere Ständebetreiber, die von der zehnfachen Gewinnsumme sprechen. Für Irene Wirth ist der Spaß das Wichtigste, und so entwickeln sich durchaus Freundschaften unter den Ständebetreibern, denn so ein Flohmarkt ist alles andere als ein Konkurrenzkampf. "Auch die Begegnungen mit so vielen netten Leuten bereichern mich", sagt Irene Wirth. "Nicht selten erzählen mir Kunden, wie es ihren Pflanzen geht, die sie vor längerer Zeit bei mir gekauft haben." Nickend stimmt die neben ihr stehende Doris Schnabel zu. Doris ist eine gute Freundin und kommt sie fast jeden Samstag auf dem Flohmarkt besuchen, denn so haben sie sich kennengelernt. Beide sind leidenschaftliche Flohmarktgängerinnen, wobei die eine verkauft und die andere kauft. Doch auch Irene hat das Kaufen noch nicht ganz aufgegeben. "Vor allem für Geburtstage findet man die schönsten Sachen. Gerne kaufe ich altes Geschirr, Kaffeekannen oder Zuckerdosen aus den zwanziger oder dreißiger Jahren, aber auch Kristallgegenstände, Vasen oder Schüsseln gefallen mir gut, und das schenke ich dann gerne weiter", erklärt die verwitwete Frau stolz und macht deutlich, dass sie schon seit Jahren nicht mehr in ein normales Geschäft geht. Auch bei Manfred Wolf nimmt der Flohmarkt einen sehr großen Teil seiner Freizeit in Anspruch. Schon seit zehn Jahren steht der hauptberufliche Maler und Lackierer aus Aßlar immer an der gleichen Stelle. Sein Stand ist der mit den vielen bunten Farben direkt vor dem Autoparkplatz. Er verkauft alles, was das Frauenherz begehrt, hauptsächlich Kleidung, aber auch Taschen, Schmuck und manchmal Schuhe. Genau wie Irene steht er schon seit vier Uhr auf dem Platz, und das fast jeden Samstag. Doch auch sonntags kommt er nicht zum Ausschlafen. "Sonntags läuft das Geschäft sogar noch besser", erklärt er selbstsicher. Und so findet man ihn auch dann ganz sicher auf irgendeinem Flohmarkt im Kreis Gießen. Seine Stammkunden kennen ihn gut und schätzen seine Ware. "Ich kaufe meine ganze Kleidung hier", erzählt Elke Staudt aus Heuchelheim, selbst Verkäuferin von Beruf, fröhlich. "Ich bin so zufrieden mit dem Stand, dass ich gar nicht mehr ins Geschäft zu gehen brauche, denn sogar Markenware bekomme ich hier", fügt sie hinzu, während Manfred gerade schwer beschäftigt scheint. "Zwei Teile für 50 Cent", heißt es bei einer Kundin, die gerne mit sich handeln lässt. So billig kann Herr Wolf, der Mann mit Brille, Augenbrauenpiercing und Kurzhaarschnitt, die Ware nur machen, weil sie direkt vom Großhändler kommt, deswegen ist auch fast alles Neuware an seinem Stand. Doch lohnt sich das Geschäft samstags nicht mehr so sehr, denn viele Leute müssen heutzutage auch samstags arbeiten, und die, die dann noch kommen, wollen immer weniger bezahlen, sagt er etwas betrübt. Meist sei er nur noch wegen der Stammkunden samstags unterwegs. Sonntags verdient er mehr und nimmt sogar seine Frau mit, die ihm dann aushelfen muss. Lediglich ihr Sohn bleibt zu Hause, dieser hat auf so etwas wie Flohmarkt keine Lust. Das ist bei Familie Kuhl aus Bellnhausen ganz anders, die ist heute zu einem Tagesausflug auf den Gießener Flohmarkt gefahren, nicht zum Bummeln, sondern um selbst geschäftstüchtig zu werden, was sowieso viel mehr Spaß mache. "Hierhergekommen sind wir, weil wir zu Hause endlich mal aufgeräumt haben", erläutert Gerhard Kuhl, Großhandelskaufmann und Vater von drei Kindern. "Zu schade wäre es gewesen, die Sachen einfach wegzuwerfen", fügt der 1,80 Meter große Mann mit den braunen Haaren an und wendet sich wieder dem Verkaufen zu. Das Geschäft läuft gut, doch ist es vor allem der Spaß, der ihn sagen lässt, dass er auf jeden Fall wieder auf einen Flohmarkt gehen würde. Auch Tochter Katharina, die das erste Mal auf dem Flohmarkt hinter dem Verkaufstisch steht, stimmt ihm zu. Sie und ihre Schwester Maja sind froh, dass der Papa heute Zeit hatte, um auf den Flohmarkt zu fahren, auch wenn sie ebenfalls schon um vier Uhr aufgestanden sind. Nur die Mama musste als Biologielaborantin auch an diesem Samstag arbeiten und konnte daher nicht mit. Doch war im Auto sowieso kein Platz mehr, erklärt Herr Kuhl. Sogar die zwölfjährige Schwester musste zu Hause bleiben, hatte aber ohnehin keine Lust. Gegen Ende des Flohmarktausflugs spricht der Papa aber von einem "ganz positiven Ergebnis", und getreu dem Flohmarktmotto "Was weg ist, ist weg" kommt die Familie wohl mit leeren Taschen, aber mit 95 Euro im Geldbeutel nach Hause.

Informationen zum Beitrag

Titel
Was weg ist, ist weg
Autor
Michelle Platt. Landgraf-Ludwigs-Gymnasium, Gießen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.07.2010, Nr. 160 / Seite N6
Projekt
Jugend schreibt

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