Seine schwarzen Freunde mussten draußen bleiben

Als der achtjährige Abraham mit seinen Freunden nach dem Spielen ins Haus möchte, um etwas zu trinken, lässt man ihn nicht rein. Seine Mutter erklärt, dass das die Nachbarn unglücklich mache. Abraham Olivier, der seine Kindheit auf einem Bauernhof in der Nähe von Upington in Südafrika verbrachte, wuchs mit der Apartheid auf. Die Schwarzen waren die Bediensteten, die in Hütten abseits lebten, und die Weißen ihre Herren. "Doch die schwarzen Kinder waren natürlich meine Freunde, da die weißen zu weit weg waren", erzählt der eher kleine, sportliche Mann mit den klugen, freundlichen Augen, die durch eine Nickelbrille schauen. "Ich besuchte sie auch gerne in ihren Hütten, die ich als abenteuerlich empfand." Heute lebt der 47-Jährige mit seiner Familie in der Nähe von East London an der Ostküste Südafrikas. Er ist Professor an der dortigen Universität und leitet die philosophische Abteilung.

Doch bis vor drei Jahren lebte er in Deutschland. Als 24-Jähriger wanderte er nach Europa aus. Denn sonst hätte er drei Jahre lang zum Militär gemusst oder sechs Jahre lang Gemeinschaftsdienst leisten müssen. Wollte man das nicht, standen einem sechs Jahre Gefängnis bevor. Als Olivier beschloss, das Land zu verlassen, hatte er sein Philosophie- und Theologiestudium in Stellenbosch nahe Kapstadt fast beendet. Die Kirche hatte ihn da offiziell "aus Glaubensgründen" ausgeschlossen. In Wirklichkeit waren die Beweggründe der Kirche wahrscheinlich eher politisch: Der Student war nicht einverstanden mit der Benachteiligung der schwarzen Bevölkerung und leistete Widerstand. 1988 hatte er mit anderen Studenten gegen die Ungleichheit demonstriert und Aktionen organisiert wie zum Beispiel Führungen für Studenten durch Townships.

Nach Verwarnungen, unter anderem von der Kirche, kam es nach einer Demonstration in Soweto zu einer kurzfristigen Verhaftung. "Ins Ausland gehen zu müssen war für mich nicht schlimm, da das ohnehin mein Wunsch war." Seine Eltern, mit denen er viele Auseinandersetzungen aufgrund seiner Haltung gegen die Apartheid gehabt hatte, waren einerseits besorgt, aber auch erleichtert. Am 1. Januar 1990 landet das Flugzeug auf dem europäischen Kontinent: Raus aus der Hitze des südafrikanischen Sommers und hinein in den deutschen Winter. Seine erste Woche verbrachte Olivier in Tübingen, wo er später auch seine Frau Isabel, eine Kinderärztin, kennenlernt. "Ich war fasziniert von der eisigen Kälte, von dem Schnee, von dem Geruch der Bäckereien, der anderen Sprache, von den Fachwerkhäusern. Es war alles anders." Dann ging Olivier nach Bochum, wo er eine Sprachschule besuchte. Nebenher beendete er sein Philosophiestudium.

Nach zweieinhalb Jahren sprach er zum ersten Mal wieder mit seinen Eltern. Sowohl Englisch als auch Afrikaans konnte er nur noch gebrochen. "Ich hatte den Zugang zu meiner alten Kultur verloren." Als er nach sieben Jahren erstmals wieder nach Südafrika ging, schockte er alle mit seinem Akzent. Auch in Deutschland nahm Olivier an Demonstrationen gegen das Apartheidregime teil. In Dortmund gab es eine Demonstration der Antiapartheidbewegung gegen die weißen Bauern in Südafrika. Dort bemerkte Olivier, mit welcher Leichtfertigkeit und Gleichgültigkeit sich einige der jungen, alternativen Deutschen der Demonstration anschlossen. Es herrschte "schon fast eine fröhliche Stimmung". 1999 verbrachte er erstmals wieder längere Zeit in Südafrika, wo er drei Jahre lang gemeinsam mit seiner Frau Isabel und ihrem ersten Sohn Ian lebte und an einem Forschungsprojekt arbeitete. "Ich fühlte mich zunehmend zerrissen." Einerseits fiel ihm auf, wie hektisch und nervös die Menschen in Deutschland sind, im Gegensatz zu den eher entspannten Südafrikanern. Aber er sehnte sich nach seiner Tochter aus einer früheren Beziehung, die in Deutschland lebt. Schließlich bekam er nach drei Jahren ein Stellenangebot in Italien und kehrte nach Europa zurück.

Vor vier Jahren wechselte er dann nach Südafrika, wo er an der Universität Fort Hare in Alice, einem Ort in der Provinz Ostkap, die philosophische Abteilung neu aufbauen sollte. Der Familie fiel die Entscheidung, nach Südafrika zu gehen, zunächst schwer. Die Uni, an der auch Nelson Mandela studiert hatte, wird ausschließlich von schwarzen Studenten besucht. Teils war die Arbeit frustrierend. Bei den meisten Studenten sei es aufgrund einer schlechten Schulbildung zu spät, ihnen zu helfen, sagt Olivier. "Das klingt schrecklich, aber sie sind sozusagen eine verpasste Generation. Nur mit sehr viel Geduld und Zeit kann man ein paar von ihnen helfen."

Seit einer Weile lebt er mit seiner Familie auf einem Hof nahe der Küstenstadt East London. Seine Frau arbeitet im Krankenhaus, er an der Universität East Londons. Hier kommen die Studenten aus Townships, aus armen Familien ohne Bücher im Haus. Doch sie seien hoch motiviert und höflich, wenn auch oft nicht so konzentriert wie die Studenten in Deutschland. "Man muss sie manchmal stillhalten wie Schulkinder." Abraham Olivier ist überzeugt, dass es am sinnvollsten sei, klein anzufangen, wenn man etwas verändern möchte: "Das klingt jetzt etwas größenwahnsinnig, aber je kleiner man anfängt, desto eher hat man die Chance, dass es andere ansteckt."

Informationen zum Beitrag

Titel
Seine schwarzen Freunde mussten draußen bleiben
Autor
Luca Büchtemann
Schule
Kepler-Gymnasium , Tübingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.04.2012, Nr. 91, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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