Amerikanische Studenten sind besser als Klischees über sie

Die typischen Klischees, die viele Ausländer über Amerikaner haben, stimmen so nicht", sagt Benno Keppner aus Karlsruhe. Er hat zehn Monate in der Stadt Eugene an der Westküste Amerikas an der University of Oregon studiert. Er ist 24 Jahre alt, 1,90 Meter groß, hat braune Haare, trägt lässige, gepflegte Kleidung und kommt aus Karlsruhe. Vor allem auf amerikanische Studenten treffen seiner Meinung nach die typischen Vorurteile gegenüber Amerikanern nicht zu.

Der klischeehafte Amerikaner sei fett, habe nahezu keinerlei Umweltbewusstsein, sei zelebrierender Patriot. Anders die Studenten. "Die Sporthalle mit Basketballplätzen und Fitnessstudio darf jeder Student dieser Universität kostenlos nutzen", erklärt Bennos Freundin Melissa Laufer, die eine doppelte Staatsbürgerschaft für Deutschland und die Vereinigten Staaten hat und ebenfalls in Eugene studiert. Sie ist in Oregon geboren, ihre Figur ist eher zierlich.

"Die Straßen sind voll von Joggern", sagt Benno Keppner. Kaum eine Spur von Fettleibigkeit sei sichtbar, denn Sport spiele eine bedeutende Rolle: Viele Studenten tragen Pullover mit dem Namen des universitätseigenen Footballteams. Sport sei Teil ihrer Identität. Er ist Aushängeschild einer Universität und bestimmt zu einem großen Teil deren Popularität. Diese ist für die Universitäten von großer Bedeutung, weil die Studenten wählerisch seien. "Kein Wunder", sagt Keppner. "Das Studium kostet auch locker mal 20 000 Dollar pro Studienjahr." Da er an einem Austauschprogramm teilgenommen hat, musste er nur die deutschen Studiengebühren für sein Studium mit dem Hauptfach Politikwissenschaften zahlen.

"Es gibt das Klischee, dass Amerikaner mit dem Umweltschutz nichts am Hut haben", erklärt Keppner. Im Gegensatz dazu steht aber, dass sich zum Beispiel seine Universität dem Umweltschutz verschreibt: Der Schwerpunkt des Studienfachs Jura liegt auf dem Umweltrecht. Des Weiteren produzierten die Räder im Fitnessstudio Strom und speisten diesen in das Stromnetz ein. Natürlich gebe es in Amerika viele Fast-Food-Ketten, aber es gebe auch viele Farmer Markets, auf ihnen vertreiben lokale Bauern ihre Ökoprodukte. "Wie in Deutschland trennen viele auch hier ihren Müll, und es gibt auch Studenten, die sich grün verhalten wollen", erklärt Melissa Laufer.

Und der Patriotismus? Wer kennt das Bild nicht, ein Sportevent: Eine Sängerin versucht sich an der Nationalhymne und darüber fliegen Kampfflugzeuge, die die amerikanische Flagge in den Himmel zeichnen. Dieser Patriotismus sei an der Universität zwar auch zu spüren, aber lange nicht so stark. Einerseits gebe es viele Studenten, die für die amerikanischen Ideale einstünden und behaupteten, dass in Amerika etwas ganz Spezielles entstanden sei, das es in keinem anderen Land gebe. Die Symbolik sei auch viel präsenter: "Der Konservative und auch der Liberale hängen hier ihre Flagge auf."

Viele wollten sogar die Immigration nach Amerika verhindern. Andererseits passe das aber nicht zu dem Gründungsmythos Amerikas, nach dem Menschen aus vielen Ländern zusammengekommen sind, zusammengelebt haben und angefangen haben, Neues zu schaffen. Wenn man einen Deutschen fragte, wo er herkomme, würde er seinen Wohnort, das Bundesland oder eben Deutschland nennen. "Viele Amerikaner, die ich hier nach ihrer Herkunft gefragt habe, erklären ihre Herkunft anders: dass sie zum Beispiel zu einem Viertel Italiener, zu einem Viertel Deutscher und zu zwei Vierteln amerikanischer Ureinwohner sind", sagt Keppner.

Auch die Universität ist eine multikulturelle Einrichtung und zelebriert das. Des Weiteren seien die Überzeugungen der Amerikaner sehr verschieden. Es gibt Antikapitalisten, Linke, Kommunisten, Sozialisten, was dafür spricht, dass nicht jeder Student den "American Dream" anstrebt.

Fast alle Studenten, mit denen Keppner gesprochen hat, waren gegen den Krieg im Irak und ziemlich allgemein nicht stolz auf das, was man im Ausland mache. Somit war auch das Interesse groß, als Noam Chomsky, ein Dissident, der gegen den Vietnam-Krieg war und die amerikanische Politik oft kritisiert, einen Vortrag an der Universität in Eugene hielt. 4000 Menschen wollten sich das nicht entgehen lassen. Zwei Säle waren voll, in den anderen wurde der Vortrag mit Videoübertragung gezeigt. "Es gab so großen Andrang, dass eine Schlange von einem Kilometer entstanden ist und das Gebiet bald von der Polizei gesperrt werden musste", erklärt der Baden-Württemberger.

Informationen zum Beitrag

Titel
Amerikanische Studenten sind besser als Klischees über sie
Autor
Lars Pusewey
Schule
Albrecht-Ernst-Gymnasium , Oettingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.04.2012, Nr. 91, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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