Partner mit der weichen Schnauze

Hund

Sennenhund Nepomuk tut aggressiven Kindern gut. Der Therapeut auf vier Pfoten hat seine Ausbildung in Freiburg absolviert und hilft nun bei sozialen Problemen.

Am Himmel über der Haierschule in Göppingen-Faurndau ziehen dunkle Gewitterwolken auf. Die Luft schmeckt nach Regen. Monika Pandikow, Diplom-Sozialpädagogin und Leiterin der SOS-Kinder- und Jugendhilfen Göppingen, und ihr fünfjähriger Berner Sennenhund Nepomuk lassen sich davon nicht die Vorfreude verderben.

Es geht über eine Wiese hinter der Grund- und Werkrealschule, an Bäumen und Sträuchern vorbei. Pandikow lässt ihren Schützling von der langen Leine und noch ein wenig durchs Gras springen, bevor ihre Arbeitskollegin Ruth Sievert mit den Kindern der wöchentlichen sozialen Gruppenarbeit (SGA) eintrifft. Zweimal in der Woche kommen die Kinder zusammen, die als verhaltensauffällig, störend oder aggressiv auffallen. In den drei Stunden sollen sie vor allem soziales Miteinander erlernen. Anfangs seien die Kinder oft verzweifelt, da sie nur wüssten, was sie nicht machen dürfen. Über die Aufmerksamkeit und Zuwendung freuen sie sich daher umso mehr.

Aufgrund seiner Größe haben manche Kinder zu Beginn etwas Angst vor Nepomuk. Dabei ist der ruhige Vierbeiner mit strubblig schwarzem Fell und weißem Flaum an der Brust ein rücksichtsvolles Tier. "Wegen seiner ruhigen Art ist Nepomuk besonders gut für aggressive und hyperaktive Kinder sowie Kinder mit ADHS", erklärt Pandikow.

Draußen im Wald und am Bach, dem Ziel des Ausflugs, haben sowohl Nepomuk als auch die Kinder erst mal genügend Freiraum und können ungezwungenen Kontakt zueinander aufnehmen. Natürlich wird die Kontaktaufnahme von den Sozialpädagoginnen begleitet. Sie sorgen für notwendige Rückzugsmöglichkeiten, kommentieren das Verhalten der Kinder und des Hundes und sprechen über aufkommende Ängste. Das ist wichtig, da die Kinder oftmals lernen müssen, ihre eigenen Grenzen wie auch die ihres Gegenübers zu erkennen und achtsam mit diesen umzugehen. Hunde brauchen klare Regeln. Im Spiel mit ihnen können die Kinder üben, deutlich zu formulieren, was der Hund als Nächstes tun soll. An Übungen wie Pfote geben, Sitz und Platz können sie dies spielerisch erproben. Hunde vermitteln den Kindern das Gefühl, ernst genommen zu werden.

"In der Zusammenarbeit mit dem Hund erhalten die Kinder eine unmittelbare Resonanz auf ihr Verhalten. Sie erfahren, dass sie mit ihren Verhaltensweisen die Reaktionen ihres Gegenübers beeinflussen können", erklärt Monika Pandikow, während der kleine Jill (Namen der Kinder geändert) große Äste aus dem Bach fischt und Nepomuk vor die Pfoten legt. Dann hebt der Junge den Ast auf und wirft ihn in einem hohen Bogen durch die Luft. Nepomuk springt sofort hinterher.

In Gesprächen reflektieren die Sozialpädagoginnen anschließend mit den Kindern die jeweiligen Situationen. "Gemeinsam überlegen wir, mit welchen Verhaltensweisen sie den Hund erfolgreich genau zu dem motivieren konnten, was sie sich von ihm gewünscht haben", erklärt Ruth Sievert. Die Kinder müssen die Bedürfnisse des Hundes akzeptieren und ihn bitten statt befehlen, loben statt schimpfen. Hunde reagieren viel schneller als Menschen. Sie spüren Unruhe, Angst und Trauer, hören zu, ohne einen besserwisserisch zu belehren.

Was wissenschaftlich erwiesen ist, zeigt sich bei einem Spaziergang. "Tiere, besonders Hunde, sind Stressfresser", sagt Pandikow. "Allein das Streicheln eines Hundes kann Stresshormone im Körper abbauen." Die junge Anna, die sonst schnell zu quengeln anfängt, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, gibt sich in Nepomuks Umgebung fast schon gelassen. Anstatt sofort zum Gruppenraum zurückzurennen, schmiegt sie sich an den Hund, der es sich im Schatten der Bäume bequem gemacht hat. Das kleine Mädchen hat die Augen geschlossen, ihre Hände tief im Fell vergraben. "Da werden sie ganz warm", bemerkt sie und lacht kurz auf. "Bei den Hunden können die Kinder emotionale Energie auftanken, was sie sich bei anderen Menschen oft nicht trauen einzufordern", sagt Pandikow. Dass der Einsatz von Hunden als pädagogische Intervention jedoch nur einen Teil der Zusammenarbeit mit den Kindern der SGA ausmacht, ist wichtig. Pandikow: "Wir setzen die Hunde punktuell ein." Für die Kinder ist es deswegen jedes Mal etwas ganz Besonderes, wenn sie von Nepomuk oder ihrer Australian-Shepherd-Hündin Ajala begleitet werden.

An anderen Tagen gehen sie alle gemeinsam auf einen großen Hundeübungsplatz. Dort lernen die Kinder spielerisch, dem Hund neue Übungen beizubringen. Eine Gruppe von Kindern schaffte es sogar einmal, eine scheue Hündin dazu zu bewegen, durch eine lange Röhre zu kriechen. Bei solchen Übungen müssen sich die Kinder einig sein in dem, was sie tun.

Der Schützling von Eyke Baum, Diplom-Sozialpädagogin in der Bereichsleitung Hilfen zur Erziehung, ist noch zu jung und unerfahren, um mit Kindern eingesetzt werden zu können. Mit seinen sechs Monaten ist er noch tollpatschig. In nächster Zeit macht die rothaarige Frau mit ihm eine Therapiehundeausbildung in Freiburg. Hier lernen die Hundebesitzer in ausgedehnten Vor- oder Nachmittagseinheiten in der Theorie alles über tiergestützte Therapie, unterschiedliche Bereiche der Pädagogik sowie Recht, Hygiene und Ethik. Anschließend wird das Gelernte in die Praxis umgesetzt. Die Ausbildung ist aufgeteilt in zwei Einheiten, die über das Jahr verteilt auf einem kleinen Gelände versteckt hinter Möbelhäusern stattfinden. Die rund 840 Euro für eine solche Ausbildung müssen die Hundebesitzer selbst zahlen. "Für welche Aktivität innerhalb einer Therapie man seine Vierbeiner einsetzt, hängt meist mit der Rasse, dem Alter und dem Wesen des Hundes zusammen", sagt Bettina Mutschler, zertifizierte Natural-Dogmanship-Instruktorin vom Freiburger Institut für tiergestützte Therapie. Nach einer Ausbildung zum Therapiebegleithund können die Vierbeiner in unterschiedlichen Bereichen der pädagogischen Therapie eingesetzt werden: im Altersheim, an Schulen oder in sozialen Einrichtungen. Gerade bei Schulhunden werden die positiven Erfahrungen deutlich. Laute, aggressive Schüler werden ruhiger, schüchterne Kinder beteiligen sich mehr. Sie lernen Verantwortung zu übernehmen, indem sie sich um frisches Wasser für den Hund kümmern oder mit ihm an die Luft gehen. Ansonsten liegt der Hund einfach in einer Ecke des Raums auf seiner Decke. Allein seine Anwesenheit beruhigt. Bei Arbeiten kommt es immer wieder vor, dass der Hund einem Kind, das Stress ausstrahlt, seine Schnauze auf den Schoß legt.

Mit Pablo, einem Weller, der unter dem Stuhl seiner Besitzerin schläft, ist Eyke Baum auf dem besten Weg. Bei dem jungen Finn sieht es da anders aus. Der acht Monate alte Australian Shepherd zeigt das typische Verhalten seiner stolzen Rasse. Kommen fremde Menschen in die Nähe, kläfft er, testet seine Dominanz, will das Revier markieren. Ein typisches Verhalten in seiner Entwicklungsphase. Er will seine Herde beschützen. "Wir haben also noch viel Arbeit vor uns", sagt Ruth Sievert.

Dann erzählen die drei Frauen von ihren Erfahrungen im Einsatz mit Hunden. Immer wieder komme es vor, dass auch Kinder mit Hundephobien teilnehmen. "Unter den harten Jungs, die nach Körperverletzungen oder Diebstahl an einem Kriminalpräventionsprojekt teilnahmen, kann man das natürlich nicht zugeben", sagt Eyke Baum und lacht. Als der Hund dann auf den entsprechenden Jungen zugegangen sei, sei dieser laut schreiend geflüchtet. Keiner der anderen Teilnehmer habe gelacht. Im Gegenteil. "Die anderen nahmen seine Angst ernst", sagt Pandikow. Gemeinsam halfen sie ihm, sich an die Nähe des Hundes zu gewöhnen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Partner mit der weichen Schnauze
Autor
Maren Göttke
Schule
Parler-Gymnasium , Schwäbisch Gmünd
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.04.2012, Nr. 97, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180