Beliebter Heimarbeitsplatz

Hund

Weintrauben mag Kira besonders gern, aber kernlos müssen sie sein. Behutsam nimmt sie Traube für Traube aus der Hand der alten Dame entgegen, bevor sie sie schmatzend zerkaut. Kira ist eine Malteser Mischlingshündin, die gemeinsam mit ihrem Besitzer Winfried Börner einmal in der Woche einem Altenpflegeheim einen Besuch abstattet. Der pensionierte Versicherungskaufmann ist im Vorstand des gemeinnützigen Vereins Therapiehunde Berlin e.V.

Der Verein setzt sich ehrenamtlich für den tiergestützten Einsatz von Hunden in sozialen Einrichtungen ein. Sein Ziel ist, alten und pflegebedürftigen Menschen den Alltag zu bereichern und zu einer besseren Lebensqualität der Patienten beizutragen. "Unsere Hunde können natürlich keinen menschlichen Therapeuten ersetzen. Aber sie können durch ihre besonderen Charaktereigenschaften Betreuungsmaßnahmen sinnvoll ergänzen", erklärt Börner.

Die etwa 60 Mitglieder besuchen vor allem Pflegeheime für Demenzkranke, aber auch Wachkoma- und Beatmungspatienten sowie Heime für geistig und körperlich Behinderte. "Es ist immer eine Freude, wenn man das Strahlen in den Augen der Patienten sieht", erzählt Börner, dessen Schwerpunkt auf der Arbeit mit geistig und körperlich behinderten Menschen liegt. Im Mittelpunkt dabei steht Kira, die sich behaglich streicheln und kraulen lässt und auch gern mal ein Leckerli entgegennimmt wie die Weintrauben, die die alte Dame jeden Mittwoch pünktlich um elf Uhr vormittags für sie bereithält.

Die Beziehung zwischen dem Therapiehund und den Heimbewohnern geht aber über die wöchentliche Therapiestunde hinaus. Sie denken immerzu an "ihren Hund", vermissen ihn, wenn er mal im Urlaub ist, und fragen häufig nach ihm. Wenn er dann da ist, können sie ihren Alltag für kurze Zeit vergessen und mit ihrem Hund kuscheln, lachen, spielen, ihn streicheln und ihm etwas erzählen. "Viele der Demenzpatienten hatten früher selbst mit Tieren zu tun oder besaßen eigene Haustiere. Wenn sie mit einem Hund zusammen sind, erinnern sie sich plötzlich daran", berichtet Börner.

Die Hunde werden in dem Verein nicht zu Therapiehunden ausgebildet. Es werden aber Verhaltenstests durchgeführt, bei denen geprüft wird, ob der Hund für diese Arbeit geeignet ist. Der Hund darf nicht anspringen und kein Pfötchen geben, er darf bei plötzlichen Geräuschen nicht schreckhaft reagieren, muss Leckerchen vorsichtig abnehmen und von sich aus auf Menschen zugehen.

Der erste Test wird meist von Börner selbst durchgeführt. "Die meisten Hunde, die für uns geeignet sind, gucken mich groß an, setzen sich hin und machen gar nichts", erklärt er. Besteht der Hund diesen Test, organisiert der Verein die tierärztliche Untersuchung. Nun darf der Hund zur Probe in eine Einrichtung. Er muss gehorsam, darf nicht aggressiv sein, und er muss Spaß an der Arbeit mit Menschen haben. Für den Hund ist es eine schöne Aufgabe, steht er doch für eine Stunde im Mittelpunkt und bekommt viele Streicheleinheiten und Leckerli. Die Therapiehunde gehen alle gern "zur Arbeit" in ihr Heim.

Es gibt auch Hunde, bei denen nachträglich festgestellt wird, dass sie nicht geeignet sind, denn der Verhaltenstest ist nur eine Momentaufnahme. "Wir hatten einmal einen Hund, der hatte den Test bestanden. Die Halterin hatte ihn auch unter Kontrolle, doch beim Besuch in der Einrichtung hat sich die Nervosität der Halterin so auf den Hund übertragen, dass er nicht mehr auf die Kommandos gehört hat", sagt Börner. Hund und Halter durchlaufen ein Probehalbjahr, bis sie feste Mitglieder werden. "Manchmal kommen die Besitzer der Hunde mit der Situation nicht zurecht, weil sie das Leid, das sie sehen, nicht ertragen können und mit nach Hause nehmen", sagt Börner.

Stolz deutet er auf die vielen Fotos in seinem Büro, die die Therapiehunde mit Patienten zeigen. Es klopft, Jason kommt in das Büro gestürmt, hinter ihm seine Halterin Andrea Nabel, die genauso fröhlich ist wie ihr Hund. Die beiden wollen sich vorstellen. Andrea Nabel ist Krankenschwester und Altenpflegerin. Sie hatte schon immer Hunde, und ihr sieben Jahre alter Jason, ein belgischer Malinois, begleitete sie schon wiederholt zu ihrer Arbeit im Altenheim und hat dort vielen Bewohnern Freude bereitet, so berichtet sie stolz. Aufmerksam verfolgt Jason das Gespräch, als wüsste er, was auf dem Spiel steht. Es sieht ganz so aus, als dürfte sich der Verein demnächst über ein neues Mitglied freuen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Beliebter Heimarbeitsplatz
Autor
Julie Diegel
Schule
Leonardo-da-Vinci-Gymnasium , Berlin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.04.2012, Nr. 97, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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