Auf Mau-Wau gestrandet

Hund

Kann man ohne das Gefühl, geliebt zu werden, leben?", fragt Anna Wallhaus, während sie eine mittelgroße schwarze Mischlingshündin mit traurigen, großen Augen liebevoll streichelt und in ihren Käfig führt. Die ehemalige Gymnasiastin arbeitet seit fünf Jahren als Tierpflegerin in dem Tierheim Mau-Wau-Insel in Kassel und kümmert sich um die in Not geratenen Tiere auf der Hundestation. Die 26-Jährige begutachtet das Fell des Junghundes und krault ihn sanft. Der lange, enge Korridor des zweiten Stockwerkes des Tierheims wird von zwei Dutzend Käfigen auf beiden Seiten begrenzt. Das Grau-Weiß der hohen Wände, ein allgemeines Durcheinander in den Käfigen, die mit Decken ausgelegt sind, und die alten, braun-grauen Gitter schaffen eine trostlose Atmosphäre. Als die 20 Hunde die Anwesenheit ihres Ersatzfrauchens bemerken, beginnt ein Gejaule und Gebelle. Die 1,67 Meter große blonde Frau kniet sich zu Molly hin, deren Rippen sich trotz des wuscheligen Fells stark abzeichnen. Der Hund sei vergangenen Sonntag an einer Tankstelle zurückgelassen worden.

Verwahrlost, unterkühlt und mit nichts als einem Stofftierbären und einem handgeschriebenen Zettel "Molly, geboren im Juni 2009" ausgestattet, wartete sie treu auf ihren egoistischen Besitzer. Drei Tage lang. Obwohl sie durch die gewaltsame Erziehung anfangs sehr ängstlich war, scheint sie ihren liebenswerten Charakter bewahrt zu haben. Die Hündin hat aufgrund ihres kinderlieben Verhaltens und ihres jungen Alters gute Chancen auf ein neues Zuhause.

Häufig kommen Hunde aufgrund von Misshandlungen hierhin. Nachbarn oder Passanten melden Tierquälerei, dann kann der Bund gegen Missbrauch der Tiere eine Ermahnung erteilen. Wird keine Verbesserung in der Tierhaltung erkannt, schreitet die Polizei ein und wendet sich mit einer Strafanzeige an die Staatsanwaltschaft. Die Tiere aus Kassel und Umgebung kommen dann ins Tierheim.

"Leute schaffen sich Tiere an, wenn sie klein und süß sind", sagt Anna Wallhaus. "Werden sie aber größer und bedürfen einer konsequenten Erziehung, kostet der Hund Zeit und Aufmerksamkeit. Wenn nach drei bis vier Monaten keine Knuddellei mehr ausreicht und das Haustier nicht mehr das tut, was man will, so wird das Tier langweilig, vielleicht als schwer erziehbar abgestempelt. Sie verwahrlosen, ohne jegliche Liebe zu erfahren, angekettet an einer Hundehütte." Noch trauriger ist das Schicksal der Tiere, die an Rasthöfen oder im Wald ausgesetzt werden.

Die Tierpflegerin holt frisches Wasser und Futter in die hohen, etwa zehn Quadratmeter großen, weiß gefliesten Käfige. Die liebesbedürftigen Hunde kosten jede Sekunde aus, wenn Anna Wallhaus sie streichelt. Beim Rausgehen schauen sie ihr verzweifelt hinterher. Seitdem sie in ihrer Kindheit bei ihrem Nachbarn ein gequältes Pferd gesehen hat, setzt sie sich gegen die Misshandlung von Tieren ein. "Ich fühle mich dazu berufen, Tieren ein besseres Leben zu schaffen. Ein Tier kann nun mal nicht selbst entscheiden, unter welchen Umständen es lebt." Sie arbeitet täglich acht Stunden in dem Tierheim, das durchschnittlich 300 Tiere, darunter etwa hundert Hunde, beherbergt. Zu ihren Aufgaben gehört auch die Vermittlung, "von der ersten Kontaktaufnahme von Mensch und Tier bis hin zum aufwendigen Papierkram".

Es sei aber eine große Freude und Motivation, einen seiner Schützlinge nach dem Erleiden eines schweren Schicksalsschlags in gute Hände abzugeben. So hat auch Sienna, ein Labrador-Windhundmischling, ein Zuhause gefunden. Die anfangs bissige und ängstliche Langzeitbewohnerin entwickelte langsam Vertrauen zu Artgenossen und zur Pflegerin, so dass sie mit sieben Jahren endlich einen verständnisvollen Besitzer finden konnte. Heute höre sie aufs Wort, die neue Familie könne sich kein Leben ohne ihren treuen Begleiter vorstellen. Nach einem solchen Erfolgserlebnis fühlt sich Anna Wallhaus bestärkt. "So lange ich lebe, will ich alles dafür geben, um Tieren ihr verdientes Leben zu bewahren."

Informationen zum Beitrag

Titel
Auf Mau-Wau gestrandet
Autor
Joanna Wala
Schule
Engelsburg-Gymnasium , Kassel
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.04.2012, Nr. 97, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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