Anfänger brauchen mehr Sauerstoff

Tiefsee 1

Der beste Aufenthaltsort ist das Wasser, erklärt die Britin Rewa ihren beiden Schweizer Tauchschülern an der spanischen Küste. Nach einer halben Stunde ist der Tauchgang an der Costa Blanca beendet.

Braungebrannte Männer und Frauen sitzen um einen kleinen Tisch neben einer blauen Baracke und unterhalten sich ausgelassen auf Spanisch. In einem kleinen Tauchcenter in Moraira an der spanischen Costa Blanca herrscht reger Betrieb. Andere sind dabei, Flossen, Taucherbrillen und Sauerstoffflaschen samt Westen zu kontrollieren und auf eine Karre zu verladen. Zwei Jugendliche zwängen sich mühevoll in enge Ganzkörper-Neoprenanzüge. Eine junge Frau mit blonden Haaren und Sommersprossen blödelt mit einem Mann herum, dann kommt sie mit einem verlegenen Lächeln in die Baracke. "Das ist David", erklärt sie in perfektem Englisch, "unser Bootführer."

Rewa Lennon ist Tauchlehrerin im Buceo La Galera. Seit einem Jahr arbeitet sie da, bei schönem Wetter unternimmt sie bis zu drei Tauchgänge am Tag. "Tauchen ist schön. Es aber als Beruf zu haben ist das Beste, was man sich vorstellen kann", meint sie, und ihre blauen Augen strahlen. Vor acht Jahren hat Rewa in den Sommerferien in Frankreich ihren ersten Tauchkurs gemacht, den Padi Open Water Diver. Sie sei sofort begeistert gewesen, tauchte danach entweder zu Hause in Pagham an der Küste Südenglands, oder reiste in den Ferien mit einer Freundin ans Mittelmeer, um die Unterwasserwelt zu erforschen. Nachdem Rewa ihre Lehre als Malerin abgeschlossen hatte, flog sie für fünf Monate nach Australien. Dort habe sie sich während eines Tauchgangs im Great Barrier Reef vorgenommen, das Tauchen zu ihrem Beruf zu machen. "Die Unterwasserwelt dort mit dem Korallenriff und den Fischen ist schlichtweg einzigartig, einfach amazing." Drei Jahre lang jobbte sie in verschiedenen Tauchschulen und ließ sich zur Lehrerin ausbilden. Jetzt unterrichtet die 25-Jährige im Ferienort Moraira, eine Autostunde nördlich von Alicante.

Die Besitzerin der Tauchschule, eine mollige Spanierin, gibt das Zeichen zum Aufbruch. Mittlerweile stecken alle Teilnehmer des Tauchgangs bis zu den Hüften in einem hautengen Tauchanzug. Ihn bereits vollständig anzuziehen, würde bei diesen Temperaturen schnell zur Überhitzung führen. Die Karre wird am Hafen entlang von den kräftigen Männern gezogen, an einem Motorboot wird verladen. Da alle mit anpacken, geht es schnell. Dann werden die Leinen gelöst und der Motor gestartet. Zwölf Menschen sind auf dem Boot: David, der sich einen Strohhut aufgesetzt hat, sechs Hobbytaucher und ihre zwei Tauchlehrer, die sie nach Vorschrift zu jedem Tauchgang begleiten müssen, und Rewa mit den beiden Jugendlichen, die unter ihrer Anleitung lernen wollen.

Der Horizont ist verschwommen. Das Boot springt geradezu über die hohen Wellen. David fährt an der felsigen Küste in Richtung Norden. Währenddessen beraten sich die Tauchlehrer und beobachten die Wetterlage. Rewa erklärt den Jugendlichen, je mehr Sonne und je weniger Wellen es gebe, desto mehr könne man unter Wasser sehen. Denn die Wellen würden feine Partikel aufwirbeln, und wenn sie zu stark seien, würde man unter Wasser zudem richtig herumgeschaukelt. Auch auf dem Boot könne es ziemlich ungemütlich werden, erzählt Rewa munter weiter, schon mancher sei seekrank geworden. Der beste Ort, wo man sich dann aufhalten könne, sei im Wasser. Nach einer Viertelstunde lenkt David das Boot vorsichtig in die Nähe des Ufers, dann lässt einer der Taucher den Anker herunter. Das Wasser glitzert türkis, man kann bis an den Grund sehen. Die erfahrenen sechs Taucher kontrollieren noch einmal ihre Flaschen, zwängen ihren Oberkörper in die Neoprenanzüge und lassen sich den Reißverschluss am Rücken zuziehen. Die Flossen werden angezogen und die Taucherbrille mit Spucke und anschließend mit Meerwasser gereinigt, um das Anlaufen der Gläser zu verhindern. Die Westen, woran die Sauerstoffflaschen befestigt sind, werden umständlich angezogen und ein wenig mit Sauerstoff gefüllt, die Taucherbrille wird montiert und der Lungenautomat in den Mund genommen. Dann lassen sie sich der Reihe nach, wie man es aus Filmen kennt, rückwärts ins Wasser fallen.

Unterdessen erklärt Rewa den Jugendlichen die weiteren Schritte. "Es ist erst ihr zweiter Tauchgang, sie sind dementsprechend nervös", sagt sie mit einem Lächeln. Immer wieder kämen Touristen, die in ihren Ferien tauchen lernen wollen. Immerhin halten sich in Moraira im Sommer mehr als doppelt so viele Feriengäste wie Einheimische auf. Die Jugendlichen aus der Schweiz haben sich für den Kurs auf Englisch entschieden, obwohl Rewa fließend Deutsch spricht. "Es ist sicher eine gute Lösung für die beiden. Hat man erst mal die englischen Sachausdrücke für die Ausrüstung und bestimmte Aktionen wie zum Beispiel emergency ascend gelernt, hat man es auch an anderen Tauchschulen leichter." Als auch Rewa im Wasser ist, winkt sie David zu, gibt ihren Lehrlingen eine kurze Anweisung, dann tauchen sie unter. Von oben sieht man nur noch drei Stellen, wo die Luftblasen aufsteigen. David bleibt allein auf dem Boot zurück, kontrolliert vorsichtshalber den Benzinstand. "I love the sea", schwärmt er in gebrochenem Englisch. Er sei an der spanischen Küste aufgewachsen. Dann stellt er ein rotes Funkradio an und hört Nachrichten. Nach einer halben Stunde tauchen Rewa und die Schweizer wieder auf. "Eine halbe Stunde ist relativ kurz für einen Tauchgang, aber sobald sich nur noch etwa 50 Bar Druck in der Flasche befinden, müssen wir nach Vorschrift auftauchen", erklärt sie. Für Anfänger sei es normal, mehr Sauerstoff zu veratmen, sei es wegen der Aufregung oder wegen der noch fehlenden Technik. Auf die Frage von David, was sie denn so alles gesehen hätten, antwortet ihm Rewa auf Spanisch: "El oricio - viele Seeigel, Seesterne, einen Skorpionfisch, der sich in einer kleinen Höhle versteckt hat, viele andere Fische und zwei kleine Quallen." Nach zweieinhalb Stunden kommt die Truppe wieder am Hafen an. Das nasse Material wird gereinigt, denn Salzwasser macht die Ausrüstung schnell kaputt.

Informationen zum Beitrag

Titel
Anfänger brauchen mehr Sauerstoff
Autor
Jasmin Frey
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.05.2012, Nr. 102, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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