Bei eins den Ballen hoch

Eins, zwei, Tap, eins, zwei, Tap. Ein Mann und eine Frau stehen in der Mitte des Saales, in einer eleganten Körperhaltung. Dann fliegen sie über das Parkett, man hört ihre Schuhe auf dem Boden schleifen. "Und nun seid ihr dran, der Mann links vor und die Frau rechts zurück!" Schon finden sich alle Paare im Raum, nehmen ihre Haltung ein und bewegen sich im Takt der Musik mit den eben gelernten Schritten. "Alltag in der Tanzschule", sagt Sandra Siller aus Schweinfurt, eine 1,58 Meter große, braunhaarige Frau. Sie macht in der Tanzschule Pelzer eine Ausbildung zur Tanzlehrerin. "Man ist nun mal den ganzen Tag auf seinen Füßen, um anderen das beizubringen, was für mich das Schönste der Welt ist: Tanzen. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal eine Ausbildung zur Tanzlehrerin machen würde", sagt die lebhafte Frau. "Ich habe das Tanzen mit 13 für mich entdeckt, aber dafür habe ich es lieben gelernt. Für mich kann es nichts Schöneres geben, als den ganzen Tag das zu machen, was mir Spaß macht. Doch aller Anfang ist schwer, und in dieser Branche kommt es mir ganz besonders schwer vor." Die 19-Jährige hat zwei Tage in der Woche frei, an denen sie an einem Tag in die Ausbildungsschule fahren muss. "Ich habe eigentlich keine richtige Freizeit, entweder bin ich in der Tanzschule, um Unterricht zu geben, oder in der Ausbildungsschule, und in der Zeit, die noch übrig bleibt, muss ich mich natürlich auf Prüfungen vorbereiten." Zu Hause auf ihrem Schreibtisch liegen dicke Bücher, die sie durcharbeiten muss. "Jeder Tanz und jeder kleinste Schritt muss genau benannt, erklärt und gezählt werden können. Erst mit der Ferse, dann langsam den Fuß abrollen, auf eins den Ballen hoch und auf zwei auf den großen Zeh", erklärt sie stöhnend. Am Tag der jüngsten Prüfung zitterten ihre Knie. "Mein praktischer Teil war besser als die Theorie. Ich lerne nicht wirklich gerne, das Praktische liegt mir irgendwie besser. Am Schluss war ich aber doch Drittbeste aus meinem Jahrgang und hatte einen Durchschnitt von 1,5", strahlt sie triumphierend. "Alle waren ziemlich stolz auf mich, doch das war nicht immer so. Eigentlich war ich vorher in einer Berufsschule für Gastronomie. Dies war mein Berufswunsch, den ich nach meinem Realschulabschluss hatte. Doch nebenbei habe ich in der Tanzschule gejobbt, und nach kurzer Zeit merkte ich, dass beides parallel nicht geht. Am Schluss habe ich auf mein Herz gehört, und das sagte mir, dass ich tanzen sollte."Sie hatte es sich einfacher vorgestellt. Tanzschulen haben natürlich auch am Wochenende geöffnet, was für sie eine große Umstellung ist. "Es ist oft ziemlich hart, den ganzen Tag ohne große Pausen tanzen zu müssen. Manchmal muss man dann auch noch abends auf Tanzpartys, die bis ein oder zwei Uhr morgens dauern, obwohl man eigentlich total geschafft und fertig ist, aber Thekendienst oder etwas anderes gibt es an diesem Abend immer für mich zu erledigen." Auch Verletzungen kann man sich leicht zuziehen. "Man muss wirklich immer gut auf sich aufpassen, es geht so schnell, sich zu verletzen, dass man meistens nicht mal weiß, wie das jetzt passieren konnte. Auch ich habe mir schon öfter etwas zugezogen, vor allem mein Knie bereitet mir oft Schmerzen. Weil ich ja auch Hip-Hop unterrichte, stellt dies oft ein Problem dar. Doch da muss man durch, ich habe mich dafür entschieden." Und mit Nachdruck erklärt sie: "Es ist wie eine Droge, nach ein paar Tagen frei und ohne Training fühle ich mich so leer, es fehlt etwas, und mich überkommt der Reiz, mich wieder bewegen zu wollen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Bei eins den Ballen hoch
Autor
Anja Sauer Gymnasium Neutraubling
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.07.2010, Nr. 166 / Seite N6
Projekt
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