Auf den See bauen

Tiefsee 2

Die letzten Nebelschwaden liegen über dem Titicacasee. Gegen sieben Uhr hat das kleine Touristenboot im Hafen von Puno in Peru abgelegt. Es ist ein kalter, sonniger Morgen. Plötzlich teilt sich das Schilf und die Islas de Uros tauchen auf. Der Anblick ist atemberaubend. Die acht 16 Jahre alten Jugendlichen aus Deutschland und die anderen Touristen werden auf der Isla Sol y Luna, Insel von Sonne und Mond, abgesetzt. Die Insel ist eine von 85 schwimmenden Inseln auf dem Titicacasee.

"Kamisaraki" begrüßen Frauen in bunten Röcken die Ankömmlinge. Sie sind kleiner als Europäer. Ihre Haare haben sie zu bis zur Hüfte reichenden Zöpfen gebunden. "Kamisaraki" bedeutet so viel wie "Wie geht es euch?". "Waliki - uns geht es gut", antworten die Touristen, wie es ihnen vorher der Reiseführer erklärt hat. Quechua, die Sprache der Inka, wird auch jetzt noch von der Urbevölkerung gesprochen. So auch bei den Uros, genauer gesagt, ihren Nachfahren. Heute gibt es keinen reinblütigen Inselbewohner mehr. Sie sind eine Mischung aus Uro, Aymara und Inka-Nachfahren. Spanisch lernen sie in der Schule, um an Land und mit den Touristen kommunizieren zu können. Auf den Inseln gibt es nur "la Primera", vergleichbar mit unserer Grundschule. Um dann in die "Segunda" gehen zu können, müssen die Kinder mit den Booten ans Festland fahren. Doch mehr als zehn Prozent der Bewohner haben keine fortlaufende Schulausbildung. "Bildung ist teuer und so viel Geld haben wir nicht", erklärt Juán del Puerto, Präsident der Isla Sol y Luna, ein kleiner Mann mit einer bunten Mütze, die seine dunklen, kräftigen Haare fast komplett verdeckt. Er war auch nur in der "Primera". Wenn er Spanisch redet, stottert er, die Wörter kommen ihm nur mit Mühe aus dem Mund. "Das Leben auf den Inseln ist viel schwerer geworden. Deshalb ist die Bildung sehr wichtig." Inzwischen arbeiten einige Inselbewohner auf dem Festland. Ursprünglich lebten die Uros nur vom See. "Ich bin Fischer, Chef, Vater und baue Schiffe. Aber es gibt kaum noch Fische im See. Deshalb ist es wichtig, eine Arbeit zu haben. Doch dafür brauchen wir die Bildung." Wäre ein Leben ohne Touristen für die Uros heute überhaupt möglich? "Natürlich wäre es möglich. Aber das Leben wäre ein kleines bisschen trauriger." Der kompakt gebaute Mann mit der wettergegerbten Haut und den kräftigen Händen zeigt, wie die Inseln aus dem Totota-Schilf gebaut werden. Es muss immer wieder neues Schilf auf den Boden gelegt werden, damit man nicht plötzlich im Wasser steht. "Von unten fault das Schilf weg", übersetzt der Reiseführer, ein Mann vom Festland. Im Gegensatz zu den Inselbewohnern friert er trotz seiner dicken Daunenjacke. "Aus diesem Grund wird etwa alle drei Jahre die Insel neu gebaut", fügt er hinzu. Das Schilf ist der wichtigste Rohstoff für die Bewohner. Nicht nur die Inseln werden hieraus gebaut. Auch die kleinen Boote und Häuser bestehen daraus. Die Boote haben die Form von Kajaks und werden mit einem langen Holzruder bewegt. "Wir essen auch das Schilf", erklärt der Präsident stolz und gibt ein Schilfrohr in die Runde der Touristen. "Einfach abbeißen und die Schale natürlich wieder ausspucken", erklärt der Reiseführer. Das Totota-Schilf ist stärkehaltig. So schmeckt es auch: etwas süßlich und trocken.

Dann wird der Gruppe der Stolz der 20 Quadratmeter großen Insel gezeigt: "Unser Mercedes", lachend zeigt Juán auf ein großes doppelstöckiges Schiff aus Schilf. Es sieht jedoch nicht wie ein gewöhnliches Schiff aus. Es gibt zwei Balken, die im Wasser liegen. Unten ist eine tragende Fläche, von wo aus zwei Personen steuern. Eine kurze Leiter führt zur nächsten Etage. Diese ist etwas kleiner als die untere etwa zehn Quadratmeter große Tragfläche. Für zehn Soles, etwa 2,50 Euro, kann man eine halbe Stunde vom Präsidenten selbst über den See geschifft werden. Zuvor verkaufen Frauen Handarbeiten. "Keine Sorge, das Geld dient guten Zwecken", beruhigt der Präsident einen Touristen, der sich zögernd die Miniaturausgabe eines Schilfbootes anschaut. Alles, was die Uros einnehmen, wird für die Schulausbildung der Kinder verwendet. "Außerdem brauchen wir das Geld, wenn jemand schwer krank ist und auf dem Festland zum Arzt muss."

Wer möchte, kann nun mit dem "Mercedes" fahren. Einige trauen dem Schiff nicht, haben Angst vor den starken Schwankungen. Am Ende kommen sie doch mit. Während der Fahrt auf dem wider Erwarten wenig schaukelnden Boot fängt Juán zögernd an, seine Deutschkenntnisse zu präsentieren: "Guten Tag" sagt er schüchtern, "Juán del Puerto heißt auf Deutsch Johannes vom Hafen." Dann sagt er auf Spanisch: "Hier kommen jeden Tag so viele Touristen, da lernt man viele Sprachen." Wenn er lacht, bekommen seine Augen viele kleine Fältchen. "Besonders im Juli und August besuchen uns viele Menschen aus der ganzen Welt." Schnell ist die Fahrt vorbei. Juán fragt verschmitzt: "Soll ich dir meine E-Mail-Adresse geben?" Zwar reicht der Strom gerade für den Fernseher in der Hütte, aber auf dem Festland habe er die Möglichkeit, ins Internet zu gehen. "Wir haben sogar eine richtig offizielle Adresse", erklärt der Päsident. "Die Briefe werden uns mit den Touristenbooten gebracht, oder wir holen sie uns ab." Schnell schreibt er seine E-Mail-Adresse auf. Dann stimmen die Frauen zum Abschied ein Lied an. Mitten auf dem großen Lago de Titicaca wird "Alle meine Entchen" gesungen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Auf den See bauen
Autor
Anna-Sophia Schmidt
Schule
Romain-Rolland-Gymnasium , Dresden
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.05.2012, Nr. 102, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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