Energiesparprogramm für verwaiste Heuler

Tiefsee 3

Ein kleiner Kopf mit schwarzen, glänzenden Augen taucht auf und ist nach wenigen Augenblicken wieder verschwunden. Ganz in der Nähe jagen sich zwei seiner Artgenossen spielerisch im Wasser. Die verwaisten Heuler mit dem dunkel gefleckten Fell wurden vor einigen Monaten in die Seehundstation Nationalpark-Haus nach Norddeich, einem Dorf im Nordwesten Ostfrieslands, gebracht. Sie sind in den Sommermonaten Mai bis Juni, der Wurfzeit der Seehunde, geboren. Aufgrund von Stürmen, Krankheiten oder Störungen durch den Menschen verloren die Jungtiere ihre Mutter und warteten am Strand vergeblich auf deren Rückkehr.

In den Becken der Station tummeln sich 98 Heuler. Verwaiste Jungtiere werden zunächst in das Waloseum, eine Zweigstelle der Aufzuchtstation, gebracht. Neben einer Ausstellung über Wale und Vögel gibt es hier auch Quarantänebecken und ein Untersuchungszimmer, sozusagen eine Krankenstation für Meeressäuger. Den Neuankömmlingen wird Blut abgenommen sowie der Zustand von Flossen, Maul und Bauch kontrolliert. Sind die Tiere gesund, werden sie nach sieben Tagen zur Aufzuchtstation gebracht und dürfen dort mit anderen im Becken schwimmen. Die kleinen, aufgeweckten Seehunde haben nun ein neues Zuhause: die Becken der Seehundstation. Sie sind zwischen zwei und zehn Tage alt, wenn sie eingeliefert werden. "Wir versuchen, die Aufzuchtphase so kurz wie möglich zu halten. Ein möglicher Gewöhnungseffekt an die Tierpfleger wird so minimiert", erklärt Peter Lienau, der seit 13 Jahren Leiter der Seehundstation ist. Lienau wurde 1966 geboren und wuchs in Eckernförde auf. Später studierte er Forstwissenschaften mit dem Schwerpunkt Wildbiologie in Göttingen. Promoviert hat er "Über die Entstehung von Heulern im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer". Auf der Station arbeiten 12 Festangestellte, 20 geringfügig Beschäftigte und 15 Praktikanten. Auch 50 Ehrenamtliche helfen mit.

Die jungen Meeressäuger schwimmen in mehreren großen Becken, die sich im Freien befinden. Auf einer "Sandbank" aus Stein können sich die Tiere ausruhen. Die Außenbecken grenzen an das Gebäude der Station, das für Besucher zugänglich ist. Sie können die Tiere durch verspiegelte Glasscheiben aus der Nähe beobachten. Höhepunkt des Tages ist die Fütterung mit Fischen. Die Besucherzahl ist witterungs- und ferienabhängig, an manchen Tagen kommen bis zu 3500 Gäste, während eines Jahres kommen bis zu 250 000. Mit den Eintrittsgeldern und auch Spenden finanziert sich die Station.

"Für die Aufzucht ist besonders wichtig, dass die Tiere viel Ruhe haben, so wie im Wattenmeer", sagt Lienau. "Sie verbrauchen weniger Energie und können in kurzer Zeit groß genug werden. Deswegen dürfen Gäste nur durch verspiegelte Scheiben an der Aufzuchtarbeit teilhaben." Die kleinen Meeressäuger bekommen zunächst eine Ersatzmilch, die aus Milchersatzpulver, Heringsbrei und Schmelzflocken besteht. Die Jungtiere müssen in ihren ersten Lebenswochen schnell an Gewicht zunehmen. Die Muttermilch der Seehunde enthält 50 Prozent Fett. Die Ersatzmilch wird mithilfe einer Magensonde gefüttert, da die Tiere keinen Saugreflex haben. Säugt ein Muttertier in der freien Natur ihr Junges, wird die Milch nämlich in den Mund der Jungtiere gespritzt. In der zweiten Fütterungsphase werden die Tiere mit Heringsstücken gefüttert. In der letzten Phase schließlich können die Seehunde selbständig ganze Heringe fressen.

Wenn die Tiere ein Gewicht von 25 Kilogramm erreicht haben, werden sie in die Nordsee ausgesetzt. "Im Durchschnitt wurden die Tiere im vergangenen Jahr bereits nach etwa 70 Tagen wieder ausgewildert", sagt Lienau. Danach bekommt die Station noch einmal Zuwachs: in den Wintermonaten, Dezember bis Januar bekommen die Kegelrobben ihre Jungen. Bei ihnen gibt es Jungtiere, die vor allem durch Winterstürme ihre Mutter verlieren. Schon bald werden aber die ersten Heuler hier eintreffen, während sich ihre Vorgänger bereits wieder auf den Sandbänken des Wattenmeeres ausruhen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Energiesparprogramm für verwaiste Heuler
Autor
Alena Rüscher
Schule
Zinzendorfschule Tossens , Butjadingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.05.2012, Nr. 102, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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