Kristina rennt

Eine junge Frau und ihre Kindheit im Krieg. Ihr Leben zwischen Bosnien, Kroatien und die Flucht nach Deutschland.

Die Insel Brac südlich von Split gilt als weiße Perle der Adria. Ihr leuchtender Kalkstein wurde auch am Weißen Haus in Washington verbaut. An einem Tag im Sommer 1992 sitzen Fanika Sistov und ihre drei Enkel zum Mittagessen in einem Hafenrestaurant in Supetar. Plötzlich jedoch taucht ein Mann mit einer Maschinenpistole auf, schreit, beginnt wild um sich zu schießen. In Panik laufen die Menschen davon, versuchen sich in Sicherheit zu bringen. Doch Fanika Sistov, schon weit über 70 Jahre alt, ist stark gehbehindert, auf einen Stützstock angewiesen. "Los, Kristina, renn, renn! Lass mich zurück, ich bin schon alt, renn!" Doch die Siebenjährige hört nicht darauf, schickt die beiden jüngeren Geschwister weg, hakt die Oma unter und zieht sie mit sich fort. Schließlich wird der Mann von Polizisten überwältigt.

20 Jahre später ist Kristina Sistov eine selbstbewusste, junge Frau. "Was damals auf Brac passiert ist, dauerte vielleicht nur Sekunden, doch es kommt mir auch heute noch unendlich lange vor." Angst habe sie in dieser Situation nicht gehabt, nur an die Oma gedacht; erst später hat sie das Geschehen auch in ihren Träumen eingeholt. Zum Zeitpunkt der Ereignisse auf Brac war die ganze Familie längst auf der Flucht. 1985 als Kroatin in Travnik geboren, verbringt Kristina ihre Kindheit unbeschwert in Bugojno in Zentralbosnien. Dann, 1992, reißt der Vater eines Nachts die Familie aus dem Schlaf: "Es geht los, es geht los!" Alle sind sofort auf den Beinen, sie wissen: Es ist Krieg. Innerhalb von fünfzehn Minuten packt die Mutter das Nötigste ein. Mit der Mutter, den zwei Geschwistern und der Großmutter beginnt für Kristina eine zweiwöchige Irrfahrt von Bugojno nach Split; heute bräuchte man für diese Strecke weniger als zweieinhalb Stunden. Der Vater bleibt als Soldat in Bugojno zurück.

Die ersten drei Tage verbringen die Flüchtlinge in einer Turnhalle, danach werden sie bei hilfsbereiten Menschen untergebracht, anschließend auf Brac in einem Hotel einquartiert. Die fünf teilen sich ein Dreibettzimmer. Kristina geht zur Schule, viele Lehrer sind im Krieg.

Die Mutter, ständig in Angst, reist immer wieder zu ihrem Mann, heute hält sie das für eine "große Dummheit". Denn einige Familiemitglieder werden im Fußballstadion von Bugojno festgehalten. Die Familie kann sie nur mit Glück und viel Geld freikaufen. Im Verlauf des Krieges wird ein Onkel getötet. Um genau zu erfahren, was mit ihm geschehen ist, gibt die Familie wieder viel Geld aus. Nur so wird erst nach dem Krieg geklärt, dass der Onkel von "Freunden", die er dafür gehalten hatte, in ein Lager gebracht und dort ermordet wurde. Die Leiche des Onkels wird in einem Massengrab gefunden, identifiziert durch seine Ehefrau.

Nach den Ereignissen auf Brac wird das Verhältnis zu der Oma immer intensiver; sie sorgt dafür, dass Kristina nie wieder Prügel erhält. Die Familie sucht jetzt endgültig sichere Zuflucht in einem anderen Land. Eine damals typische Situation hilft: Wie viele Söhne und Töchter aus armen bosnischen Familien sah Kristinas Tante Ljuba Sistov eine Klostergemeinschaft als Lebensperspektive an. Mit 18 Jahren wurde sie Nonne im Kloster der Schwestern von Mallersdorf, südlich von Regensburg. Sie verschafft ihrer Familie eine "Vorabzustimmung", erforderlich für ein Visum zur Einreise in Deutschland. Denn ohne Visum ist es auch den bedrohten Flüchtlingen nicht möglich, ins Land zu kommen. Nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) befanden sich noch im Juli 1998 allein 600 000 überwiegend muslimische Bürger Bosniens in einem westeuropäischen Land, die meisten in Deutschland und Österreich. "Viele dieser Menschen mussten bei uns an der deutschen Botschaft ein Visum beantragen, denn sie konnten wegen der Kriegsgeschehnisse nicht nach Sarajevo zur dortigen deutschen Botschaft reisen", erzählt Constanze Miljkovic. Die gebürtige Sächsin kam 1978 der Liebe wegen nach Kroatien, seit 1991 ist sie an der Botschaft in Zagreb tätig, während des Krieges dann als eine von vielen mit der Ausstellung von Visa befasst. Viele Monate lang kommen täglich Flüchtlinge. Sie schlafen auf den Wiesen rund um die Botschaft, in Zelten und alten Hütten. Miljkovic erinnert sich "an einen Tag, da haben wir mindestens 250 Visa ausgestellt. Wir arbeiteten oft wie am Fließband."

So kommt auch Kristina Sistovs Familie nach Deutschland, nach Nabburg, nördlich von Regensburg, zunächst sechs Monate untergebracht bei der Familie von Max und Sieglinde Seitz, privat, kostenlos, einfach so. Noch heute ist Kristina davon überwältigt: "Ihr müsst euch das mal vorstellen, ihr nehmt einfach sechs Fremde bei euch auf und gebt ihnen für Monate ein Zimmer." Doch die zierliche, braunhaarige Frau hat auch eine Erklärung für diese Hilfsbereitschaft: "Max Seitz war nach dem Zweiten Weltkrieg in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Er gehörte zu den letzten, die auf Initiative von Konrad Adenauer erst 1955 nach Hause zurückkehren konnten. Er wusste also ganz genau, was wir durchmachen mussten."

Dennoch erlebt Kristina Deutschland anfangs als großen Schock: Alle ihre Dokumente sind in Bosnien geblieben, sie muss noch einmal in den Kindergarten, dann die erste Klasse wiederholen. Deutsch lernt sie schnell mit Hilfe einer liebevollen Erzieherin. Auch die erste Begegnung mit dem Vater, ein Jahr, nachdem sie Bugojno verlassen hat, ist für sie ein Schock. Sie erkennt ihn nicht: "Ich dachte, das ist ein Penner. Außer dem, was er trug, hatte er nichts. Das war nicht mehr der Mann, den ich von früher kannte." Er muss zurück in den Krieg, kommt nur unregelmäßig zu Besuch. Nach viereinhalb Jahren in Nabburg beschließt die Familie, nach Kroatien zurückzukehren. "Bosnien war für meine Eltern keine Option mehr. Sie hatten kurz vor dem Krieg begonnen, sich dort eine Existenz aufzubauen, sie hatten alles verloren". Kristina denkt: "Auch heute, nach über 20 Jahren, haben sie die Ereignisse noch immer nicht verarbeitet."

In Kroatien angekommen, folgt ein neuer Schock: Häuser sind zerstört, Menschen, die fröhlich waren, wirken wie Gespenster. Doch ist die Familie endlich wieder mit dem Vater vereint. Kristina kommt in die fünfte Klasse einer Grundschule in der Nähe von Karlovac, wo sie mit hilfsbereiten Lehrern schnell Kroatisch lernt. Sie bekommt Ergänzungsunterricht in allen Fächern, außer in Deutsch und Sport. Die sechste Klasse verbringt sie wieder in einer anderen Schule, jetzt in Karlovac, wo sie stolz ihr erstes "Ausgezeichnet" im Fach Kroatisch erhält. Erneut zieht die Familie um; nächste Station: Zagreb. Ab 2000 besucht sie dann das XVIII. Gymnasium Zagreb und geht dort in die neu eingerichtete bilinguale deutsch-kroatische Klasse. In ihrem dritten gymnasialen Schuljahr erhält sie ein Stipendium der Organisation "Youth for understanding" und verbringt neun Monate in der Nähe von Magdeburg. Wieder zurück, macht die 20-Jährige ihr Abitur.

Da die Kriegserlebnisse auch in ihrer Familie verdrängt wurden, geriet Kristina in eine tiefe Depression. Sie macht eine Psychotherapie und lernt, "dass man sich seiner persönlichen und der allgemeinen Vergangenheit stellen muss. Seit dieser Zeit fühle ich mich frei." Zurzeit bereitet sie sich auf ihren Studienabschluss in Jura vor und interessiert sich besonders für Politik.

Wenn sie zurückblickt: Ist sie verbittert? "Überhaupt nicht. Viele Tausend Menschen haben eine ähnliche Geschichte wie ich erlebt. Und der Krieg ist lange vorbei. Aber man muss sich in unserem Land und unserer Region der Vergangenheit stellen, damit man in Zukunft gut zusammenleben kann." In der EU, der Kroatien 2013 beitreten wird, sieht sie dazu eine große Chance: "Wenn Kroatien das richtig macht, dann kann die ganze Region davon profitieren."

Im März hat Kristina Sistov geheiratet: "Stellt euch vor, einen Berufsoffizier; das ist in meiner Geschichte doch geradezu absurd", sagt sie lachend. "Aber mein Mann Hrvoje gehört zu der Generation von Soldaten, für die Krieg das allerletzte Mittel ist." Vor allem aber sieht sie in Hrvoje einen Seelenverwandten.

Informationen zum Beitrag

Titel
Kristina rennt
Autor
Helena Ruzicka, Nikolina Skulic.
Schule
XVIII. Gymnasium , Zagreb
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.05.2012, Nr. 108, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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