Vom türkischen Dorf in die deutsche Großstadt

Gemütlich im Schatten einiger Bäume sitzt Mehmet Öz in einem Café mitten im Zentrum von Edirne, der türkischen Grenzstadt im thrakischen Gebiet und rund 220 Kilometer entfernt von Istanbul. Der 72-Jährige genießt seinen Çay und raucht genüsslich eine selbstgedrehte Zigarette. Gerne erinnert sich der Mann mit dem grauen Schnauzbart und den tiefbraunen Augen an die zwanzig Jahre in seinem Leben, die er in Deutschland verbrachte. Mehmet Öz kam Anfang der siebziger Jahre nach Köln. "Alles war organisiert, vom Bus zur Arbeit bis zum Feierabendbier und der winzigen Wohnung in der riesigen Arbeitersiedlung. Einfach in den Tag hinein zu leben war nicht möglich, genau das machte mir Angst." Der Kontrast vom türkischen Dorf zur deutschen Stadt war anfangs schockierend für ihn. Viele seiner türkischen Kollegen könne er bis heute nicht verstehen: "Viele von ihnen waren unhöflich gegenüber ihren Gastgebern, es wurde illegaler Handel betrieben, und das Bild der arbeitenden Mehrheit trübte sich." 1988 kehrte Mehmet Öz zurück in die Türkei, er zog nicht in seinen Geburtsort, das Dörfchen Ataköy, sondern nach Edirne, in die Provinzhauptstadt mit heute 140 000 Einwohnern.

Öz sagt nicht gerne, er sei nach Hause zurückgekehrt, denn dann würde er sich nicht komplett fühlen, so, als ob ein Teil von ihm fehle. "Zwanzig Jahre gehen nicht spurlos an einem vorbei, ein Stück meiner Heimat ist natürlich auch in Deutschland." Doch er wollte spätestens wieder in der Türkei sein, wenn das erste Enkelkind ihn anlacht. "Ich kann jederzeit wieder eine Reise nach Deutschland machen", betont er, während er das letzte Stückchen Zucker in seinem Çay versenkt.

Gerade gegenüber Deutschen zeigen sich die Menschen in Edirne aufgeschlossen, viele hatten schon Berührungspunkte mit ihnen. Ob nun der Onkel und die Tante, die in Köln einen Dönerladen besitzen, oder der Sohn, der gerade in Berlin Ingenieurwesen studiert, die allermeisten zeigen sich herzlich. Anders als in einer deutschen Innenstadt grüßt man sich, gleich, ob man sich schon einmal gesehen hat. Die Menschen gehen aufeinander zu, sind neugierig und hilfsbereit. Der Austausch der örtlichen mit einer deutschen Schule stößt auf Begeisterung, auch wenn so manch einer gar nichts damit zu tun hat, erkundigt man sich. So auch Bülent, fünfzig Jahre alt und Angestellter einer Bank. "Deutschland - bilmiyorum, ich weiß es nicht." Er stellt seinen Aktenkoffer ab und überlegt, wie er seinen Satz formulieren soll, dann antwortet er türkisch: "Viel kann ich nicht dazu sagen, auch wenn ich es gerne tun würde, aber mir fällt im Moment nur der deutsche Fußball ein." Für Bülents Generation ist es wichtig, über deutsch-türkische Gemeinsamkeiten zu sprechen. "Franz Beckenbauer", sagt er stolz, als er vom sportlichen Idol seiner Jugend erzählt. Dieser Name fällt häufig, wenn man nach bekannten Deutschen fragt. Ebenso der der Kanzlerin. "Zu Franz Beckenbauer gehört ein arpa birasi·, ein Weizenbier", mischt sich Kellner Tanju ein. Klischees gibt es auch hier. "Gebt es doch zu, ihr seid einfach ein kleines bisschen zu pünktlich und außerdem ziemlich sparsam." Solche Sätze fallen meist mit einem Augenzwinkern und Lächeln. Beim Stadtbummel diskutiert eine schwäbische Schülergruppe lautstark über den Preis einer Sonnenbrille. "Die wollet uns ja verseggla." "Ich verseggl eich ganz sicher ned." Auf einmal wird es mucksmäuschenstill. Merve, wie sie sich vorstellt, spricht nicht nur perfekt Deutsch, sondern auch den Dialekt der Schüler.

"Wenn man fünfzehn Jahre in Esslingen gelebt hat, ist es doch klar, dass man das hört." Sie war damals zwei Jahre alt, ihr Vater hatte nur einen kurzen Weg zur Autofabrik. Später machte sie ihr Abi. "Ungewöhnlich", räumt sie ein, "die meisten Kinder und Jugendlichen versperrten sich zunächst der deutschen Sprache, vielleicht aus Trotz, wahrscheinlich war es aber eher die Angst, Fehler zu machen." Wie ganz normale Schwaben hat auch ihre Familie hart für ihr Eigenheim gearbeitet, eben "schaffa, schaffa, Häusle bauen". Zurück in die Türkei, davon träumte Merve eigentlich nie bewusst, aber tief in ihrem Inneren vermisste sie wohl doch den "orientalischen Leerlauf". Deshalb hat sie hier heute einen kleinen Laden. "Für euch gibt es einen Freundschaftspreis. Schön, endlich mal wieder jemanden aus dem Ländle getroffen zu haben." Merve schwärmt, im Sommer besucht sie ihren Cousin in Stuttgart. "Am meisten freue ich mich natürlich auf die vielen Leute, die ich schon so lange nicht mehr gesehen habe. Aber einen Teller Linsen mit Spätzle würde ich gegen nichts auf der Welt eintauschen."

Manche Händler erzählen Anekdoten. Besonders in Touristenstädten an der Ägäis und am Mittelmeer gibt es unzählige "Halb-, Viertel- oder gar Achteldeutsche". "Man muss aufpassen, dass man nicht über den Tisch gezogen wird", erklärt uns Oguz, der sich auf den Verkauf orientalischer Lampen im Bazar von Kusadasi· spezialisiert hat. "Viele Händler geben bei deutschen Urlaubern vor, etwas mit Deutschland zu tun zu haben, bei japanischen behaupten sie, Verwandte in Japan zu haben. Versteht ihr, was ich meine? Das ist verrückt." Wenn das Gespräch dann aber über den Verkauf hinausgehe, sei es auch vorbei mit den Deutschkenntnissen.

"Ich selbst verbringe nur die Saison hier in Kusadasi·, spätestens Mitte September fängt mein Studium wieder an. Oguz zieht eine Karte aus seinem Geldbeutel. Er ist zertifizierter Übersetzer und hat ein Goethe-Stipendium, das es ihm ermöglicht, fundiert die deutsche Sprache zu lernen und mit ihr zu arbeiten. Der 25-Jährige ist zwar nicht in Deutschland aufgewachsen, doch seine Eltern pflegen regelmäßigen Kontakt mit Verwandten und Freunden. Seinen Studiengang hat er interessehalber ausgewählt. Das spricht für sich, denn junge Türken sind aufgeschlossen gegenüber Deutschen, finden die jungen Schwaben.

Informationen zum Beitrag

Titel
Vom türkischen Dorf in die deutsche Großstadt
Autor
Kristina Müller
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.05.2012, Nr. 108, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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