Wieder kein guter Fang

Unruhig bewegt sich der 65-jährige Juani Sanchez hin und her. Er steht an der Reling seines kleinen Fischkutters mit dem Namen Aurora. Der kleine, dünne Mann, der von oben bis unten in einen wasserfesten, grünen Gummianzug gepackt ist, wartet auf den perfekten Moment, die Netze einzuholen. Neben ihm stehen zwei weitere Männer und blicken ebenfalls gespannt auf das unruhige Meer. Dann werden die Netze eingeholt. Alle drei Männer packen mit an. Kaum sind die Netze an Bord, wird der Fang begutachtet, der jetzt in die vorbereiteten Kessel purzelt. Aus dem Netz fallen Sardinen sowie Krebse und Garnelen.

Juani runzelt die Stirn: "Das ist alles? Das kann ja nicht sein, gestern haben wir die doppelte Menge gefangen." Auch die anderen beiden sehen unzufrieden aus, denn wie viele andere in der kleinen Stadt La Cala del Moral, die 15 Kilometer von der Provinzhauptstadt Málaga entfernt ist, ist auch Juani davon abhängig, wie viele Fische er auf dem lokalen Fischmarkt verkaufen kann. Da Meeresfrüchte in der südspanischen Küche ein zentraler Bestandteil sind, wird Juani seine Fische in der Regel schnell los. "Die Restaurants entlang des Strandes sind sehr interessiert an meinen Fischen, sie wollen nur das Frischste", erzählt er, "aber seit einiger Zeit fange ich kaum noch etwas. Ich muss aber weiterarbeiten, um mich finanziell über Wasser halten zu können."

Denn eigentlich wäre Juani mit seinen 65 Jahren bereits im Ruhestand, das jedoch kann er sich wie viele andere Spanier mit seiner niedrigen Rente von etwa 800 Euro monatlich nicht leisten. "Ich konnte nie sparen, wie denn auch? Es hat kaum zum Leben gereicht. Überleben kann ich nur dank der Touristen. Alle wollen abends ins Restaurant essen gehen und bekommen meine Fische, aber ich fange immer weniger."

Tatsächlich geht der Fischbestand an der Küste immer mehr zurück, was vor allem daran liegt, dass Spanien die größte EU-Fischereination ist. Laut Greenpeace gehen 15 bis 25 Prozent des gesamten Fanges aller EU-Länder auf das Konto Spaniens: Unter anderem darum, weil die spanische Regierung die Entwicklung zerstörerischer Fangtechniken wie die Grundschleppnetzfischerei, die Langleinen- oder die Ringwadenfischerei geradezu vorangetrieben habe. Durch staatliche Investitionen werde die spanische Fischereiflotte immer weiter aufgestockt. In Spanien existieren zurzeit mehr als 10 000 registrierte Fischerschiffe, die mindestens eine Länge von acht Metern aufweisen. Die Dunkelziffer wird weit höher geschätzt, da es viel illegale Fischerei gibt. Auch Juani gibt zu, dass er nicht immer legal gefischt habe. Jedoch gehe es um seine Existenz, und die Menge an Fischen, die er fange, sei nicht zu vergleichen mit den Mengen der großen Fischereiflotten.

"Jetzt gibt es kaum noch Fische nahe dem Strand, früher ging man bis zum Bauch ins Wasser und alles war voller Fische, Garnelen, Seeigel, Muscheln und anderer Tiere. Aber jetzt müssen wir aufwendig nach den großen Schwärmen suchen, um überhaupt etwas fangen zu können", klagt er. Das Boot fährt dem Strand entgegen. Etwa 200 Meter vor der Küste müssen die Fischer das Schiff durch den extra für kleine Fischerschiffe angelegten Bojenkanal leiten. Kurze Zeit später setzt die "Aurora" sanft auf dem Sand auf. Die Männer befestigen das Boot an einer Boie und waten durch das knietiefe Wasser ins Trockene. Das Meer hat sich mittlerweile beruhigt. Am Strand stehen weitere Männer bereit, die helfen, das Schiff an Land zu ziehen und festzumachen. "Komm, Juani, zeig, was du heute wieder gefangen hast!", ruft ein älterer Mann in einem blauen Hemd.

Juanis Männer verladen ihren Fang in Kisten. Am Horizont schauen zwischen dunklen Wolken die ersten Sonnenstrahlen hervor, es ist fünf Uhr. Juani weist auf ein rotes Schiff, dessen Farbe abblättert und das sich der Küste nähert. "Das ist das Schiff meines Bruders. Er ist auch Fischer, aber er fängt noch weniger als ich. Und auch ich weiß nicht, wie lange es sich noch lohnt weiterzumachen. Vielleicht werde ich bald mein altes Boot verkaufen müssen, wer weiß? Es wäre schade."

Informationen zum Beitrag

Titel
Wieder kein guter Fang
Autor
Michael Sanchez
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.05.2012, Nr. 108, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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