Im Zauberwald

Geocaching ist eine Art elektronische Schnitzeljagd und lockt ihre Fans nach draußen. So wie Familie Fries, die sich oft auf die moderne Schatzsuche begibt.

E ist eine Art elektronische Schnitzeljagd, die ein nicht eingeweihter Spaziergänger nie bemerken würde. Erst wer selbst mitmacht, ist überrascht, fast alle 200 Meter in jeder Großstadt einen "Schatz" zu finden: Geocaching. "Wenn du einmal damit angefangen hast, kommst du davon nicht mehr weg, du wirst süchtig", sagt Dunja Fries. Die Familie Fries aus Hamburg besteht aus Dunja, ihrem Mann Andreas und ihren drei Kindern. Sie sind seit mehr als einem Jahr dem Geocaching verfallen.

"Ein Freund von uns war wegen des Geocaching ganz oft unterwegs und hat sehr viel Geld dafür ausgegeben", erzählt Dunja Fries. "Da dachten wir uns, gucken wir es uns doch mal an, irgendetwas muss ja dran sein." Ihr Mann ergänzt: "Seitdem sind wir nicht mehr vom Geocaching losgekommen. Ob alleine, zu zweit oder mit der ganze Familie. Geocaching ist für alle, die gerne draußen sind."

Für den Anfang muss man sich zunächst auf der Homepage von Geocaching kostenlos anmelden. Wenn man Mitglied ist, kann es losgehen. Mit einem GPS-Gerät und von Google-Maps unterstützt, sieht man, wo es auf der Welt Geocaches gibt. "Man kann davon ausgehen, dass es nicht weit von seinem Wohnort mindestens einen Geocache gibt", erklärt Dunja Fries. "Nur noch die Koordinaten von dem Cache, den man finden möchte, ins GPS-Gerät eingeben, und auf geht's!"

Die Koordinaten führen einen auf den Meter genau an das Versteck heran. Doch wonach sucht man eigentlich? Ein einfacher Cache können Gegenstände unterschiedlicher Größe sein. "Es gibt Nano, Mikro, Small, Medium oder Regular und Large", sagt Jonas, neun Jahre alt und das mittlere der drei Geschwister. Den Spaß, den er am Geocaching hat, zeigt sich an der Begeisterung in seiner Stimme: "Bei Nano sucht man nach Gegenständen, die kleiner sind als ein Anhänger von einem Hund." Bei Mikro handelt es sich meist um eine Filmdose, bei Medium beispielsweise um eine Butterbrotdose, und Large ist alles Größere.

Auf der Homepage erfährt man, welche Größe der gesuchte Cache hat. Zudem gibt es eine Skala von eins bis fünf, die den Schwierigkeitsgrad des Geländes anzeigt, beispielsweise auf welcher Höhe sich der Cache befindet, ob auf dem Boden oder hoch oben auf einem Dach. Die Schwierigkeitsstufe des Verstecks wird auf einer weiteren Skala von eins bis fünf angegeben. "Das einfachste ist, den Cache mit einem Magneten zum Beispiel unter einer Bank zu verstecken. Das Gegenteil war, als wir dreimal mehrere Stunden einen Baum abgesucht haben, in dem eine Kugelschreibermine steckte, die von oben noch mit Rinde beklebt war. Da kommt man sich echt bescheuert vor, immer wieder aufs Neue diesen Baum ganz genau zu untersuchen. Beim dritten Mal, als wir dahin gefahren sind, haben wir den Cache dann nach 20 Minuten gefunden", berichtet Dunja Fries. "Es geht auch darum, wie zugänglich die Caches sind, ob man dafür tauchen oder klettern muss oder ob der Cache nur bei Ebbe an der Elbe erreichbar ist."

Wer einen Schatz gefunden hat, trägt sich in das Logbuch ein, das immer im Cache zu finden ist. Danach trägt er sich innerhalb von 24 Stunden auf der Homepage beim entsprechenden Cache ein. Dann wird der Fund gewertet und der Eingetragene hat seinen ersten Cache. "Wir haben bis jetzt etwa 300 Caches gefunden, aber nur 220 eingetragen", erzählt der Vater. "Manchmal vergisst man es auch einfach. Wir machen Geocaching sowieso nur, weil es uns Spaß macht. Andere Leute versuchen möglichst viele Caches zu finden und klappern alles hintereinander ab. Die eifrigsten Geocacher haben schon Caches an 12 000 Plätzen gefunden. Beim Geocaching trifft man viele nette Leute, denn alle sind völlig verrückt danach. Geocacher kann man am besten als ,Jack Wolfskin-Outdoor-Leute' beschreiben."

Und diese Beschreibung trifft auch auf Familie Fries zu. Dunja und Andreas Fries tragen beide bequeme Kleidung, dazu Turnschuhe, sie wirken wie coole und anregende Eltern. Sie hat lange, blonde Haare und eine sportliche Figur, er ist kräftig gebaut, trägt seine braunen Haare ein wenig länger und hat eine Brille. Sie sind seit über zwölf Jahren verheiratet. Dunja Fries ist zurzeit Hausfrau und Mutter, Andreas ist Schifffahrtskaufmann. Wenn die beiden übers Geocaching erzählen. glänzen ihre Augen vor Freude wie bei kleinen Kindern. Zu zweit haben sie auch schon schwieriger erreichbare Caches gefunden. "Jedoch geht die Sicherheit bei uns immer vor", betont Andreas Fries. Zu ihrer Ausrüstung zählt längst nicht nur das GPS-Gerät. Eine starke Taschenlampe für das Suchen in der Nacht oder an dunklen Orten sowie eine Gummistiefelhose für tiefe Gewässer sind hinzugekommen. "Geocaching ist auch immer ein kleines Abenteuer für uns."

Manchmal befindet sich in einem einfachen Cache ein Souvenir. Das nimmt man raus und ersetzt es durch etwas Gleichwertiges. "Es gibt auch sogenannte Travelbugs, das sind Anhänger, die zu einem bestimmten Ziel wie Hongkong oder Disney World wollen. Diese nehmen wir dann mit und bringen sie ihrem Ziel näher", berichtet Jonas, dessen blaue Augen unter dem blonden Haar nun ebenfalls glänzen. Neben den einfachen Caches gibt es auch die "Multis". Diese können zwei bis 99 Stationen haben, bis man zum Logbuch und vielleicht zu Souvenir kommt. An den einzelnen Stationen findet man die Koordinaten, der jeweils nächsten Station, entweder direkt oder in Form eines Rätsels.

Wir sind in einem kleinen Park in Hamburg, nicht weit von der Elbe. Hier hatte Familie Fries einen ihrer drei eigenen Caches versteckt. Die Hamburger schenken diesem Park keine große Beachtung, liegt doch direkt nebenan der große Jenischpark. Der verträumte Park ist hingegen für den jüngsten, Anton, fünf Jahre alt, ein Zauberwald. Ein kleiner Bach fließt durch mehrere Teiche und Seen, an beiden Seiten sieht man dichte Böschung, Berg und Tal. Es gibt alte Bäume, die großen Villen um den Park runden das Bild ab. So hieß auch der zweite Cache der Familie: Antons Zauberwald. "Durch das Geocaching begreifst du auch, wie schön die eigene Stadt sein kann, und du lernst Ecken kennen, zu denen du sonst nie gekommen wärst. Aber auch für fremde Gebiete ist Geocaching genau das Richtige. In der Toskana und auf den Balearen haben wir auf diese Weise wunderbare Plätze gefunden. Alte Tempel, Kirchen und Burgen, das war besonders schön!", schwärmt Andreas, und sein Blick schweift hinüber zu dem alten Versteck von Antons Zauberwald. Wo der Cache sich genau befindet? Das durfte bis vor kurzem jeder selbst herausfinden. Doch durch Vandalismus wurde der Cache schon zweimal mitsamt seines Verstecks, das aus einem getarnten Stück Rohr bestand, geklaut. Geocacher suchten oftmals umsonst, bis der Familie Fries klar wurde, dass der Cache nicht mehr da war. Dies sind die Schattenseiten des Geocaching und für das Paar Grund genug, den Cache erst mal zu löschen und nicht zu erneuern.

Informationen zum Beitrag

Titel
Im Zauberwald
Autor
Gesa Schirren
Schule
Gymnasium Christianeum , Hamburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.05.2012, Nr. 114, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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