Hart im Nehmen

Jugend schreibt

Der Sportplatz Seeküppel in Krofdorf-Gleiberg, einem Ortsteil von Wettenberg bei Gießen, ist hell erleuchtet. Auch bei schlechtem Wetter findet das Rugbytraining statt. Da es zu matschig ist und der Rasen kaputtgehen würde, spielen die Herrenmannschaft und auch die drei Frauen neben dem Fußballfeld auf dem Rasen. Ina Höß liebt es, bei diesem Wetter zu trainieren. Die 18 Jahre alte Gießener Gymnasiastin ist 1,65 Meter groß, sportlich gebaut und hat blonde Locken. Sie grinst: "Meine Eltern sind von den schlammverkrusteten Klamotten nicht so begeistert, aber sich mal so richtig einsauen macht einfach Spaß." Man kann nur noch Vermutungen anstellen, welche Farbe ihr Pullover wohl vor dem Training hatte.

Rugby ist eine Vollkontaktsportart, die mit einem ovalen Ball, dem sogenannten Rugby, gespielt wird. Dieser darf nur nach hinten gepasst werden, was die Sportart sehr laufintensiv macht. Außerdem darf der Ballträger durch ein gezieltes Tackle zu Boden gebracht werden. Dieses Tiefhalten, auch Tackling genannt, bezeichnet im Rugby die Spieltechnik, um den Gegenspieler aufzuhalten. Der Spieler versucht den Ballträger dadurch aufzuhalten, dass er ihn mit den Armen umgreift. Dabei darf er nicht oberhalb der Schultern halten.

Mit nur drei Leuten können die Wettenbergerinnen kein eigenes Team auf die Beine stellen. Doch trotz der offensichtlichen körperlichen Unterschiede ließ sich Ina nicht davon abbringen, mit der Herrenmannschaft zu trainieren. "Klar tut ein Tackle auch mal weh, aber man spielt dann einfach weiter, und dann vergisst man das", sagt sie und ergänzt: "Bei anderen Sportarten tut man sich genauso weh." Christian Koch erzählt, dass er beim ersten Tackle der Damen erstaunt gewesen sei. "Ich hatte Bedenken, sie kaputtzumachen, doch im Grunde genommen spielen sie genauso hart wie wir." Und lachend fügt der 31 Jahre alte Rechtsanwalt hinzu: "Da muss man gar keine Rücksicht nehmen." Dieser Aussage schließen sich alle Spieler an, und sein 34-jähriger Teamkamerad und Fachinformatiker Jens Morneweg präzisiert: "Männer spielen mit mehr Kraft, Frauen dafür dynamischer. Das gleicht sich eigentlich ganz gut aus."

Freunde, so berichtet Ina, reagieren ganz unterschiedlich auf ihr Hobby. "Die meisten fragen erst einmal, ob Rugby das Gleiche wie American Football sei. Wenn ich ihnen dann sage, dass wir nur einen Mundschutz tragen, bekomme ich entweder "wow, cool" zu hören oder "du bist doch bekloppt". Die Abiturientin wundert sich, dass sie letztere Reaktion meist von Jungen zu hören bekommt. Dies stört sie jedoch nicht. Sie spielt seit eineinhalb Jahren Rugby. Verletzt hat sie sich in dieser Zeit nie, lediglich ein paar blaue Flecken trägt sie hin und wieder aus dem Training davon.

Durch eine Freundin kam sie zu dieser Sportart. Ihre Eltern hätten es ihr früher nie erlaubt. "Sie denken, dass es, vor allem für Kinder, zu gefährlich ist." Doch auch beim Rugby steht das Fair Play im Vordergrund. Mit dem Schiedsrichter wird nicht diskutiert, was er sagt, zählt. Es gibt klare Regeln, die zu befolgen sind. Und so handelt es sich, wie fälschlicherweise oft behauptet wird, nicht um brutales Tacklen, sondern um eine Sportart mit Spielzügen und Taktiken.

Trainer Jens Hausner freut sich immer wieder über Mannschaftszuwachs, egal in welcher Altersklasse. "Rugby ist in Deutschland leider noch wenig bekannt, da ist es natürlich schön zu sehen, wie die Mitgliederzahlen steigen", sagt der 39 Jahre alte Französisch- und Mathelehrer.

Ina hofft, dass mehr Mädchen und Frauen in der Umgebung anfangen, Rugby zu spielen, denn aufgrund mangelnder Spieler konnten die Wettenbergerinnen bislang kein Turnier in voller Mannschaftsstärke spielen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Hart im Nehmen
Autor
Annabella Beyer
Schule
Landgraf-Ludwigs-Gymnasium , Gießen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.05.2012, Nr. 114, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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