Tiger auf der Satellitenschüssel

Groß, betongrau und unbeliebt war der Wohnblock im Berliner Kiez. Inzwischen ist das Pallasseum gefragt. Das liegt an Sozialarbeitern, dem Hausmeister und einem Künstler.

Quietschende Reifen und lautes Hupen. Ununterbrochen fahren Autos die Pallasstraße in Berlin-Schöneberg entlang, direkt vorbei an einer 13 Stockwerke hohen Wohnblocklandschaft aus grauem, kaltem Beton. Lärm dringt zu den Bewohnern hinauf. Von Balkon zu Balkon reihen sich bunte Blumenkästen und unzählige Satellitenschüsseln, die die Bewohner, die überwiegend nicht aus Deutschland kommen, mit Informationen und Bildern aus ihren Heimatländern versorgen. Unter den tristen grau-weißen Schüsseln befinden sich jedoch auch einige auffälligere. Ein großer Tiger scheint von einem Balkon aus über die Straße zu wachen. Auf einem anderen ziert eine rote Rose die Satellitenschüssel. "Von weitem sehen sie aus wie bunte Farbkleckse auf der Hauswand", sagt ein Kiezbewohner. Der 34 Jahre alte dunkelhaarige Künstler Daniel Knipping gestaltet in dem Projekt "Von Innen nach Außen" die trostlos aussehenden Schüsseln zur Verschönerung des Gebäudes neu. Motive können die Bewohner selbst wählen, ausgenommen sind aber politische oder religiöse.

In dieser Gegend voller Kontraste leben in 514 Wohnungen 1500 bis 2000 Menschen auf engstem Raum. 60 Prozent von ihnen sind Ausländer, viele sprechen kaum Deutsch, und jeder Zweite erhält Unterstützung vom Staat. Früher war das 1977 errichtete 200 Meter lange "Pallasseum" ein Vorzeigebeispiel modernen Wohnens. Doch Ende der neunziger Jahre verlor der Gebäudekomplex durch die rapide Zunahme von Vandalismus, Drogenhandel, Gewalt und Verwahrlosung an Attraktivität. Zeitweise standen 130 Wohnungen leer, wodurch sich die Frage nach einem Abriss stellte. Doch dieser wäre teurer gekommen als die Sanierung. Aus diesem Grund wurden mit Hilfe von Sozialarbeitern und einem Quartiersmanagement Feste und Aktionen organisiert, um das Wohnen im Pallasseum attraktiver zu machen.

"Das Haus wäre irgendwann verkommen." Dieser Meinung ist Andre Bojahr, der 39 Jahre alte, blonde technische Leiter des Gebäudekomplexes. Seit sieben Jahren arbeitet er nun in dem "Betonungeheuer", das er als sein Revier bezeichnet. Seitdem hat sich die Lage verbessert. Nachts werden die hohen Tore mit schwarzen spitzen Stacheln an der Oberseite abgeschlossen, um den Zugang zum Innenhof für Unbefugte oder Junkies, die dort früher oft gedealt haben, zu versperren. Während seines täglichen Kontrollganges wird Bojahr freundlich von den Bewohnern gegrüßt. "Wir teilen unsere Sorgen und unsere Freuden", beschreibt eine Kiezbewohnerin das neu entstandene nachbarschaftliche Gefühl. Stimmengewirr dringt aus dem hell gestrichenen Bewohnercafé im Innenhof des Pallasseums. Frauen aller Altersklassen unterhalten sich in verschiedenen Sprachen, rote und gelbe Kaffeetassen und Blumen stehen auf den Tischen. "Früher hat man sich untereinander nicht gekannt, heute herrscht hier Zusammenhalt", sagt ihre Nachbarin und beobachtet dabei zufrieden die Kinder, die auf der anderen Seite des Hofes auf dem hauseigenen Spielplatz herumtollen, der zum Kindergarten des Pallasseums gehört. Einige sitzen auf kleinen bunten Stühlen und malen Bilder von Schmetterlingen, Blumen und Hunden. Damit jeder die kleinen Kunstwerke bestaunen kann, werden sie später an die Fenster geklebt. Eine bunte Welt inmitten von Beton.

Doch natürlich hat diese Welt auch ihre Schattenseiten. "Es ist leider schon öfter vorgekommen, dass jemand sich von seinem Balkon gestürzt hat. Manche Menschen sehen keinen Ausweg mehr, obwohl ihnen hier so viel Unterstützung und Abwechslung geboten wird." Bei diesen Worten bilden sich Sorgenfalten auf der Stirn des sonst fröhlich lächelnden Managers. Sofort zündet er sich eine von vielen Zigaretten an.

Doch er hat nicht viel Zeit, weiter darüber nachzudenken, denn wie so oft an diesem Tag klingelt sein Handy. Mit seinem "Firmenwagen", einem silbernen Einkaufswagen gefüllt mit Werkzeug aller Art, macht er sich auf den Weg zu einem Mieter, dessen Briefkastenschloss defekt ist. Seit der Sanierung der Hauseingänge hängen die Kästen in den Hausfluren. Bei jedem Schritt des lebhaften Berliners mit dem typischen Akzent klappert der große Schlüsselbund an seinem Gürtel.

In den gelb und grün gestrichenen Treppenhäusern, die mit Kameras überwacht werden und zu denen man nur mit einem Schlüssel Zugang bekommt, steigen einem unzählige Gerüche verschiedener Köstlichkeiten in die Nase. Hinter jeder Tür scheint sich eine andere Welt oder Geschichte zu verbergen, die darauf wartet, entdeckt und erforscht zu werden. Bewohner der oberen Etagen haben das Glück, einen atemberaubenden Ausblick über die Stadt zu haben. In der Ferne sind der Potsdamer Platz sowie der Fernsehturm am Alexanderplatz zu erkennen. "Wo sonst bekommen wir noch einen tollen Ausblick zu so einem Preis?", fragt sich ein deutsches Pärchen aus der zehnten Etage. Die beiden führen ein eigenes, gut laufendes Restaurant und könnten sich eine Wohnung in einer besseren Gegend leisten, sie wollen jedoch nicht auf den tollen Ausblick verzichten. Für ihre 62 Quadratmeter große Wohnung bezahlen sie 531 Euro warm.

Zurzeit gibt es lange Wartelisten für die Wohnungen. Es kann bis zu zwei Jahre dauern, bis eine Wohnung wieder zur Verfügung steht. Mittlerweile hat sich das Pallasseum zu einer Art Szeneviertel entwickelt, das bei Künstlern immer beliebter und für verschiedene Projekte immer interessanter wird. Demnächst soll zum Beispiel ein Film mit einem Filmstar aus der Türkei in dem Gebäudekomplex gedreht werden. Auch das Interesse der Touristen, insbesondere aus China und Schweden, ist groß. Immer häufiger statten sie dem Pallasseum einen Besuch ab. "Bieder und brav wird es hier jedoch nie werden", stellt Mira, Mutter eines Kleinkindes, fest. Muss es ja auch nicht.

Informationen zum Beitrag

Titel
Tiger auf der Satellitenschüssel
Autor
Franziska Rittner
Schule
Leonardo-da-Vinci-Gymnasium , Berlin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.05.2012, Nr. 119, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180