Fliegende Töpfe

Fliegende Töpfe

Wir haben unseren Dampfkochtopf aus dem Fenster geworfen", sagt Benny und schaut zu seinen Mitbewohnern hinüber, die in der Erinnerung daran lachen. Sie sitzen zu dritt am Tisch in ihrer riesigen Küche. Und ihre leidenschaftliche Kochkunst ist nur ein kleiner Teil ihres WG-Lebens. Die Bewohner der Wohnung im ersten Stock nahe dem Bahnhof in Ludwigsburg durchleben zusammen die Höhen und Tiefen des Studentenlebens und der Arbeitswelt. Die frühere Koranschule bietet mit ihren 116 Quadratmetern genügend Platz für eigenen Raum, erklärt Ann-Kathrin Glenz. In jedem Winkel der Wohnung steckt ein Stück Persönlichkeit. Sei es ein selbst lackierter, grüner Tisch zum Abstellen von Küchengeräten. Oder die Poster und Plakate mit Sprüchen oder Witzen, die überall hängen.

Die Zimmer von Christian Burkhardt und Benjamin Rummel sind technisch gut ausgerüstet. In dem Zimmer der einzigen Frau findet man mehr Bücher und CDs. Das vierte Zimmer ist zurzeit ziemlich leer, denn Markus Maurer verbringt ein Semester in Mannheim, und sein Zimmer wurde zur Zwischenmiete freigegeben. Zur Suche des vorübergehenden Mitbewohners sagt der 1,92 Meter große Benjamin, der Religionspädagogik und soziale Arbeit studiert, dass man kein Profil für einen perfekten Mitbewohner erstellen kann "und es einfach untereinander passen muss". Dabei schält er Kartoffeln, und man sieht nur, wie sich sein blonder Pferdeschwanz hin und her bewegt. Danach bringt er den Müll hinaus, diese Woche ist er zuständig. Nächste Woche ist das Bad an der Reihe. Der Haushalt wird durch einen Plan geregelt, jede Woche wechseln die Aufgaben.

Doch bevor die drei Studierenden und Christian, der 24 Jahre alte Veranstaltungstechniker, zusammenziehen konnten, musste diese Wohnung zuerst einmal gefunden werden. "Annka wollte niemals mit mir in eine WG ziehen", erinnert sich Benny beim Kochen und dreht sich dabei zu der gleichaltrigen Ann-Kathrin um. Für sie war es zunächst unvorstellbar, mit jemandem zusammenzuziehen, der eine derart andere Einstellung zur Politik oder zum Geld hat. Trotzdem schauten sie sich Wohnungen an. Die Suche war schwierig, viele Vermieter haben Vorurteile gegenüber WGs. Außerdem sollten die privaten Räume gleich groß sein. "In einem Zimmer hätte Benny im Stehen schlafen müssen", berichtet Ann-Kathrin. Die Wohnung, in der sie seit dem 1. April 2011 ihr Zuhause sehen, entdeckten sie im Internet auf einer Immobilienplattform. Der Vermieter vermietet gerne an junge Menschen, und so ist diese schon die zweite Wohngemeinschaft im Haus. Im breiten Flur stehen zwei Sofas, und er wurde zu einem Wohnzimmer umfunktioniert. Nicht nur die gute Raumaufteilung und der "Chuck Norris" unter den Vermietern, wie die Bewohner ihn nennen, war Entscheidungskriterium, sondern auch die gute Lage. Die Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel ist wichtig, denn drei haben zwar einen Führerschein, doch niemand hat ein Auto. Selbst 1,40 Meter breite Bilder wurden mit dem Bus transportiert. Christian fährt mit der Bahn zur Arbeit beim Jungen Ensemble Stuttgart, dort ist er für Licht und Ton während Aufführungen und Vorträgen verantwortlich.

Der mittelgroße Bartträger hat schon einmal in einer Wohngemeinschaft gelebt. In einer "Zweckgemeinschaft", während seiner Ausbildung in Heilbronn, sagt er. Zu seinen damaligen Mitbewohnern hatte er kaum Kontakt. "Man hat zusammengewohnt, um sich Kosten und Klo zu teilen." Ann-Kathrin hat ein halbes Jahr in einem Wohnheim gelebt. Doch für die Studentin an der evangelischen Hochschule in Ludwigsburg mit ihren schulterlangen Haaren ist dieses Wohnheim der Inbegriff für Vereinsamung. Außerdem musste sie für ihr Zimmer 300 Euro im Monat zahlen. In der jetzigen Wohnung zahlt jeder 240 Euro, und es gibt mehr Platz.

Benjamin und Ann-Kathrin haben sich während ihres Freiwillig Sozialen Jahres kennengelernt und belegen nun zusammen denselben Studiengang. Christian lernte Ann-Kathrin durch Benny kennen. Und Markus "war auf einmal da", erklären sie schmunzelnd. Benjamin sagt: "Markus ist einfach so ein Original, deshalb passt er hier rein." Er lege seine Eigenheiten offen und gebe sich nicht anders, als er sei.

Das Individuelle eines Menschen wird in dieser Wohnung geschätzt. Eine gewisse Vertrauensbasis ist einfach schon länger vorhanden, und man könne so "von den Stärken des anderen profitieren", erläutert Benjamin, der Schlagzeuger der WG. Auch Akustik-Gitarre und Bass finden sich hier. Christian und Benjamin spielten früher zusammen in einer Band, der Erfolg blieb jedoch aus. Doch Musik jeglicher Art ist immer zu hören. Konzertbesuche, Dekorierversuche und gemeinsame Trash-Serien-Abende machen die vier gemeinsam.

Die jungen Christen sehen in ihrer hellen Wohnung ein Zuhause, in das sie nach jedem anstrengenden Tag gerne zurückkehren. Sie leben in einer WG, um nicht allein leben zu müssen und weitere Sozialkompetenzen zu erlernen. Sie müssen mit verschiedenen Ansichten oder Meinungen zurechtkommen und diese akzeptieren. Politische Debatten gibt es immer wieder, auch tägliche Reibereien, wegen des Einhaltens des Putzplanes sind des öfteren Tagesordnungspunkt. Dadurch, dass vier Menschen, vier Vergangenheiten und aus vier Familien Einrichtungsgegenstände zusammenkommen, haben die vier Naturfreunde ziemlich viel "Zeug", wie sie es liebevoll bezeichnen. Ihre Küche ist bestückt mit sechzehn Eierbechern, zwei Waffeleisen und Kaffeemaschinen und einem Brotbackautomaten. Gelegentlich gibt es Experimente wie das Pürieren eines Hamburgers, weil Christian das schon einmal in einen Film gesehen hat, oder das Hinauswerfen eines Dampfkochtopfs, da er sich nicht öffnen lässt und man an die Kartoffeln kommen möchte. Nach vergeblichen Öffnungsversuchen wurde ein Kopfkissenbezug um den Topf gewickelt, damit keine Teile auf die Straße fliegen konnten, und dann wurde er aus dem im Hochparterre liegenden Küchenfenster geworfen, selbstverständlich als keine Passanten vorbeigingen. "Wir müssen Probleme unkonventionell lösen", sagt Ann-Kathrin.

Informationen zum Beitrag

Titel
Fliegende Töpfe
Autor
Sarah Glenz
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.05.2012, Nr. 119, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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