Waldmensch im Tipi

Satelittenschüssel

Die Menschen werden immer fauler." Breitbeinig, mit angespannten Waden steht Hans Keck im hohen Gras. In der rechten Hand hält der sportliche Mann eine große Sense. In der anderen einen Schleifstein. Eine Windböe bringt sein langes Haar, das gelbe T-Shirt und die graue Hose zum Flattern. Er mäht das Gras und häuft es zu kleinen Hügeln. "Sieh mich an, ich bin 56 Jahre alt und noch immer topfit."

Hans Keck lebt seit 1997 am Rande eines Waldes bei der kleinen Ortschaft Täferrot in Ost-Württemberg auf einem eigenen Grundstück. Er zeigt auf sein Heim, ein Tipizelt. "Zunächst habe ich vier große Äste im Boden verankert und nach oben hin spitz zusammenlaufen lassen. Dann habe ich das ganze mit dünnen Laken, Planen und anderen Stoffen bedeckt und zusammengenäht." Vor dem Tipi hat er ein kleines Areal durch einen Zaun abgegrenzt, mittendrin steht ein Stall, in dem sich ein paar Ziegen untergestellt haben. Da kündigt ein Blitz ein Unwetter an. Hans rettet sich in sein Zelt.

In dessen Mitte hat er eine Mulde gegraben. Zwei Meter darüber befindet sich ein Brett, das an den Innenwänden des Tipis befestigt ist. "Hier räuchere ich immer meinen Käse, den ich aus der Milch meiner Ziegen herstelle." Um das Loch herum stehen zwei mit Fellen überzogene Bänke. Er macht Feuer und legt sich auf sein Bett, "ich hab es aus Ästen, Matratzen und Fellen konstruiert". Während der Regen prasselt und das Feuer züngelt, erzählt er. "Geboren wurde ich in Schwäbisch Gmünd. Mit 16 habe ich mit der Schule aufgehört und auf der Straße gelebt. Als ich 18 Jahre alt wurde, wollte ich eine Reise über Sardinien nach Tunesien machen. Ein Freund bot mir an, mich auf seinem Motorrad mitzunehmen. Da ich mich jedoch in Sardinien verliebte und Vater wurde, bin ich nicht mehr nach Afrika weitergefahren." Anschließend lebte er mit seiner kleinen Familie ein halbes Jahr in einem Zweimannzelt. Später schlug er sich einige Jahre als Bergbauer in Sardinien durch. Im Alter von 33 Jahren ging er mit seiner Familie nach Deutschland und lebte die nächsten Jahre in einer Mietwohnung in Spraitbach im Ostalbkreis. 1997 zog er an den Waldrand. Traurig blickt er ins Lagerfeuer und sagt: "Meine Frau hat sich umgebracht." Mehr möchte er darüber nicht sagen.

Der Regenschauer hat sich in einen Nieselregen verwandelt. Hans Keck macht das Gatter auf, blökend kommen die Ziegen und Zicklein aus dem Stall. Vor einer Hütte liegt ein schwarzer Mudi. "Das ist ein ungarischer Hütehund. Mein treuer Begleiter", sagt Keck und befreit ihn von der Leine. Sofort flitzt er hinter der Ziegenherde her und scheucht sie auf die angrenzende Wiese. "Durch die Ziegen verdiene ich zum Teil meinen Lebensunterhalt, indem ich Käse produziere und weiterverkaufe." Wasser bezieht er aus einer Quelle, für sein Essen sorgt der Waldmensch selbst. "Ich habe mir alle möglichen Kräuter, Gemüse und Obst angepflanzt. Johannisbeeren, Rote Bete, Kartoffeln, Löwenzahn und natürlich Brennnesseln. Daraus kann man guten Spinat kochen." Er sinniert. "Ich bin frei wie ein Vogel. Fast. Das schwerste an meinem Leben ist, dass ich mich nicht vollständig dem freien, der Natur zugewandten Dasein zuwenden kann. Denn ich brauche Kontakt zu anderen. Ansonsten verbittert man." Da seine Freunde und Verwandte jedoch in der "mediengesteuerten" Welt lebten, könne er sich nie vollständig "von der anderen Welt lösen". So hört er morgens Radio, um mitzubekommen was in der Welt vor sich geht.

Nachdem Keck seine Ziegen zurück in ihr Gehege gebracht hat, zeigt er seinen Wohnwagen, den er vor einigen Jahren gekauft hat und stolz seine "Villa" nennt und einen Geräteschuppen aus zusammengebundenen Bambusrohren. Ihn amüsiert, dass die meisten denken, er hätte viel Zeit und ein freies, unbeschwertes Leben. "Wenn die wüssten. Mein Leben ist arbeitsreich. Ich habe keine Heizung. Ich muss erst einmal Holz sammeln." Er wünscht sich, "dass die Schulen den Schülern auch beibringen, wie man innerlich stark wird" und "Menschen das Leben genießen, aber auch auf die Umwelt achten".

Informationen zum Beitrag

Titel
Waldmensch im Tipi
Autor
Florian von Staudt
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.05.2012, Nr. 119, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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