Unbehindert glücklich sein

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Hallo, hallo, Mama!", schallt es um kurz vor halb acht aus der ersten Etage bis hinunter in die Küche. Behäbig schlendert Lucas durch das Wohnzimmer, setzt sich auf seinen Platz neben seine Mutter und grinst über das ganze Gesicht. Er ist 19 Jahre alt und hat das Down-Syndrom. Essen ist seine große Leidenschaft. Jedoch muss es jeden Morgen das Gleiche sein: zwei Brote mit Marmelade. "Er braucht seinen geregelten Tagesablauf, und dazu gehören eben auch geregelte Mahlzeiten", erklärt seine Mutter Petra Rombach. Lucas benötigt die ständige Unterstützung der ganzen Familie. Jeder ist gefordert, sich mit ihm zu beschäftigen.

Wenn es dann heißt "anziehen", verschwindet Lucas sofort im Bad. Sein rundes Gesicht, die leicht aufwärts stehenden Augen und sein glattes Haar sind die typischen Merkmale dieser Behinderung. Außerdem ist er der Kleinste in der Familie, was ihn aber in keiner Weise stört. Ganz im Gegenteil. Lucas liebt es, die Aufmerksamkeit seiner Eltern auf sich zu ziehen. Nach zehn Minuten steckt er seinen Kopf aus dem Bad heraus. Seine Eltern sowie sein Bruder und seine Schwester wissen dann Bescheid, dass es ans Anziehen geht. Seine 23 und 16 Jahre alten Geschwister leben beide noch zu Hause. Er bekommt die Kleidung herausgelegt und schafft es auch weitgehend, sich selbständig fertig zu machen. Nur der Hosenknopf ist für den Jungen unüberwindlich. Dafür braucht er jemanden, der ihm hilft.

Zehn Monate nach seiner Geburt verzögerte sich die Entwicklung des Kindes: Das Krabbeln fiel ihm schwer, und Laufen konnte er erst mit zweieinhalb Jahren. Auch die kognitive Entwicklung ist bis heute nicht sehr ausgeprägt. Lucas spricht wenig und stottert. "Aber Kraftausdrücke kennt er zu Genüge und weiß sie auch geschickt zu artikulieren", gesteht seine Mutter schmunzelnd. Putzmunter wartet der Junge im Hausflur auf den Bus, der ihn in die nur 200 Meter entfernte Werkstatt in St. Katharinen bringt, eine Zweigstelle des Heinrich-Hauses in Neuwied. Wegen seiner großen Angst vor Hunden und vor vielen Autos haben seine Eltern entschieden, ihn mit dem Bus fahren zu lassen.

Wenn er dann langsamen Schrittes seine Arbeitsstelle betritt, wird er von allen Seiten begrüßt. Er versteht sich hervorragend mit seinen Kollegen, und gerade zu Menschen mit Down-Syndrom hat er eine besondere Bindung. Am Arbeitsplatz sind seine Betreuer gefordert, ihn ständig zu motivieren. Lucas reagiert oft spät, was mit seinen Wahrnehmungsproblemen in Verbindung steht. Die Arbeit besteht darin, dass die Beschäftigten leichte Metallarbeiten, wie zum Beispiel Verschraubungen, ausführen und für eine ortsansässige Schaumstofffirma Material verarbeiten und verpacken. Manchmal kann es mittags passieren, dass von der Werkbank aus ein leises Schnarchen ertönt. Dies wird aber von allen Mitarbeitern akzeptiert, da es in der Einrichtung sowohl Menschen mit geistiger als auch körperlicher Behinderung gibt und alle ein unterschiedliches Arbeitspensum besitzen.

Um 16 Uhr trifft meist eines seiner Geschwister ein, um ihn abzuholen. Mit einem Küsschen auf die Wange empfängt der Junge seine Familie. "Seine Liebe uns gegenüber zeigt uns jeden Tag aufs Neue, dass es sich lohnt, so viel Kraft und Aufmerksamkeit in seine Förderung zu stecken", erklärt sein Bruder David, indem er Lucas seine Hand zum Einschlagen hinhält. Sein Erscheinen erregt in der Öffentlichkeit Aufmerksamkeit, das stört ihn und seine Familie nicht, denn eine wirkliche Ablehnung haben sie noch nie erfahren. Zu Hause angekommen, entspannt sich der Junge auf seine eigene Weise: Er isst einen Erdbeerjoghurt und besucht seine Großeltern, die nebenan wohnen. Bei schönem Wetter geht er gerne spazieren oder spielt mit seiner Familie Fußball. "Das fördert stark seine Motorik", erklärt sein Vater Michael Rombach, Justitiar bei der Kreissparkasse Ahrweiler. Jeden Tag freut sich "Luci", wie er oft genannt wird, auf den Sommer, denn dann kann er sich seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Schwimmen, widmen. Als die Familie nach Italien-Urlauben gesehen hat, wie viel Spaß Lucas im Wasser hat und wie frei und eigenständig er sich darin bewegen kann, haben sie einen Swimmingpool im Garten gebaut.

Gegen halb acht abends wird zu Abend gegessen. Lucas übernimmt kleinere Aufgaben, wie das Abtrocknen von einzelnen Geschirrteilen oder auch das Blumengießen. Zu später Stunde hat er sein Lächeln nicht verloren. Beim Vorlesen hört er gespannt zu und freut sich über jeden, der ihn unterstützt. Besonders gern liest er "Die Arche Noah". Wenn ihm dann langsam die Augen zufallen und er bemerkt, dass er müde wird, sagt er: "Papi, hoch gehen!", verabschiedet sich mit einem charmanten Lächeln und geht guten Mutes die Treppen hinauf, die er vor 14 Stunden mit einem "Hallo, hallo, Mama" hinabgestiegen ist, um den Tag zu beginnen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Unbehindert glücklich sein
Autor
Lea Rombach
Schule
Martinus-Gymnasium , Linz am Rhein
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.05.2012, Nr. 124, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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